Doris Knecht
| 07/08
| Kurier-Kolumne
Jetzt ist es offenbar schon wieder passiert: Einer hat, wenn sich der Verdacht bestätigt, einen Teil seiner Familie ausgelöscht, vier Menschen ermordet; aus Wut und Hass wahrscheinlich. Und wieder zeigt sich: In Österreich ist man nachts im dunklen Wald, in einem Wiener Park, in den Favelas von Linz und den Slums von St. Pölten wesentlich sicherer als daheim bei der Familie.
Amstetten, Ansfelden, Linz Pöstlingberg, Strasshof: Es gibt keinen gefährlicheren Ort als die eigenen vier Wände und keine schlimmeren Feinde als der eigene Vater, die eigene Mutter, Gatten und Gattinnen, Brüder, Schwägerinnen, Söhne. Die Mordstatistik bestätigt es: Die meisten Bluttaten geschehen im Familienkreis.
Trotzdem steht der Schutz der Familie ganz oben in der gesellschaflichen Prioritätenliste; und das ist schon richtig: Wenn sie harmoniert und funktioniert, ist die Familie ein perfektes System, indem man sich gegenseitig liebt, hilft und unterstützt. Aber sehr oft ist das nicht der Fall. Die Hälfte aller Ehen, mit und ohne Kinder, wird geschieden. Zurück bleiben gefährlich gekränkte Ex-Partner, traumatisierte Kinder, dauerhaft abgeneigte Ex-Schwiegerfamilien. Langjährig intakte Familien zerbrechen final aufgrund von Erbschaftsauseinandersetzungen.
Nirgendwo sonst verwandeln sich Konflikte so nachhaltig in derart glühenden Hass: Weil man sich Verwandte eben nicht nicht aussuchen kann – und wieder ablegen wie lästig gewordene Freunde. Sie bleiben verwandt und verkettet in guten wie in schlechten Zeiten.
Und je schlechter die Zeiten, desto größer der Hass. Wo werden Mehrfachmorde wie im Rausch verübt? Im Krieg. In Gangs. Und in Familien.