02.04.08

Höflich vor dem Tor

Doris Knecht | 04/08 | Kurier-Kolumne

Zum Schluss fielen die Schweizer dann nicht durch übertriebene Höflichkeit auf, sondern im Gegenteil: Am Flughafen zwangen sie mich, die Stiefel auszuziehen, ohne mir auch nur einen Stuhl dafür anzubieten. Aber Höflichkeit spielt am Security Check halt leider eine untergeordnete Rolle.
Wenn es nach den Schweizer Fussball-Trainerinnen Ruth W. (im Brotberuf Filmproduzentin), Niza W. (Schülerin) und Ewa H. (Kulturchefin) geht, spielt Höflichkeit dagegen eine viel zu große Rolle auf dem Platz der Schweizer Fußballnazi. (Nazi, geschrieben Nati: So nennen die kollektiv zu Diminuitivzwängerlei neigenden Schweizer ohne Witz ihre Nationalmannschaft.  Ihren Stadtpräsidenten nennen die Zürcher Stapi. Meine Güte.)
Wo war ich ? Ach ja, in der Zürcher Pizzeria Strozzi im Seefeld, wo  die erwähnten Damen die letzte Niederlage der Schweizer Elf kommentierten, während sie ihre Pizze säbelten: Die habe doch wieder einmal suprrr gschpält, und sei nur wie immer vor dem Tor zum Haareraufen höflich vorgegangen: Bitte, du zu zuerst. Nein, du zuerst!
Das ist insofern bemerkenswert, als ich hier in Wien kaum Damen aus der Kreativwirtschaft kenne, mit denen ich mich beim Abendessen über Fussball  unterhalte: Nicht eine meiner Freundinnen interessiert sich nennenswert für Fussball.  Daraus leite ich jetzt  einmal empirisch ab, dass die Schweizer insgesamt über eine wesentlich höhere Fußballbegeisterung verfügen als wir Österreicher und daher  Achtung, bei der EUROphorie momentan die Nase vorn haben. Dafür sind, und ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde, die Österreicher höflicher: Zumindest am Flughafen, denn in Wien durfte ich die Stiefel anbehalten.
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