2.05.08

Raus aus der Opferrolle

Doris Knecht | 05/08 | Kurier-Kolumne

Innerhalb von Familien gibt es eine Hierarchie von körperlicher Stärke: 1. Vater, 2. Mutter, 3. Kinder. Manchmal, selten, sind die Frauen kräftiger als die Männer, meistens hat der Vater die potentielle Gewalt-Hegemonie. Die schwächsten sind immer die Kinder.
Die schutzbedürftigsten sind immer die Kinder. Die bemitleidenswertesten Opfer sind immer die Kinder. Nicht, dass  die von ihren Männern misshandelten und eingeschüchterten Frauen kein Mitleid verdient hätten: haben sie. Und Hilfe. Aber selbst diese Frauen sind, bei aller Abhängigkeit, immer noch stärker und autonomer als ihre Kinder. Sie können sich aus eigener Kraft aus dem Martyrium einer gewalttätigen Ehe  befreien und aus ihrer Opferrolle heraustreten: Kinder haben diese Möglichkeit nicht.
Die Schutz-Hierarchie kann also nur so aussehen:  Mütter haben die Pflicht, ihren Kindern zu helfen. Zum Beispiel, indem sie Hilfe holen. Hilfe von staatlichen Institutionen, die weitgehend vorhanden ist .
Allerdings: Wenn man möchte, dass Frauen keine Opfer mehr sind, müssen auch einige Rahmenbedingungen radikal geändert werden. Zum Beispiel das Gesetz, das es Asylwerbern verbietet, mit legaler Arbeit Geld zu verdienen, mit einer Ausnahme: Frauen dürfen sich prostituieren. Das heißt: Tür auf für Zwangsprostitution und Gewalt an Frauen. So macht man Frauen zu Opfern.
Auch das muss aufhören, wenn wir nicht wollen, dass Frauen Opfer bleiben und sich in ihrer Opferrolle einigeln – so sehr paralysiert, dass sie nicht mehr in der Lage sind, das Leid ihrer Kinder zu sehen und ihnen zu helfen. Vor allem muss die Autonomie von Frauen innerhalb der Familien gestärkt werden: Unabhängigkeit, auch ökonomische Unabhängigkeit ist ein elementarer Schritt, um innerfamiliäre Verbrechen zu beenden und zu verhindern.
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