18.06.08

Vom richtigen Zeitpunkt

Doris Knecht | 06/08 | Kurier-Kolumne

Wenn es einen schlechten Zeitpunkt gibt um eine Kolumne zu schreiben, dann den augenblicklichen: Denn zwischen dem Verfassen und dem Erscheinen dieses Textes liegt das Ereignis der Saison, wo vielleicht nichts Ungewöhnliches, vielleicht aber Historisches passiert. Da kann man einerseits nicht so tun, als wär’s ein ganz normaler Montag, auf den ein ganz normaler Dienstag folgt. Andererseits sollte man sich erfahrungsgemäß lieber nicht in kühne Behauptungen versteigen: Was ist peinlicher als die Prophezeiung, die schon bei der Auslieferung der Zeitung von der Geschichte falsifiziert wird? Zudem liegt Schopenhausers „Kunst, Recht zu behalten“ leider auf meinem anderen Schreibtisch, kann also ausgerechnet in diesem heiklen Moment nicht konsultiert werden. Aber es enthält, soweit ich mich entsinne, sowieso keine Vorschläge, wie mit historischen Fußballereignissen zu verfahren sei, die zum Zeitpunkt des Erscheinens einer auf sie bezogenen Schrift schon Historie sein  werden.
Meine fußballnarrischen Kinder dagegen finden, es sei derzeit allerweil der richtige Zeitpunkt, besonders abends, weil ihre Mutter es nicht übers Herz brachte, ihnen zu verbieten, den Deutschländern, Frankreichern, Tschechiern und vor allem ihren Lieblingen, den Portugallern, vorm Fernseher beim Fußballspielen zuzusehen.
Leider finden die Matches fortan nur noch nach acht statt, normalerweise der unverhandelbar richtige Zeitpunkt, ein Kind ins Bett zu schicken. Na gut, die erste Halbzeit, aber dann ohne Geraunze! Außer vielleicht beim   historischen Spiel, bei dem die Österreicher vielleicht die Deutschen besiegt haben werden oder auch nicht, also heute Abend, also gestern, also... Ach, Sie wissen schon.
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