01.05.08

Der beste oder der schlimmste Ort der Welt

Doris Knecht | 05/08 | Kurier-Kolumne

Was mich interessiert: diese Mutter. Denn die Mutter der im Verlies gequälten 42jährigen, wird derzeit gemeinsam mit „ihrer“ Familie in einer psychiatrischen Abteilung betreut: Sie hat offenbar Opfer-Status. Was  eigenartig anmutet. Und  viele Fragen aufwirft.
Wie konnte diese Frau 24 Jahre lang ignorieren, dass ihre Tochter und deren Kinder direkt unter ihr gequält wurden? Wie konnte diese Frau  ein Kind dieser Tochter nach dem anderen von der Türschwelle auflesen, ohne zu fragen, wo ihr eigenes Kind geblieben ist? Wieso hat diese Frau  nie versucht, ihre Tochter, die offenbar ständig irgendwo in der Nähe Kinder gebar, zu finden? Und wie konnte sie schon früher über Jahre hinweg übersehen, dass ihre  elf-, zwölf, 13-, 14-, 15-, 16-, 17-jährige Tochter von ihrem Ehemann immer wieder vergewaltigt wurde?
Es ist immer wieder schockierend: Da sind scheinbar intakte Familien mit traditionellen Rollenverhältnissen, in denen die Mutter keine anderen Aufgabe hat, als sich um ihre Familie, ihre Kinder zu kümmern. Wie kann man, wenn das der Lebensinhalt ist, übersehen, ignorieren, verdrängen, ja: tolerieren, dass diese Kinder vom Vater missbraucht und gequält werden?
Die Ignoranz dieser Mutter – und aller Mütter, die wegsehen, wenn sich Väter und Stiefväter an Kindern vergehen – ist leider auch signifikant für das Dilemma der Institution Familie: Sie kann für ein Kind der beste, wärmste, sicherste Ort der Welt sein. Oder der grauenhafteste, an dem ihm furchtbare Dinge angetan werden, und wo weggeschaut wird: von Vater und Mutter, von genau denen, die es lieben und beschützen sollten.
Es fällt schwer, die Mutter  als Opfer zu sehen.
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