16.07.08

Wittgenstein war auch ein Spießer

Doris Knecht | 07/08 | Kurier-Kolumne

Der Xaver ruft mich aus Xi an und sagt, er weiß echt nicht, was ich immer für ein Problem mit der Spießerei habe. Das sei ja langsam geisteskrank, diese Verspießerungsbesessenheit. Aso. Naja. Ok: Dann leite ich daraus einmal ab, dass Verspießerung eine Sache des Blickwinkels ist. Denn das habe ja wohl mit Spießerei nichts zu tun, dass man sich über eine Hütte und eine Natur drumherum freut, sagt der Xaver. Dann sei er ja auch ein Spießer.

Und das ist der Xaver nun verlässlich nicht; und hat eigentlich Recht. Es ist einfach ein hübsches, einfache Leben, da am Land. Man läuft den ganzen Tag in würdeloser Kleidung herum, ist freundlich zu den Nachbarn, füttert Tiere und richtet den Blick und die Spitzhacke in die Natur. Und den Kindern ist nie fad.

Abends grillt man im eigenen oder im Garten der Horwaths, die ihre Wochenendhütte (mittlerweile, dank etwas Anlegerglück und den nimmermüden Pratzen des Horwath, ein Wochenendgut) im gleichen Kaff haben. Am Samstag Abend beschließen wir, dass wir  nun einmal der Waldviertler Umgebungsgastronomie eine Chance geben. Im ersten Gasthaus, oben am Berg, haben sie gerade ein Leich: Leider, keine warme Küche für sonstige Gäste. Im zweiten Gasthaus erklärt uns eine Tafel, dass wegen Dorffesten in der ferneren Umgebung heute geschlossen sei. Das dritte Gasthaus hat ohne Angabe von Gründen zu. Das vierte Gasthaus, irgendwo im Tobel, hat offen und wir betreten es durch das große Hinterzimmer, wo offenbar gerade eine Hochzeit zu so zu Ende geht, wie das kein Produzent einem modernen Heimatfilm-Drehbuch durchgehen lassen würde (unglaubwürdig!, Klischee!, raus!!!): In einem übertrieben erleuchteten, praktisch leeren Saal mit halb abgeräumten Tischen tanzt und knutscht ein halbes Dutzend wenig ansehnlicher Menschen zu den Klängen einer sehr angeschickerten Kapelle. Es ist spooky, und als wir den Gastraum betreten, stemmt die Wirtin ihre Fäuste in die Seite und sagt, nein, etwas Warmes zu essen hat sie nicht. Das fünfte Gasthaus fahren wir gar nicht mehr an, sondern wir fahren zurück zu den Horwaths und der Lange kocht uns ein Mangoldrisotto.

Aber trotz den örtlichen Problemen mit der Kulinarik kann ich mir irrsinnig gut vorstellen, dass wir dort nun Jahr für Jahr jedes klimatisch geeignete Wochenende und jeden Sommer verbringen; mit Ausnahme jener zwei Wochen, die wir im immergleichen Ort im immergleichen Haus in Kroatien am Meer sind. Angesichts solcher Perspektiven möchten sich andere entleiben; für mich klingt es verlockend: verlässlich, übersichtlich, großartig. Und DAS ist natürlich spießig, dieses bewusste Ausschlagen anderer Möglichkeiten.

Andererseits war Wittgenstein dann auch ein Spießer. Der aß, so las ich einmal, immer bei seiner Schwester und terrorisierte die damit, dass er, wenn ihm etwas schmeckte, wochen- und monatelang das Gleiche serviert bekommen wollte. Immer das Gleiche. Genau das will ich auch.
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