30.07.08

Desto freundlicher

Doris Knecht | 07/08 | Kurier-Kolumne

Sie, Leserschaft! Ich habe das schon einmal erwähnt! Sie korrumpieren letztlich den Journalismus, wenn Sie so heftig auf gastronomische Themen reagieren! Aber erstens freut mich Ihre zahlreiche Rückmeldung. Zweitens regte Sie die Sache mit dem Riesentrinkgeld für einen unhöflichen Kellner natürlich auf; und die ist alleridngs diskutabel.
Also: Soll man für eine minderwertige Dienstleistung viel, übliches oder überhaupt Trinkgeld geben? Die meisten Leserinnen und Leser fanden, es war eine faszinierend blöde und/oder komplett kontraproduktive Idee, den unfreundlichen Kellner auch noch fest zu belohnen. Und ich sehe ein, dass der Plan, einen Rabiator via übertriebener Zuwendung in seiner Aversion zu erschüttern und solcherart auf den Weg der Höflichkeit und Tugend zu führen, diesmal radikal gescheitert ist.
Dennoch bin ich der unpopulären Meinung, dass man immer freundlich sein muss.  Und zwar desto freundlicher, je unfreundlicher man behandelt wird. Es mag schon sein, dass dieses Vorgehen, siehe Exempel, akut oft wirkungsfrei bleibt und man, speziell im Dienstleistungsbereich, mitunter zu härteren Mitteln greifen muss, um Höflichkeit zu erzwingen. Aber meistens erzeugt Freundlichkeit Gegenfreundlichkeit, ebenso wie erwiderte Aggressivität sich maßlos aufschaukeln kann. Plus, es  profitiert langfristig der eigene Seelenfriede  vom Nettsein, während er Wut und Hass flieht. (Klingt nach einer „My-Name-is-Earl“-Weisheit, stimmt aber.)
Allerdings  haben Sie Recht: Belohnen braucht man  herablassende Arroganz nicht, sonst wird Wien bald Paris, wo Restaurantgäste sich vom Personal für viel Geld wie Dreck behandeln lassen. Gut, also: nächstes Mal gibt’s statt tüchtig Trinkgeld tüchtig Meinung.
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