09.07.08

Einer muss es tun

Doris Knecht | 07/08 | Kunst & Kultur

Das Auge“ von Thomas Hirschhorn in der Wiener Secession
(für die Zürcher „Sonntagszeitung“)


Thomas Hirschhorn stellt in der Wiener Secession nicht allein aus. Er ist natürlich der Wichtigste, bespielt den Hauptraum, den er in eine einzige, polygestalte Skulptur verwandelt („Nicht Installation!“ betont Hirschhorn, „Skulptur!“), aber in zwei anderen Räumen werden gleichzeitig Ausstellungen einer österreichischen Künstlerin und eines Kollegen aus Ungarn eröffnet. Und die umkreisen nun brav je ein Denkmal – eine Brücke in Bratislava, eine Wohnanlage in Budapest – zum Teil mit Zeitzeugen-Interviews, alles lieb und meinungsschwach und nichts, was nicht völlig verblödeter TV-Journalismus nicht auch könnte. Hirschhorns Arbeit dagegen: generalinkompatibel mit allen Formaten, selbst dem Raum, in die er sie gepresst hat. Der Besucher hat Schwierigkeiten, zwischen den Skulpturteilen durchzuschlängeln, ohne sie zu berühren oder gar zu fällen. Ein Brutalinformationsparcour. „Augenbetäubend“, nannte die „Süddeutsche“ eine Hirschhorniade einmal: das trifft auch auf seine Wiener Skulptur „Das Auge“ zu. „’Das Auge“, erklärt der Pressetext, „sieht, aber ‚Das Auge’ versteht nicht.“ Niemand müsse „andererseits ’das Auge’ verstehen, niemand muss mit dem ‚ Auge’ einverstanden sein und niemand muss mit dem „Auge“ in Kontakt treten.“

Das ist fein und erleichtert die Rezeption des Werks ungemein. Es handelt sich beim „Auge“ nämlich um einen typischen Hirschhorn: Plakativ, anmassend, naiv, subjektiv, ausurfernd, simpel, alarmistisch, unverhältnismässig. Alles wie immer mit braunem Paketband zusammengepickt. Und: dieser spezielle Hirschhorn hier ist ziemlich rot. Denn dieses „Auge“, so Hirschhorn, sehe nur rot. Unheimlich viel Blutrot auf Schneeweiss (womit es, auch deshalb wird es die Wiener kaum schockieren, an Werke der Wiener Gruppe, vor allem Günther Brus erinnert).

Es gibt: einen Laufsteg mitten durch den Raum, darauf maskierte Schaufenster-Puppen in blutbespritzten Pelzen, um den Hals Schilder mit Parolen und Bildern verstümmelter Menschen und Tiere. Es gibt eine Styropor-Eislandschaft voller blutbespritzter Kuschelrobben auf Spielzeugboten. Es gibt Podeste mit zahllosen Fotos von grausig verstümmelten Kriegstoten, ein anderes Podest mit Fotos von brennenden Autos und Gebäuden, und ein weiteres mit Bildern folkloristischer Masken. Es gibt ein grosses Auge aus Pappmaché. Es gibt Puppenköpfe mit augenfömrigen Einschusslöchern in der Stirn, aus denen roter Isolierschaum quillt. Es gibt blutige Tiere und Extremitäten, die von Stangen hängen. Es gibt einen Haufen Cola-Familienpackungen über Schaufensterpuppen in blutverschmierten Arbeitsmänteln (Pech für Coca Cola, dass die Markenfarbe ausgerechnet rot ist), es gibt Weltkugeln und Flaggen en Gros, in denen Hirschhorn fein säuberlich alle nicht roten Flächen und Muster weisselte. Es gibt gesprayte und ausgeschnittene Parolen und Wort- Satzfetzen: PERMANENTE GEHIRNWÄSCHE. FETTE BEUTE. WAFFENGLEICHHEIT. KOSTEN DER MORAL. NACH DEM STURM. VIELES SPRICHT. URLAUB VON DER REVOLUTION. NICHTS IST UNMÖGLICH. NEUE UNÜBERSICHTLICHKEIT. Es gibt, es gibt, es gibt. Drumherum und dazwischendrin stehen Dutzende Monoblockstühle mit angeklebten Pappgesichtern, wie bei der Oscar-Generalprobe.

Ist natürlich alles naiv bis zur Putzigkeit, reflektionsfrei, geradezu lachhaft vordergründig.  Aber eben etwas, was heutzutage nur noch Kinder und Kunst dürfen: Hemmunglos subjektiv sein, einfach sagen: Ich finde den Krieg und das Töten SCHEISSE und brülle das einfach mal so völlig unembedded hinaus, und ich brauche nicht erklären warum oder ein Statement der Gegenseite einzuholen. Also, alles was  Journalismus nicht darf.

Hirschhorn, nachdem er die Ausstellungen seiner Künstlerkollegen freundlich durch die Hirschhornbrille beguckt hat, erklärt die Bezüge seiner Arbeit mit den Schock-Kampagnen der Tierschützer (und damit ihre Botschaft): Er „liebe diese Art von Skulptur, in Dringlichkeit gemacht mit Haltung“. Aber: „Es erschüttert mich, dass das für Tiere gemacht wird und nicht für Menschen.“ Einer macht das jetzt: Hirschhorn.
« Tut gar nicht mehr weh | Main | Einmal geht's noch »
kommentieren
(If you haven't left a comment here before, you may need to be approved by the site owner before your comment will appear. Until then, it won't appear on the entry. Thanks for waiting.)













« Tut gar nicht mehr weh | Main | Einmal geht's noch »