28.06.08

So ein Tag, so minderschön wie heute

Doris Knecht | 06/08 | Kurier-Kolumne

Das war nicht immer ein schöner Tag. In der Volksschule ja, in der Hauptschule auch: Da war es der Tag, an dem man einen Zettel mit nichts als Einsern und Zweiern darauf heimbrachte, dafür von den Großeltern die Wangen getätschelt und die Hand mit Münzen gefüllt bekam, und neun volle Ferienwochen breiteten sich verheißungsvoll vor einem aus.
Danach, in der Mittelschule,  verlor der Tag viel von seinem Reiz: Es war der  Tag, an dem die Zahlenwerte auf dem Zettel den Großeltern kaum mehr Anlass gaben, voller Stolz auf die tüchtige Enkelin das Börsel zu zücken. Auch fand sich auf dem Zettel die unangenehme Rubrik „Betragen in der Schule:“ neben der eigentlich nie Lobenderes stand als Zufriedenstellend, und öfter als einmal  Wenig zufriedenstellend. Völlig ungerechtfertigterweise, also in den Augen der Schülerin, die den Eltern erfolglos zu erklären versuchte, das liege nur am pädagogischen Unvermögen inkompetenter Lehrer, denen es nicht gelänge, die Schüler so für den Lehrstoff zu interessieren, dass diese ihm  zu folgen gewillt seien, anstatt...  Schwamm drüber. 
Es war also der Tag, an dem man gesenkten Hauptes vor seine Erzeuger trat  und, Zerknirschung in der Visage, Besserung gelobte. Und leider lagen auch keine neun vollen Wochen Ferien vor einem, sondern nur vier, fünf, höchsten sechs, weil man den Rest der Zeit – eigene Wünsche erwangen, die Erziehungsberechtigten wollten es – in Altersheimen, Konservenfabriken, Wäschereien, Druckereien oder Büros schuftete.
Schließlich war es dann einmal der Tag, an dem auf dem Zettel  Fünfer leuchteten. Und: Nein.  Durchgefallen, Klasse wiederholt. Und alles ganz gut überstanden: Auch wenns an jenem minderschönen Tag höchst unwahrscheinlich schien.
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