Doris Knecht
| 08/08
| Falter-Kolumne
| Freunde
| Schuld und Sühne
Ein schattiger Waldviertler Obstgarten hat auch seine Nachteile, wie ich bestätigen kann, seit ich in nicht einwandfreier körperlicher Verfassung eine Tonne fauliger Klaräpfel aufgehoben habe. (Postalkoholische Tristesse nennt Fritz Ostermayer das.) Die Hälfte davon von der Straße, denn ich bin jetzt eine pflichtversessene Nebenwohnsitzerin eines netten, kleinen Dorfes. Wenngleich sich das Waldviertel vom Propperkeitsfaktor her nicht mit dem, jetzt zum Beispiel, Bregenzerwald messen kann, denn wenn der Bregenzerwald auf der zehnteiligen Propperkeitsskala eine gute 9,8 erreicht, schafft das Waldviertel bei extrem wohlwollender Wertung an ausgesuchten Orten eine wacklige Zwei. Man sollte hier niemals hinter die Häuser und in die Höfe schauen, außer man ist akut auf der Suche nach Ziegelhaufen aus hundert Jahren Bautätigkeit, nach verrosteten Autoteilen aus den Siebzigern oder knietief Kuhscheiße. Ich kaufe meine Milch hier ausschließlich pasteurisiert im Supermarkt.
Andererseits ist Dorf ist da wie dort Dorf, und wie ich mir eben beim Äpfelaufheben den Rücken ruiniere, fährt eine Frau, die ich nie zuvor gesehen habe, mit dem Rad daher, bleibt stehen, steigt ab und sagt: Grüßgott, übrigens, vorne, im 28er Haus ist gerade auch eine Frau aus Vorarlberg zu Gast, die stammt aber aus einer anderen Gegend als Sie und hat gesagt, sie kennt Sie nur vom Namen her. Ah da schau her. Interessant, danke! Das Schicksal schickt mir also einen kleinen Reminder, nur, falls ich vergessen haben sollte , aus welchen Gründen ich damals in die große Stadt gezogen bin. Unbeobachtetheit und Anonymität und alles! Aufgegeben für ein bisschen Apfelbaumschatten! Und die Äpfel sind noch nicht einmal gut!
Bevor wir uns jetzt ins Waldviertel begaben, um hier, ehe die Mimis in die Schule kommen, den Restsommer zu verbringen, fuhren der Lange und ich in die Steiermark zur Regionale. Sagen wir so, Ostermayer veranstaltete dort ein kleines Symposion zum Thema „Saufen“ und fand, ich sei eine geeignete Referentin; was mir durchaus irgendwie zu Herzen geht. Andererseits ist es jetzt wohl zu spät, mein Fachgebiet noch zu ändern; also, was solls, mache ich halt das Beste daraus. Es war aber sehr nett und man traf dort in ungewöhnlich herrlicher Umgebung Menschen, mit denen man seit nunmehr bald einem Vierteljahrhundert die Erlebnisvielfalt im Baccantischen pflegt. Herr Welter von Naked Lunch zum Beispiel, mit dem ich mich schon im alten Flex betschecherte, wie ehedem auch (ich weiß gar nicht, warum mir das jetzt einfällt) mit dem nunmehrigen Presseprecher eines sehr hohen politischen Repräsentanten, der damals langes blondes Wallehaar und Zehn-Tage-Bärte trug und nicht nur wahnsinnig gut singen konnte, sondern dabei auch ergreifend anzusehen war. Wie übrigens auch die Herren Welter und Red, die zum Abschluss des erstens Symposion-Abends ein unglaublich schönes musikalisches Zusammentreffen hatten, während welchem sich Herr Olivier Red, ein freundlicher Franzose, endlich nicht mehr frug, was für erstaunliche Mengen an Alkohol in manche seiner neuen österreichischen Freunde sowie in den Veranstalter selbst hineinpassen: was er die Tage zuvor gelernt hatte. Er hatte wohl geglaubt, das Motto des Wochenendes sei im übertragenen Sinn gemeint. So naiv war ich nicht.