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Doris Knechtder doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.07.08

Desto freundlicher

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Sie, Leserschaft! Ich habe das schon einmal erwähnt! Sie korrumpieren letztlich den Journalismus, wenn Sie so heftig auf gastronomische Themen reagieren! Aber erstens freut mich Ihre zahlreiche Rückmeldung. Zweitens regte Sie die Sache mit dem Riesentrinkgeld für einen unhöflichen Kellner natürlich auf; und die ist alleridngs diskutabel.
Also: Soll man für eine minderwertige Dienstleistung viel, übliches oder überhaupt Trinkgeld geben? Die meisten Leserinnen und Leser fanden, es war eine faszinierend blöde und/oder komplett kontraproduktive Idee, den unfreundlichen Kellner auch noch fest zu belohnen. Und ich sehe ein, dass der Plan, einen Rabiator via übertriebener Zuwendung in seiner Aversion zu erschüttern und solcherart auf den Weg der Höflichkeit und Tugend zu führen, diesmal radikal gescheitert ist.
Dennoch bin ich der unpopulären Meinung, dass man immer freundlich sein muss.  Und zwar desto freundlicher, je unfreundlicher man behandelt wird. Es mag schon sein, dass dieses Vorgehen, siehe Exempel, akut oft wirkungsfrei bleibt und man, speziell im Dienstleistungsbereich, mitunter zu härteren Mitteln greifen muss, um Höflichkeit zu erzwingen. Aber meistens erzeugt Freundlichkeit Gegenfreundlichkeit, ebenso wie erwiderte Aggressivität sich maßlos aufschaukeln kann. Plus, es  profitiert langfristig der eigene Seelenfriede  vom Nettsein, während er Wut und Hass flieht. (Klingt nach einer „My-Name-is-Earl“-Weisheit, stimmt aber.)
Allerdings  haben Sie Recht: Belohnen braucht man  herablassende Arroganz nicht, sonst wird Wien bald Paris, wo Restaurantgäste sich vom Personal für viel Geld wie Dreck behandeln lassen. Gut, also: nächstes Mal gibt’s statt tüchtig Trinkgeld tüchtig Meinung.
30.07.08

Es fängt immer klein an

| Comments (0) | 07/08 | Falter-Kolumne

Man hätte, wenn man ein Haus im Waldviertel besäße, vielleicht auch eine Pumpe, weil das Wasser aus dem eigenen Brunnen käme. Und die Pumpe könnte nicht funktionieren, wenn man am Samstag das Wasser anmachen wollte; nichts, niente. Der Horwath, der sich mit Pumpen auskennt, würde erste Anzeichen von Reue zu verbergen versuchen, dass er damals mit dem Finger auf dieses Haus gezeigt haben würde, wäre das nicht etwas für euch? Jetzt musste er, weil der Lange Kettensäge nicht kann, schon Bäume fällen, dann waren seine Fähigkeiten beim Autoanschieben gefragt, dann seine Kenntnisse des Siphons, jetzt auch noch die Pumpe. Das kann ja noch bravo werden.

Doch wenngleich des Langen Fertigkeiten beim Thujenkillen und bei der Pumpeninstandsetzung stark verfeinerbar sind, ist er überraschend gerne Nebenniederösterreicher und zelebriert das mit launigen Lesungen aus der NÖN und dem regionalen Bezirksjournal. Es werden hier noch Linden und Autos gesegnet, und zärtliche Landwirte mit tiefer Sehnsucht nach Neubeginn suchen ihr Äquvivalent. Der Lange ist vom Landleben wesentlich angetaner als er prophezeit hat, er würde nämlich, hat er prophezeit, das Scheißlandleben scheißmäßig hassen und, nur damit ich mir keine Illusionen machte, alles was ich dort von ihm zu sehen bekommen würde, sei seine auf einem Liegestuhl dahingestreckte Silhouette, er rühre dort keinen Finger. Außer die, die nötig seien, dass einem die Zeitung nicht aufs Gesicht fällt. Und so weiter, der Lange halt. Seit ihm aber aufgefallen ist, dass die Kinder am Land in dem Augenblick verschwinden, in dem man dort die Autotür aufmacht und er nun jedes Wochenende keine Minute am Spielplatz und im Prater verbringen muss, ist er mit dem Landleben versöhnt. Ich würde so weit gehen zu behaupten, der Lange liebt das Landleben, und wenn er die Zeitung ausgelesen hat, greift er nun freiwillig zum Astzwicker. Denn die Möglichkeit, seinen irgendwie angeborenen Zerstörungsdrang, den er bisher nur in Familie, Freundeskreis und Beruf ausleben durfte, auf die Natur auszuweiten, hat sogar über seine natürliche Abscheu gegenüber jeglicher handwerklicher Betätigung gesiegt. Der Astzwicker ist das neue Werkzeug des Langen, und mit ihm fand der Lange sein Mantra: Das muss weg. Der Horwath sagt, er findet, der Lange ist jetzt viel ausgeglichener.

Sorgen macht mir, dass es beim Horwath, der gerade in Imkermontur auf seinem 15er Steyr-Traktor an meinem Gartentor vorbeiknattert, auch mit einem Astzwicker angefangen hat. Oder mit einer Gartenkralle oder derlei. Es fängt immer klein an, und bald wird der Lange seine Bäume mit seinem eigenen Caterpillar umschmeißen, aber das behalte ich jetzt einmal für mich.

Boboville
Boboville - Residenz Verlag

29.07.08

Du bist nicht würdig

| Comments (2) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Weil die Kinder im Sommerlager sind, beschließen wir, wieder einmal richtig gut essen zu gehen. Wo? Da, da oder da? Da, ja!, in diesem bekannten kleinen Lokal auf dem Naschmarkt. Da wollte ich schon lange hin.
Wir haben einen Tisch reserviert und bekommen, nachdem der Kellner den Raum überblickt, den Katzentisch unter der Theke, wo wir ein Weilchen sitzen, ohne dass uns jemand nach Wünschen fragte. Dann wird ein kleiner Tisch am Fenster frei, wir bitten um Umsiedelung, was uns widerwillig gewährt wird. Bei der Bestellung blafft uns der Kellner an: Was, das wollen Sie? Aha?, und rennt davon, bevor wir ihm noch den Hauptgang sagen können: Sie!, Entschuldigung: und dann bitte noch den Drachenkopf für zwei. Das Essen kommt und ist fantastisch, macht aber keine Freude, weil man uns den ganzen Abend zu verstehen gibt: Wir verderben dem Kellner durch unsere Existenz die Laune. Wir sollten nicht hier sein.
Falls Sie, wie ich, aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammen, kennen Sie das: Das Gefühl, nicht würdig zu sein, an einem edlen Ort zu essen oder einzukaufen. Und dieses Gefühl, das ich über die Jahre allmählich verscheuchte, habe ich hier, in diesem kleinen Lokal, wieder: wo wir – wir wissen nicht, warum – unerwünscht sind. Und nichts kann daran etwas ändern: konsequente Freundlichkeit nicht, ein bisschen Schmäh nicht, Unterwürfigkeit nicht. Der Kellner bleibt aggressiv unfreundlich.
Die Rechnung macht 133 Euro aus und wir geben 17 Euro Trinkgeld; und als wir gehen, kann sich der Kellner, der an einem Tisch, an dem wir vorbeigehen, beschäftigt ist, kein Auf Wiedersehen abringen. Und, naja, zu Recht irgendwie: Denn hier sehen wir uns gewiss nicht wieder.
27.07.08

Kurz-Korrektur

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Leserin Helga A. schickt ein empörtes Mail auf meine Straßenquerungskolumne von letzter Woche, in der eine Kollegin auf einem Zebrastreifen zweimal beinahe überfahren worden wäre, u.a. von einem Polizeiauto. Frau A. nun schreibt: Sie! Es gibt gar keinen Zebrastreifen in der Auhofstraße Höhe Bossigasse! Und dass ich  mich bei den Autofahrern entschuldigen soll! Die Kollegin reagiert auf das weitergeleitete Mail zerknirscht, weil, krawutzi, das stimmt. Es war die Hietzinger Hauptstraße, auf der ihr das passiert ist, sie hat das im Zuge ihrer Irritation verwechselt: Aber geschehen ist es; weshalb ich, nichts für ungut, Frau A., die Autofahrer-Entschuldigung lasse.
Auch die Wiener Linien korrigieren mich. Hin und wieder kaufe ich einen Handyfahrschein, was, so lernte ich es der Wiener-Linien-Website so geht: Man schickt an eine Telefonnummer ein SMS mit der Nachricht T*Single oder T*Day und darf dann 90 Minuten oder den ganzen Tag öffifahren. Dazu hat die Website einen  „Tipp: Wer abkürzt, ist noch schneller! Kürzen Sie „Single“ mit „S“ und „Day“ mit „D“ ab.“
Danke, mache ich, weil kurz ist gut. Und ich erhalte auch gleich ein SMS  mit folgender  „INFO! Für Singletickets senden Sie bitte SINGLE, für Daytickets DAY. Herzlichen Dank!“ Was jetzt?? Kostet mich jedenfalls noch einmal 8,3 Cent, zu den 2,20 fürs Ticket und den 8,3 fürs erste SMS. Aber was, wenn ich nicht nachschaue, weil ich das SMS für den Fahrschein halte und zufällig kontrolliert werde? Bin ich dann Schwarzfahrer?
Leser Josef J. hat unlängst auf der KURIER-TV-Seite  folgenden Satz ertappt: „Brenner (Josef Hader) ermittelt in Salzburg, der Gatte der Tochter der Salzburger Festspiele ist ums Leben gekommen.“ Der ist auch etwas zu kurz geraten.
25.07.08

Kinder machen arm

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Kinderbetreuung wird, soviel ist sicher, ein Wahlkampfthema. Und bevor es uns das BZÖ unmöglich macht, rechtspopulismusfrei über Gratiskindergärten nachzudenken, tun wir das noch schnell.
Eine Wiener Bekannte, in Scheidung lebende, alleinerziehende Mutter von vier Kindern zwischen zwei und zehn, suchte bei der Gemeinde um eine Förderung der Hort- und Kindergartenkosten ihrer Kinder an, die derzeit 1200 Euro im Monat ausmachen würden: Da allerdings die gut 2000 Euro Gehalt des Noch-Gatten, der in der Wohnung nicht mehr gemeldet ist, als Grundlage genommen wird, bekommt die Frau keine Förderung. Es wurde ihr von der Gemeinde Wien geraten, sich doch einfach eine billigere Wohnung zu suchen. 
Grundsätzlich darf Kinderbetreuung etwas kosten: weil sie einen Wert hat. Aber auch die Gesellschaft muss es sich etwas kosten lassen, wenn sie will, dass Frauen schnell wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen, dass Alleinerzieherinnen nicht automatisch verarmen oder kinderreiche Familien an oder unter der Armutsgrenze leben. Und wenn ihr die Frühintegration von Migranten-Kindern  ein   Anliegen ist.
 Lauter Argumente für den  Gratis-Kindergarten, mindestens ein Jahr lang.  Wobei das nicht so eine halbe Halbtagsgeschichte sein darf wie  etwa in Vorarlberg, wo die Kinder mittags abgeholt werden müssen. So kann man nicht arbeiten.
Aber je länger die Frauen bei ihren Kindern daheim bleiben, desto schwerer tun sie sich, wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Und je mehr vom Gehalt für die Kinderbetreuung aufgewendet werden muss, desto lieber lässt man das Arbeiten ganz. Mal abgesehen davon, dass, danke SPÖ,  Kinderbetreuung in Österreich steuerlich nicht absetzbar ist: Auch darüber muss man dringend reden.
24.07.08

Dabei sein ist alles

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Liebe Anzüge, die der Designer La Hong den Olympia-Teilnehmern da geschneidert hat. Und putzige Kostüme; wenngleich sie ihre Trägerinnen ein wenig gitti-edrig aussehen und, aufgrund der Rot-Parallelen zu den AUA-Uniformen, relativ servil wirken lassen. La Hong hätte es, wenn er sich schon unbedingt stur den österreichischen Wappenfarben verpflichtet fühlte, natürlich auch umgekehrt machen können: helle, elegante Kostüme für die Damen, rote Anzüge für die Herren. Das würde schwul ausschauen? Schlecht? Man stelle sich vor, La Hong hätte Rot-Weiß-Rot gemixt und  alle Sportler, Männlein wie Weiblein, demokratisch in rosa nach Peking geschickt... Also noch mal Glück gehabt: Rosa steht nämlich nicht jedem.  Wenngleich Markus Rogan in Pink gewiss prächtig ausgesehen hätte.
So richtig schön findet die Ausstattung fast niemand: Die Sportler haben bei der Anprobe tapfer gelächelt, aber nicht übertrieben glücklich gewirkt. Es gibt Stimmen, die ätzen, das Offizial-Gewand der österreichischen Olympia-Teilnehmer, die Anzüge vor allem, sähe irgendwie knittrig aus, billig gar: aber wir wollen Herrn La Hong nicht unterstellen, dass er schon für seinen nächsten großen Auftrag geübt hat. Er entwirft nämlich gerade Mode für  den Diskonter Hofer. Die erste Kollektion wird im Herbst präsentiert.
49 Prozent von La Hongs Unternehmen gehören übrigens seit einiger Zeit Erika Rumpold. Die hat uns im Eurofighter-Untersuchungssausschuss gezeigt, was für eine tüchtige Unternehmerin sie ist. Und dass der olympische Gedanke auch im Geschäftsleben wunderbar anwendbar ist: Dabei sein ist alles; und dann das Maximum für sich herausholen.Ob in rot oder weiß ist dabei eher powidl.
23.07.08

Heimweh

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Die Geschichte von den zwei Vorarlberger Buben am Berg, acht und vierzehn, hat mich gerührt. Eine Heidi-Geschichte, irgendwie. Die beiden Buben waren auf einer Alm im Vorarlberger Kleinwalsertal, Kühe hüten, und bekamen da so furchtbares Heimweh, dass sie sich – einer in Gummistiefeln – ganz allein zu Fuß auf einen elends langen Heimweg über einen 1900 Meter hohen Berg machten.
Und erstens hatte ich als Kind auch immer so Heimweh. Zweitens sind, wie viele andere auch, die eigenen Kinder gerade im Sommerlager (sie wollten unbedingt), und ich habe schon wieder so Heimweh (die Kinder nicht). Drittens, apropos Berg, hirnt man auch ein bisschen darüber, was die beiden Männer, die noch am Nanga Parbat sind, gerade denken: An ihren Freund, den Vater dreier Kinder, der tot am Berg geblieben ist. Dass sie jetzt doch lieber daheim bei ihren Familien wären, wahrscheinlich. Und wie sie das schaffen können. (Es ist mir ja unverständlich, wieso Menschen, die zuhause Kinder und Partner haben, sich freiwillig in derartige Lebensgefahr begeben. Aber, bitte, ich bin keine Bergsteigerin.)
Wandern kann ich dagegen, und daher ich kenne ungefähr die Gegend, in der die beiden Buben unterwegs waren, besser: die im Bregenzerwald, wo sie über den Berg offenbar hinwollten. Das sind wunderschöne Almen  mit fettem Grün und glücklichen Kühen. Aber meine Kinder würde ich nicht ganz allein dort oben lassen, jedenfalls nicht, wenn sie acht wären. Und ich würde sie  nicht erneut dort hinauf schicken – wo sie offenbar wieder sind – nachdem sie einen Berg bezwangen, um bloß wieder daheim zu sein.
Heimweh ist nämlich furchtbar;  das weiß ich zufällig genau.
23.07.08

Was machen wir jetzt?

| Comments (0) | 07/08 | Falter-Kolumne

Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?

Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.

In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.

Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt  im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
22.07.08

Kinderaussackeln mit Panini

| Comments (1) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Jetzt gibt Klara E. auf und bestellt die letzten acht noch fehlenden Panini-Pickerl für das Album ihrer achtjährigen  Tochter direkt bei Panini. Einem dem Album beiliegenden Faltblatt, das Klara E. klugerweise aufgehoben hat,  entnimmt sie, dass sie bis zu 50 Pickerl zum Preis 18 Cent pro Bild bestellen kann, Versandkosten zwei Euro.
Klara E. klinkt sich bei panini.at ein, wo sie erfährt, dass sie Mitglied im „Panini Web Club“ werden muss, um eine Pickerlerwerbsberechtigung zu erlangen. Für die Aufnahme in den Club wird zwingend verlangt: email, Passwort, Vor- und Zuname, Nickname, Geburtsdatum, Adresse, Telefon, Geschlecht. Und das Akzeptieren der „allgemeinen Geschäftsbedinungen des Panini Web Club (obligatorisch)“, im Rahmen derer  um die Berechtigung „zur Verwendung der persönlichen Daten, die auf dieser Website gesammelt werden“ gebeten wird. Klara E. wählt von den Anklickmöglichkeiten „Ich erlaube“ und „Ich erlaube nicht“, letztere. Und antwortet auf die Frage, ob sie damit einverstanden sei, dass ihre Daten  für Werbezwecke verwendet werden, wahrheits gemäß mit „Nein“; ebenso auf den Wunsch der Erlaubnis   der  Weitergabe ihrer Daten an Dritte.
Hierauf erscheint auf ihrem Bildschirm ein Warnschild: „Die Seite mit der Adresse www.paninionline.com“ meldet: Um fortzufahren, musst du die Verwendung deiner persönlichen Daten genehmigen“. Wenn nicht: keine Paninis, ein brutal enttäuschtes Kind. Klara E. macht so viele falsche Angaben wie möglich; unter anderem macht sie sich elf Jahre alt,  was kein Warnschild zeitigt, also wohl kein Problem ist. Zuletzt erfährt sie, dass die Bilder für 10 Euro express in 7, für zwei Euro in 35 bis 40 Tagen geliefert werden. Kinder kann man so schön neppen.
20.07.08

Merke: Vorsicht bei der Berufswahl!

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Kollegin Vera S. möchte etwas zum Themen Kreis Straßenüberquerung beitragen, und zwar folgendes: Sie will an einem hellen, nebelfreien Vormittag gerade dazu ansetzen, den Zebrastreifen über die Auhofstraße Höhe Bossigasse zu überqueren, kommt ein Autofahrer und  ignoriert ihre Absichten. Vera S. springt, um ihr Leben zu retten, eilig auf die Gehwegkante zurück.
Aber es gibt eine Gerechtigkeit auf der Welt: Denn unmittelbar hinter dem Vorrangdieb folgt ein Polizeiwagen, aus welchem nun gleich die ihn chauffierende Polizistin springen, den Übeltäter stellen und bestrafen wird. Was  nicht geschieht. Statt dessen zwingt auch die Polizistin die abermals zur Überquerung ansetzende Kollegin zum Zurückspringen, indem auch sie einfach weiter fährt. Merke: Es gibt doch keine Gerechtigkeit auf der Welt. Nicht einmal in der Nähe von Gerechtigkeitshütern.
Noch eine Geschichte: Leser Heinz R. stand vergangenen Sonntag an einer Ampel im Bereich der Landstraßer Hauptstraße; kam ein Bus der Wiener Linien um die Ecke gebogen, wobei der Fahrer nur eine Hand zum Lenken frei hatte. Mit der anderen telefonierte er mit dem Handy. Merke: Busfahrer sind auch nur Autofahrer.
Zuletzt: Ein Post-It mit folgender Nachricht fand sich kürzlich auf dem Postfach meiner Nachbarin. „Hallo Schatzi! Ich hoffe, du hattest einen sonnigen Tag! Du fehlst mir, wir hören uns!“ Die Nachbarin hat sich über die Nachricht außerordentlich gefreut, denn sie ist 84 und hat schon länger nichts mehr von ihrem Schatz gehört, da er leider vor 12 Jahren verstarb. Merke: Nicht immer erwischen Marketingspezialisten – das Zetterl bewarb ein cool sein wollendes Internetradio – exakt die Zielgruppe.



17.07.08

Minsiterin Courage

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Das ist schon ein wenig jämmerlich, dass man heutzutage eine Politikerin loben will, weil sie es wagt, sich mit einer großen Tageszeitung anzulegen. Aber man will: Denn Außenministerin Ursula Plassnik zeigt derzeit der Kronenzeitung gegenüber eine Courage, die man in Zeiten, in denen ein Bundeskanzler und ein neuer SPÖ-Vorsitzender für Hans Dichand Männchen machen, kaum mehr kennt.
Zuerst ließ sie sich nicht bieten, dass Dichand ein vertrauliches Gespräch verstümmelt und verzerrt in seiner Zeitung wiedergab, und antwortete in einem Brief  von klirrender Sachlichkeit. (Mit einem tollen rhetorischen Kniff, den man aus dem Harrison-Ford-Polit-Thriller „Das Kartell“ kennt. Sie habe Dichand  nämlich bitte keineswegs, wie unterstellt, ein Geschenk mitgebracht. Sondern derer zwei. )
 Natürlich tut man derlei nicht ungestraft. Plassnik wird nun mehrmals wöchentlich von der Krone vorgeführt, und kontert auch das wieder auf ungewöhnliche Art: Sie geht nicht in sich, sie sagt nicht, dass sie es ja gar nicht so gemeint hat, sie wirft sich nicht vor der Krone in den Staub und verspricht nicht, wieder lieb zu sein. Sie geht in die Offensive.
Denn völlig konträr zur Lex Gusenmann findet Plassnik  nicht, dass die Krone dem Volk einfach scharf aufs Maul schaue (was eine Partei, wie die SPÖ meint, zu berücksichtigen habe). Sondern dass die Krone den Maulinhalt des Volkes kräftig vorkaue und  scharf mit Anti-EU-Entzym  einspeichle. Was sie durchaus  kritikabel findet:  Sie machte in der „Zib 2“ die Kronenzeitung für die wachsende EU-Skepsis der Österreicher verantwortlich.
Das wird sie  natürlich büßen. Kurzfristig: Aber auf lange Sicht lebt man mit Rückgrat besser als ohne.
17.07.08

Strandbar wird Strandbad

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Nachdem  die Linth in Glarus entsprungen ist, fließt sie in den Züri-See hinein, in Zürich als Limmat wieder aus dem See heraus und  dann durch die Stadt. Und sie macht, zusammen mit dem Seeufer,  Zürich im Sommer zu einer Stadt mit unglaublicher hoher Lebensqualität. (Im Herbst und im Winter regnet es meistens. Im Frühling gleichfalls; das beeinträchtigt die Lebensqualität leider wieder enorm.)
Und so sauber wie der See ist auch die Limmat: An ihrem Ufer drängt sich sommers Strandbar an Strandbar,  ähnlich wie am Donaukanal. Aber anders als beim Donaukanal sind die Strandbars auch Strandbäder, denn im kalten, klaren, sauberen  Limmatwasser kann man auch baden, schwimmen, sich ein Stück stromabwärts treiben lassen. Und das ist an heißen Sommertagen ein kaum zu übertreffendes Vergnügen.
Dieses Vergnügen haben die Wiener am Donaukanal vielleicht bald auch. Tatsächlich wagen sich, an den grünen Uferabschnitten, jetzt schon einige in den Kanal: Die Wasserqualität hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert und entspreche jetzt, laut Stadt Wien, der Klasse II, was offenbar schon Badewasserqualität entspricht. 
Die Wiener Grünen finden nun, dass man dem allmählich auch durch echte Badebuchten entsprechen sollte: samt Ein- und Ausstiegshilfen, Duschen und Umkleidekabinen.
Da Wien nun mal nicht am Badewasser liegt (und erst an die Donau wachsen musste), muss man das Badewasser eben nach Wien hereinholen. Den Kanal dafür haben wir, die Infrastruktur ist da, und die Strandbars schon lange: Wenn man sich jetzt noch von einer zur anderen treiben lassen kann, steht Wien Zürich nichts mehr nach. Plus, es regnet weniger.
16.07.08

Wittgenstein war auch ein Spießer

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Der Xaver ruft mich aus Xi an und sagt, er weiß echt nicht, was ich immer für ein Problem mit der Spießerei habe. Das sei ja langsam geisteskrank, diese Verspießerungsbesessenheit. Aso. Naja. Ok: Dann leite ich daraus einmal ab, dass Verspießerung eine Sache des Blickwinkels ist. Denn das habe ja wohl mit Spießerei nichts zu tun, dass man sich über eine Hütte und eine Natur drumherum freut, sagt der Xaver. Dann sei er ja auch ein Spießer.

Und das ist der Xaver nun verlässlich nicht; und hat eigentlich Recht. Es ist einfach ein hübsches, einfache Leben, da am Land. Man läuft den ganzen Tag in würdeloser Kleidung herum, ist freundlich zu den Nachbarn, füttert Tiere und richtet den Blick und die Spitzhacke in die Natur. Und den Kindern ist nie fad.

Abends grillt man im eigenen oder im Garten der Horwaths, die ihre Wochenendhütte (mittlerweile, dank etwas Anlegerglück und den nimmermüden Pratzen des Horwath, ein Wochenendgut) im gleichen Kaff haben. Am Samstag Abend beschließen wir, dass wir  nun einmal der Waldviertler Umgebungsgastronomie eine Chance geben. Im ersten Gasthaus, oben am Berg, haben sie gerade ein Leich: Leider, keine warme Küche für sonstige Gäste. Im zweiten Gasthaus erklärt uns eine Tafel, dass wegen Dorffesten in der ferneren Umgebung heute geschlossen sei. Das dritte Gasthaus hat ohne Angabe von Gründen zu. Das vierte Gasthaus, irgendwo im Tobel, hat offen und wir betreten es durch das große Hinterzimmer, wo offenbar gerade eine Hochzeit zu so zu Ende geht, wie das kein Produzent einem modernen Heimatfilm-Drehbuch durchgehen lassen würde (unglaubwürdig!, Klischee!, raus!!!): In einem übertrieben erleuchteten, praktisch leeren Saal mit halb abgeräumten Tischen tanzt und knutscht ein halbes Dutzend wenig ansehnlicher Menschen zu den Klängen einer sehr angeschickerten Kapelle. Es ist spooky, und als wir den Gastraum betreten, stemmt die Wirtin ihre Fäuste in die Seite und sagt, nein, etwas Warmes zu essen hat sie nicht. Das fünfte Gasthaus fahren wir gar nicht mehr an, sondern wir fahren zurück zu den Horwaths und der Lange kocht uns ein Mangoldrisotto.

Aber trotz den örtlichen Problemen mit der Kulinarik kann ich mir irrsinnig gut vorstellen, dass wir dort nun Jahr für Jahr jedes klimatisch geeignete Wochenende und jeden Sommer verbringen; mit Ausnahme jener zwei Wochen, die wir im immergleichen Ort im immergleichen Haus in Kroatien am Meer sind. Angesichts solcher Perspektiven möchten sich andere entleiben; für mich klingt es verlockend: verlässlich, übersichtlich, großartig. Und DAS ist natürlich spießig, dieses bewusste Ausschlagen anderer Möglichkeiten.

Andererseits war Wittgenstein dann auch ein Spießer. Der aß, so las ich einmal, immer bei seiner Schwester und terrorisierte die damit, dass er, wenn ihm etwas schmeckte, wochen- und monatelang das Gleiche serviert bekommen wollte. Immer das Gleiche. Genau das will ich auch.
16.07.08

Der Alltag ohne Omi

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Früher: Früher  war, besonders am Land, das Leben härter und die Dinge einfacher. Zum Beispiel Kinderbetreuung. Brauchte man nicht; man hatte die Sippe. Die Jungen arbeiteten am Hof, die Alten halfen, wo sie noch konnten und wenn nicht mehr, passten sie auf die Jüngsten auf, soweit die nicht schon selbst auf sich aufpassten. Man brauchte keine Tagesmutter, keinen Kindergarten für UnterDreijährige, keinen Hort. Man hatte die Omi. Und den Opa.
Von solchen Voraussetzungen geht die sonst taddellos interessante Teuerungsgeschichte im gestrigen KURIER aus: Da wurde ermittelt, ob das Leben seit 2000 für eine Durchschnittsfamilie teurer geworden sei. Und errechnet deren Einkommen auf folgender Basis: „Familie Schneider hat Glück. Da die Omi gerne auf die Kinder aufpasst, gehen sowohl Eva als auch Stefan arbeiten.“
Praktisch; aber: Die meisten Familien, die ich kenne, haben so ein Omi-Glück nicht. Entweder weil sie im Zeitalter erzwungener  beruflicher Mobilität mit ihren Familien hunderte Kilometer von Omi weg wohnen, oder weil Omi selbst noch arbeiten muss, oder weil die Eltern, wie heutzutage durchaus üblich, um die 40 waren, als sie ihre Kinder bekamen; Omi also eventuell selbst schon Betreuung braucht. Oder weil Omi findet, dass es eine zart frauenfeindliche Idee ist, davon auszugehen, dass pensionierte Frauen ruhig Tag für Tag honorarfrei auf ihre Enkel aufpassen können. (Ach ja: was macht eigentlich Opi?)
Diese Eltern zahlen, wenn sie wie Eva und Stefan voll arbeiten wollen, pro Kind und Monat 250 bis 300 Euro Betreuungskosten. Die Flötenstunde, den Sportverein und gelegentliche Babysitter nicht eingerechnet. Das Familienleben ist teuer, so ganz omifrei.
15.07.08

Heiteres Begriffe-Raten

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Wieder einmal: Rätsel des Alltags. Anlass: Begriffstutzigkeit bei Post und Bahn. Zuerst zur  Post. Verwandtschaft in Vorarlberg hatte Geburtstag, und für einmal sollte das Geschenk rechtzeitig ankommen. Also schickte ich ein kleines Paket per EMS. Am 3. Juli um 12.53, wie meine Rechnung ausweist: „1 EMS Inland, Österreich, bis 4 kg: 8,18 Euro LKW-Maut: 0,13 Euro“. Für nur einen Euro irgendwas, sagte mir der freundliche Beamte am Schalter, würde mir die Ankunft des Pakets per SMS bestätigt werden, aber ich verzichtete darauf: Die Verwandtschaft würde mich schon informieren. Und das tat sie auch: am 5. Juli, zu Mittag, da war das Paket eben geliefert worden. EMS ist übrigens  die Abkuürzung von: Express Mail Service.
Jetzt zur Bahn. Denn auch das Wort „Vorteilscard“ hält nicht immer, was es verspricht. Der Schüler Sebastian F. fuhr mit dem Zug von Felixdorf nach Baden, kaufte am Automaten einen Fahrschein, gestand die Inhaberschaft einer Vorteilscard (die ihn jährlich Euro 19,- kostet)  und bezahlte 1,80 Euro.
Vor der Rückfahrt vergaß Sebastian F. dem Automaten den Besitz der Vorteilscard zu melden, worauf da Ticket 1,70 Euro kostete.
Der verblüffte Schüler wiederholte seine Eingabe mehrmals – mit und ohne Vorteilscard – und alle Versuche ergaben das Gleiche: Mit Vorteilscard war das Ticket am Automaten teurer als ohne. Ein diesbezügliches Email von Sebastian F. an die ÖBB bleib bislang unbeantwortet, dafür hörte er von einem Schalterbeamten, dass das in der Ostregion wegen fixer Zonenpreise eben so sei, wörtlich haben der  Mann gesagt: „Wir wissen, es is deppat und a Schaß, owa so isses halt.“ Vom ersten bis zum zweiten Komma stimmen wir vollinhaltlich zu.
11.07.08

Gefahr im Verzug

| Comments (1) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Um 16.12 ruft die K. im Rathaus an und lässt sich mit der Parkaufsicht verbinden, um etwas zu melden. Ob Gefahr im Verzug sei? Hmm: Ein eisernes Fußballtor hat sich aus seiner Verankerung gelöst, und ein paar Kinder haben  uns gerade hören lassen, wie es klingt, wenn es umfällt und auf den Betonboden knallt. Es klingt nicht schön, aber schöner, als wäre ein Kind darunter begraben worden. Und es sieht auch besser aus: K. ist Ärztin und hat auf der Unfallchirurgie schon erlebt, wie das aussieht, wenn ein eisernes Fußballtor auf ein kleines Kind fällt.
Also: ja; K. findet schon, dass Gefahr im Verzug ist. Gut, sagt die Dame im Rathaus, dann kommt gleich jemand. Tatsächlich steigen 40 Minuten später sechs kräftige Männer aus einem Feuerwehrauto, begutachten die Sache, heben das Tor heraus und legen es  sicher an den Spielplatzrand: Da muss morgen ein städtischer Bautrupp kommen und das wieder einbetonieren. Und wir Mütter, die wir mit Mutter K. am Spielplatz auf dem Bankerl sitzen, finden, dass wir uns das merken. Gefahr im Verzug! Dann geschieht auch etwas.
Leider lässt sich das nicht auf die Hundekot-Problematik anwenden. Weil die Gefahr, dass man in ein Gacki steigt, in Wien zwar allerweil in Verzug, aber halt nicht lebensbedrohlich ist. Immerhin werden Hundehalter auf den neuen Taferl mit dem süßen Hundi jetzt darüber informiert, was es kostet, wenn man dabei erwischt wird, das Trümmerl nicht wegzuräumen. Allerdings ist die Chance, erwischt zu werden, bei bisher 30 Waste Watchers in ganz Wien (150 sollen es nächstes Jahr werden) relativ überschaubar. Wie auch der Preis dafür: 36 Euro. Das ist eine Diskont-Strafe, das tut zu wenig weh: da gehört eine Zahl um die 100 drauf. Sonst geschieht nichts.
10.07.08

Einmal geht's noch

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Das wird jetzt also die kürzeste Kanzleramtszeit der Zweiten-Republiksgeschichte gewesen sein: Bald muss Alfred Gusenbauer , es wird dieser  Tage zur Phrase, das Kanzleramt räumen.
Aber wie hat man sich das  konkret vorzustellen? Wie  verbringt man den letzten Arbeitstag als Regierungschef? Speziell, wenn  man sein Amt nicht nach einem erfüllten Kanzlerleben als Pensionär verlässt oder wenigstens im Triumph nach ein bis zwei vollständigen Legislaturperioden?
Man wird sich wohl kaum  in den frühen Morgenstunden ein letztes Mal ins Kanzlerbüro und, mit einer Kanzlerbürokiste unterm Arm, wieder hinaus schleichen... Überreicht man seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Blumen  und eine gute Flasche Wein? Kanzlert man noch einmal ein paar Stunden oder ist der ganze letzte Tag dem Abschiednehmen,  Bedanken, Trösten, getröstet werden, Schulterntästscheln und  Umtrinken  gewidmet? Mit wem telefoniert ein Kanzler an seinem letzten Tag? Schreibt er noch einen letzten Brief mit der Unterschrift Alfred Gusenbauer, Bundeskanzler?
Hinterlässt man seinem Nachfolger einen Gruß? Schenkt man ihm die übrig gebliebenen Weinflaschen oder nur die minderedlen  oder nimmt man alles mit? Lässt auch ein scheidender Kanzler Cent-Stücke, Aspirin,  Deo  und den lustigen Button von der Weihnachtsfeier in der Kanzlerschublade zurück? Was behält man sich als Andenken? Macht man noch ein Foto? Schließt man  die Tür hinter sich oder lässt man sie offen?
Und: Fährt einen der Chauffeur ein letztes Mal nach Hause oder nimmt man schon die U-Bahn? Wie all die normalen Menschen: von denen man jetzt wieder einer ist. Und vermutlich nun für immer sein wird; baba, Bundeskanzleramt.
09.07.08

Einer muss es tun

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Das Auge“ von Thomas Hirschhorn in der Wiener Secession
(für die Zürcher „Sonntagszeitung“)


Thomas Hirschhorn stellt in der Wiener Secession nicht allein aus. Er ist natürlich der Wichtigste, bespielt den Hauptraum, den er in eine einzige, polygestalte Skulptur verwandelt („Nicht Installation!“ betont Hirschhorn, „Skulptur!“), aber in zwei anderen Räumen werden gleichzeitig Ausstellungen einer österreichischen Künstlerin und eines Kollegen aus Ungarn eröffnet. Und die umkreisen nun brav je ein Denkmal – eine Brücke in Bratislava, eine Wohnanlage in Budapest – zum Teil mit Zeitzeugen-Interviews, alles lieb und meinungsschwach und nichts, was nicht völlig verblödeter TV-Journalismus nicht auch könnte. Hirschhorns Arbeit dagegen: generalinkompatibel mit allen Formaten, selbst dem Raum, in die er sie gepresst hat. Der Besucher hat Schwierigkeiten, zwischen den Skulpturteilen durchzuschlängeln, ohne sie zu berühren oder gar zu fällen. Ein Brutalinformationsparcour. „Augenbetäubend“, nannte die „Süddeutsche“ eine Hirschhorniade einmal: das trifft auch auf seine Wiener Skulptur „Das Auge“ zu. „’Das Auge“, erklärt der Pressetext, „sieht, aber ‚Das Auge’ versteht nicht.“ Niemand müsse „andererseits ’das Auge’ verstehen, niemand muss mit dem ‚ Auge’ einverstanden sein und niemand muss mit dem „Auge“ in Kontakt treten.“

Das ist fein und erleichtert die Rezeption des Werks ungemein. Es handelt sich beim „Auge“ nämlich um einen typischen Hirschhorn: Plakativ, anmassend, naiv, subjektiv, ausurfernd, simpel, alarmistisch, unverhältnismässig. Alles wie immer mit braunem Paketband zusammengepickt. Und: dieser spezielle Hirschhorn hier ist ziemlich rot. Denn dieses „Auge“, so Hirschhorn, sehe nur rot. Unheimlich viel Blutrot auf Schneeweiss (womit es, auch deshalb wird es die Wiener kaum schockieren, an Werke der Wiener Gruppe, vor allem Günther Brus erinnert).

Es gibt: einen Laufsteg mitten durch den Raum, darauf maskierte Schaufenster-Puppen in blutbespritzten Pelzen, um den Hals Schilder mit Parolen und Bildern verstümmelter Menschen und Tiere. Es gibt eine Styropor-Eislandschaft voller blutbespritzter Kuschelrobben auf Spielzeugboten. Es gibt Podeste mit zahllosen Fotos von grausig verstümmelten Kriegstoten, ein anderes Podest mit Fotos von brennenden Autos und Gebäuden, und ein weiteres mit Bildern folkloristischer Masken. Es gibt ein grosses Auge aus Pappmaché. Es gibt Puppenköpfe mit augenfömrigen Einschusslöchern in der Stirn, aus denen roter Isolierschaum quillt. Es gibt blutige Tiere und Extremitäten, die von Stangen hängen. Es gibt einen Haufen Cola-Familienpackungen über Schaufensterpuppen in blutverschmierten Arbeitsmänteln (Pech für Coca Cola, dass die Markenfarbe ausgerechnet rot ist), es gibt Weltkugeln und Flaggen en Gros, in denen Hirschhorn fein säuberlich alle nicht roten Flächen und Muster weisselte. Es gibt gesprayte und ausgeschnittene Parolen und Wort- Satzfetzen: PERMANENTE GEHIRNWÄSCHE. FETTE BEUTE. WAFFENGLEICHHEIT. KOSTEN DER MORAL. NACH DEM STURM. VIELES SPRICHT. URLAUB VON DER REVOLUTION. NICHTS IST UNMÖGLICH. NEUE UNÜBERSICHTLICHKEIT. Es gibt, es gibt, es gibt. Drumherum und dazwischendrin stehen Dutzende Monoblockstühle mit angeklebten Pappgesichtern, wie bei der Oscar-Generalprobe.

Ist natürlich alles naiv bis zur Putzigkeit, reflektionsfrei, geradezu lachhaft vordergründig.  Aber eben etwas, was heutzutage nur noch Kinder und Kunst dürfen: Hemmunglos subjektiv sein, einfach sagen: Ich finde den Krieg und das Töten SCHEISSE und brülle das einfach mal so völlig unembedded hinaus, und ich brauche nicht erklären warum oder ein Statement der Gegenseite einzuholen. Also, alles was  Journalismus nicht darf.

Hirschhorn, nachdem er die Ausstellungen seiner Künstlerkollegen freundlich durch die Hirschhornbrille beguckt hat, erklärt die Bezüge seiner Arbeit mit den Schock-Kampagnen der Tierschützer (und damit ihre Botschaft): Er „liebe diese Art von Skulptur, in Dringlichkeit gemacht mit Haltung“. Aber: „Es erschüttert mich, dass das für Tiere gemacht wird und nicht für Menschen.“ Einer macht das jetzt: Hirschhorn.
09.07.08

Tut gar nicht mehr weh

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Apropos Gartenbau: In der Serie „Men in Trees“ bezog Fräulein Frist diese Woche eine eigene Hütte in ihrem Exil in Alaska, wurde infolgedessen von ihrem Love-Interest mit einem Bäumchen für ihr Gärtchen beschenkt und juchzte wiederholt, was das nun für ein wunderbarer Baum sei. Ein wunderbarer Baum sei das und noch viel wunderbarer werde er werden, wenn er erst groß sei. Daran sieht man, dass „Men in Trees“ völlig zurecht eingestellt wurde, denn der Baum war eine Thuje. Und wenn ich zum Beispiel letzte Woche mit dem Langen eine Hütte im Waldviertel gekauft hätte, hätte ich relativ schnell darauf geschaut, dass von den zehn oder zwölf Thujen bald einmal drei bis vier verschwinden. Auf jeden Fall aber die Hecke am Eingang, die den Rosen Schatten machen würde. Und die Riesenthuje hinterm Haus, die die Morgensonne beim Birnbaum verstellte, sowie die mittelgroße vor dem Schlafzimmerfenster. Schließlich die winzigkleine vor dem Flieder, die genau so aussähe wie das wunderbare Bäumchen in „Men in Trees, diesfalls aber, dank dem Supi-Turbo-Astzwicker, den der Lange erstanden hätte, in seiner Nochwunderbarerwerdung final gehindert werden würde.

Wir würden natürlich eine Hängematte oder eine Schaukel aufgehängt haben und, als weiteres Zeichen, dass nun alles einfach und easy und unkompliziert werde, einen von Mäuse- und Vogeldreck völlig versifften alten Küchentisch im Dachboden geborgen, mit viel Cif gesäubert und ihn dann in die Wiese unter den Apfelbaum gestellt haben. Dazu würden sich die abblätternden Gartenklappstühle gesellen, die schon seit Monaten in unserem Wiener Stiegenhaus im Weg gestanden haben würden. Es würde uns genau so gefallen, wir würden gar nicht daran denken, die Sachen neu zu streichen. Wir würden Kletterrosen anbinden und Rasen mähen und Bäume schneiden und Ribisel brocken und mit den Kindern Federball spielen: Es wäre ein Idyll; und an den Abenden würden wir erschöpft, aber zufrieden in der Dämmerung sitzen, mit mäßigem Erfolg Gelsen und Stechfliegen verwedeln, die Gartenschuppenfrage erörtern und uns des Eintritts in eine neue Phase der Verspießerung, sagen wirs ruhig, erfreuen.

Denn ab einem bestimmten Punkt der Aktzeptanz und Affirmation täte die Spießerei, glaube ich, nicht mehr weh. Unter anderem, weil man sich ja bereits so tief in nur noch für Fortgeschrittene bezwingbare Biederkeitsbereiche zurückgezogen haben würde:  es würden höchstens mal andere Wochenendkleinhäusler vorbei kommen, die eine Wilhelmsburger Schütte bewundern oder einem Tipps geben würden, wo in Tschechien man preiswerte Kastenfenster machen lassen könnte. Ja, so wäre das: Wir wären arm an vorzeigbaren Erlebnissen und an Interesse für die Vorgänge innerhalb der SPÖ; aber reich an kleinen Glücksmomenten. Das Glück wäre: das Licht, das durch einen Baum fällt, eine erschlagene Bremse, ein schaukelndes Kind. Eine gefällte Thuje; das wäre schon schön.
09.07.08

Plötzlich nicht mehr Prinzessin

| Comments (0) | 07/08 | Kurier-Kolumne

Was wird nun eigentlich aus Andrea Kdolsky? Eineinhalb Jahre lang Promi gewesen; und jetzt das:  Neuwahlen, und die Aussichten, hernach wieder Gesundheitsministerin zu werden, definitiv kläglich.
Was macht Frau Kdolsky, wenn sie nicht mehr vom Blitzlicht der Gesellschaftsfotografenkameras erhellt wird und keiner sich mehr für ihre Kleider, Schuhe,  Männer und Lieblingsspeisen interessiert? Wenn sie plötzlich nicht mehr wichtig genug für öffentliche Neugier  ist? Kein anders Mitglied dieses Regierungskabinetts kostete das Interesse an seiner Person aus wie Kdolsky: Selbst ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit zelebrierte sie wie eine beleidigte Prinzessin.
Oder  Sozialminister Buchinger: Wird er seine  Midlifecrisis-Exerzitien (junge Freundin, großes Motorrad, große  Haare) künftig ganz abseits der Öffentlichkeit fortführen müssen? Und was wird aus Frau Silhavy? Bevor irgendjemand den Namen der Frauenministerin richtig aussprechen konnte oder über ihre modischen Vorlieben philosophieren: schon wieder Geschichte.
Was macht Eva Steiner, nachdem sie zuvor jahrelang  die bundeskanzlerische Eignung ihres Lebensgefährten propagierte, nach dessen Kurzregentschaft? Ehemalige Kanzlergefährtinnen haben es nicht leicht, Sonja Klima zeigt es uns wöchentlich.  Wobei  Klima besonders hart geext wurde: vom Ex-Kanzler und Ex-Mann.  Apropos Ex: Was macht Gusenbauer im Oktober? Bzw: Wen interessierts?
Denn der 100.000-Watt-Scheinwerfer aus medialer Neugier an den nunmehrigen Ex-Promis schwenkt bald weiter auf frische Regierungsrookies. Frische Privatangelegenheiten; frische Affären, neue Faux Pas: fette Beute.
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