3.06.08

Sauber, Oma!

Doris Knecht | 06/08 | Kurier-Kolumne

Die Oma ist wieder einmal auf Besuch, ein Elternteil ist auf Dienstreise, Oma hilft aus. Das ist schön. Allerdings ist die Oma der Meinung, dass eine Frau, die an ihrem Schreibtisch sitzt und konzentriert in eine Zeitung oder auf einen Bildschirm schaut, damit das Signal aussendet, dass sie deprimiert oder gelangweilt ist, jedenfalls aber aufgemuntert werden muss. Überdies ist die Oma der festen Überzeugung, dass Schreiben, wie Bügeln, eine Tätigkeit ist, während der man nebenbei fein konversieren kann. 
Während sie bügelt und ich heimlich versuche, Sätze in meinen Computer zu tippen, unterhält Oma mich mit netten Geschichten aus dem Leben ihrer anderen Enkelkinder, Schwerpunkt Verdauung. Nachdem ich lückenlos informiert bin und  an allen dafür vorgesehen Stellen heiter gelacht habe, verlässt die Oma das Zimmer, und kommt  eine Minute später wieder um mir mitzuteilen, es rieche in der Küche nach Gas.
Das ist insofern interessant, als die Oma in ihrem ganzen Leben in keiner Wohnung mit Gas gewohnt oder sonst wo Gas gerochen hat, also nur vermuten kann, wie  Gas riechen könnte. Und obwohl auch wir in der Küche kein Gas haben, dauert es ein Weilchen, die Oma davon zu überzeugen, dass wir nicht in Lebensgefahr sind und der Geruch von einer Instant-Thai-Suppe ausgeht  ausgeht, die auf dem Küchentisch abkühlt. Diese Suppe rieche exakt wie Gas, sagt die Oma, und sicher sei nun mal sicher.
Später, als ich ins Büro geflüchtet bin,  macht sich die Oma am Balkon nützlich und rupft alles aus, was sie für Unkraut hält, was bedeutend mehr ist, als ich für Unkraut halte. Aber es sieht auf dem Balkon jetzt viel aufgeräumter aus, und ich sage schön, Oma!, danke.
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