Doris Knecht
| 05/08
| Kurier-Kolumne
Der Urlaub mit befreundeten Familien war sonnig und harmonisch, und, wie immer, störte nur ein Streitpunkt die Idylle: Was essen die Kinder? Ist ihnen eine ungewohnte Kakao-Sorte zumutbar oder muss man 15 Kilometer autofahren, um ihnen die vertraute zu besorgen? Brauchen Kinder immer ein extra Kindermenü (vorzugsweise frittiert oder gezuckert), oder kann man von ihnen verlangen, das zu essen, was die Erwachsenen essen? Verstößt es gegen die Menschenrechte, wenn man Kinder zwingt, grünes oder fremdes Essen zu probieren? Wir kamen, wie immer, zu keiner Einigung.
Doch während unsere Wohlstandskinder es als eine Form der Misshandlung betrachten, wenn man ihnen Zucchini serviert, hungern und verhungern in längst nicht mehr weit entfernten Teilen der Welt Kinder und Erwachsene: aufgrund von Katastrophen. Und aufgrund von Nahrungsmittel-Preiserhöhungen, für die wir mitverantwortlich sind.
Wenn wir, als ersten Schritt, Kindern möglichst keinen Mist füttern, ist es ein logischer zweiter, ihnen Respekt vor der Qualität und dem Wert ihres Essens zu vermitteln. Man muss – nein: man sollte – dabei nicht so weit gehen wie das Zeit-Magazin, das genau während der großen Reis-Krise Schul-Pausenbrot-Rezepte von Sternen-Köchen druckte: Röllchen aus Crepes und frischem Thunfisch, Karottenbrot mit Prager Schinken, Röstbrot mit Bundkarotten, Avocado und Appenzeller Käse. Das ist nur noch zynisch.
Kinder sollen über ihr Essen Bescheid wissen. Denn es spielt eine Rolle, wo es herkommt, unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde und wer es nicht hat. Das Essen auf unserem Teller ist politisch: auch das auf dem Kinderteller.