30.04.08

Respekt für die Opfer

Doris Knecht | 04/08 | Kurier-Kolumne

In Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von 1974 schmuggelt sich ein Journalist als Anstreicher verkleidet in ein Spital, um sich ein Interview mit der kranken Mutter einer  Verdächtigen zu erschleichen : Nach allem, was erst vor Tagen im Zusammenhang mit geheimen Akten zum Kampusch-Fall geschehen ist, darf man vermuten, dass sich der Boulevard auch diesmal einiges einfallen lassen wird, um möglichst als erstes an die Opfer des grauenhaften Amstettner Verbrechens heranzukommen. Fotos zu zeigen. O-Töne zu bringen. Man könnte sich als Pfarrer verkleiden, als Nonne, als Ärztin, als Reinigungs- oder Sicherheitspersonal, um sich Zugang zu den Räumen zu verschaffen, in denen diese arme Frau und diese armen Kinder gerade betreut werden. Es wird versucht werden. Als Realist ist man diesbezüglich frei von Illusionen.
Es ist logisch, es ist richtig, dass  über ein derart schockierendes Verbrechens ausführlich berichtet wird. Dagegen ist nichts einzuwenden: Die Leute wollen und sollen wissen, was da passiert ist. Und wie so etwas geschehen konnte: Dieses Wissen schafft  ein Stück Basis dafür, dass etwas derartiges hoffentlich nicht wieder vorkommt (wenngleich man es nicht ganz verhindern kann). Aber wenn Medien vorsätzlich und, wie bei Kampusch, auf  Grundlage weiterer Verbrechen das Recht auf Privatsphäre der Opfer verletzen, gehen sie entschieden zu weit.
Es gilt: Alles, was die Opfer von sich aus über sich preisgeben wollen, ist in Ordnung. Alles, was  gegen ihren Willen veröffentlicht wird, alles was sie bloßstellt und ihnen weiteren Schaden zufügt, ist inakzeptabel. Das gilt auch für die Konsumenten: Wir sind alle neugierig, ja. Aber die Opfer gehören respektiert.
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