01.07.08

Das geht so

Doris Knecht | 07/08 | Falter-Kolumne | Kunst & Kultur | Stadt/Land

Der Lange sagt, wenn nur 50 Prozent vom dem, was ich letztes Mal über ihn behauptet habe, stimmen würden, wären es viel. Leider habe ich im Moment keine Zeit, mich mit dem Authentizitätsfanatismus vom Langen zu beschäftigen, und außerdem ist der Lange eh nicht wo ich bin. Nämlich in Xi, wo ich in die vorarlbergerischen Kernkompetenzzentren vordringe, indem ich die Großfamilie bekoche, Gartenbau bewundere und bald auch in der Kunst des Blumenkränzchenbindens reüssieren werde, pass auf. Zudem hat der Xaver, bei dem ich mich ein paar Mal beklagt habe, dass er praktisch nie Zeit für mich hat, wenn ich einmal, eh so selten, in Vorarlberg bin, beschlossen, mir einmal zu zeigen, warum er keine Zeit hat, indem er mich an seinen freizeitfressersischen Tätigkeiten teilhaben lässt. Schau, sagt, der Xaver, und drückt mir eine goldene Heugabel in die Hand, das geht so.

Wenn man mit dem Xaver dem Xaver seine Wiese heut, kriegt man ein relativ gutes Gefühl dafür, wie viel 1500 Quadratmeter sind. Es ist heiß. Es ist still. Manchmal meckert eine von Xavers Ziegen, hin und wieder blöckt eins der Schafe, die der Xaver drei Wochen in Pflege hat, zweimal legt eine von Xavers Hennen unter Gegacker ein Ei.  Der Xaver redet beim Heuen über seinen Plattenladen und über sein Kind, und ich rede über nichts, weil ich kann nicht. Denn obwohl mein Körper sich irgendwie der Bergbauerngene meiner Großmitter entsinnt und sich weniger blöd anstellt, als man von mir erwarten dürfte, erinnern mich die Blasen an den Händen und das Stechen im Rücken doch auch daran, dass es Gründe gibt, warum ich in der Stadt lebe. Zum Beispiel, um dort im Sitzen zu verweichlichen.

In der Nacht hat mich Sedlacek aufgeweckt: Er rief mich an, um mich am Meeresrauschen in Puerto Escondido teilhaben zu lassen. Schön, habe ich gesagt, ich bin ja sooooo neidig, kann ich jetzt weiterschlafen? Gut, ich habe ihn vorletzte Woche in Hongkong aufgeweckt, damit er am Dylan-Konzert teilhaben kann. Allerdings wusste ich nicht, dass Sedlacek in Hongkong war, und werde sowieso mit meiner Telefonrechnung dafür bestraft, dass er live die Hälfte von „All Along The Watchtower“ mithören durfte. Worum Sedlacek, das ist richtig, nicht gebeten hatte, weil er Dylan für einen historischen Irrtum hält, was periodisch zu ernsten Verstimmung zwischen Sedlacek und mir führt. Beim Dylan-Konzert stand ich, falls es irgendjemand noch nicht weiß, in der ersten Reihe, der allervordersten absolut nächstmöglichen Reihe,  so nah, dass ich die Schweißtropfen von Dylans Nase perlen sehen konnte; und er hat mich angegrinst. Doch. DOHOCH! Es war sehr schön.

Das erzähle ich dem Xaver beim Heuen dann doch noch, zwischen ein paar Keuchern und während mir der Schweiß ins Maul rinnt, und der Xaver sagt: Mich hättest du anrufen sollen, ich hätte das gern gehört. Aber das ist ein Witz, weil ein Handy hat der Xaver nicht. Aber eine sehr  große Wiese.
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