Mehr als 15.000 Unterschriften sammelten Fans der Serie „Die Schwarzwaldklinik“, um vom ZDF eine Neuauflage des Brinkmann-Epos zu erzwingen; wenigstens eine 90-minütige Fortsetzung jährlich. Eine besonders hartnäckige Form des Eskapismus: der Schlusspfiff der Serie liegt 19 Jahre zurück.
Apropos Eskapismus, lt. Duden : „A) Hang zur Flucht vor der Wirklichkeit und den realen Anforderungen des Lebens in eine imaginäre Scheinwirklichkeit. b) Zerstreuungs- und Vergnügungssucht, besonders in der Folge einer bewussten Abkehr von eingefahrenen Gewohnheiten und Verhaltensmustern.“ Trifft a) auf die österreichische Nationalelf, b) auf die Europameisterschaft als solche zu.
Wenn auch nicht für jeden gleich stark. Vorgestern, bei der Grillparty mit Mini-Public-Viewing, entspann sich zwischen zwei (männlichen) Freunden ein Wortwechsel, in dem der eine etwas in der Art sagte, es sei gut, wenn der Bledsinn endlich vorbei sei, und der andere entrüstet entgegnete, Fußball sei kein Blödsinn, sondern eine immens ernste Sache. Woraus sich ein interessantes ballosophisches Geplänkel entwickelte, ob es sich anhand aller einigermaßen vergleichbaren Parameter wissenschaftlich errechnen lasse, was unterm Strich welthistorisch bedeutender sei: ein EM-Finalspiel oder, zum Beispiel, eine Novelle von Arthur Schnitzler. Man kam zu keinem Schluß, und dann fing schon das Match an.
Bei dem mir, wie schon beim Schweiz-Tschechien-Spiel, auffiel: Der Hang zum Eskapismus aus der eigenen Körperlichkeit mit den Mitteln des Karnevals wird im Stadion immer intensiver. Mittlerweile schmücken sich Fans, bevor sie zum Match gehen, als besuchten sie den Life-Ball. Nur nicht ganz so sexy; und das völlig ok.