21.08.08

Irgendjemand muss sich darum kümmern

Doris Knecht | 08/08 | Falter-Kolumne

Weil wir uns letztes Mal über Sofakissen unterhalten haben: Erstens waren wir in der Zwischenzeit im Sofakissen-Paradis zum Essen eingeladen; so viele Sofakissen habe ich in meinem Leben noch nicht an einem Ort gesehen. Sehr kuschelig. Zweitens lese ich, wenn ich nicht gerade über Inneneinrichtung nachdenke, John Cheevers Geschichte der Wapshots, und wie immer, wenn einen gerade was beschäftigt, findet man in der aktuellen Literatur-Lektüre mannigfache Anknüpfungspunkte ans eigene Elend. Cheever beschreibt in seinem Roman das Leben einer Familie im Massachusetts der Mitte des letzten Jahrhunderts; einmal geht der Vater mit seinem Sohn fischen, sie fahren weit hinauf nach Kanada in ein heruntergekommenes Anglercamp. Wo dem Sohn, während er auf einer schmutzigen Matratze wachliegt, über die „die Abwesenheit der Frauen“ nachdenkt und wie sie die Möbel verbrannt, die Blechdosen vergraben und die Fußböden gescheuert hätten, wie sie Lampenzylinder gereinigt und in einen Glaspantoffel (oder ein anderes entzückendes antikes Stück) Veilchen- und Weißwurzelsträuße gestellt hätten. (...). Unter ihrer Herrschaft würden sich vom Camp bis zum See Rasenflächen erstrecken, hinter dem Haus würden Kräuter und Salatpflanzen sprießen, und es gäbe Vorhänge und Teppiche, chemische Toiletten und Uhren mit Glockenspiel“.

Und so ist es auch hier, wenngleich der Begriff „Frauen“ nun mehr als Sinnbild jener Personen gelesen werden darf, die sich in Partnerschaften und Familien darum kümmert, dass man nicht am Estrich schlafen muss  und den Kaffee aus einem leeren Marmeladeglas schlürfen. Bei den Horwaths zum Beispiel ist es der Horwath, jedenfalls bin ich mir hundertprozentig sicher, dass die gesticken Zierborten im Horwathschen Geschirrschrank, die penibel mit kleinen Kupfer-Rundkopfnägeln an den Kanten der Regalbretter befestigt sind, nicht von der Horwathin dort angenagelt wurden. Und die Horwathin darf die großen ebay-Pakete, die regelmäßig bei den Horwaths abgeben werden, zwar aufmachen und unter ah und oh eine hübsche antike Tasse nach der anderen aus dem Zeitungspapier wickeln, aber gesucht und bestellt hat es der Horwath. Bei uns bin es halt ich, davor war es, was der Wohnung des Langen bei meinem ehedemen Erstbetritt deutlich anzusehen war, des Langen Mutter, die noch jahrelang, wenn ich einen Augenblick nicht hinsah, die dicken blauen Vorhänge, die ich demontiert hatte, wieder aufhing. Es könnte ja jemand hereinsehen. Schwimu, schau aussi, wir sind im letzten Stock und haben kein Gegenüber. Trotzdem: Irgendjemand muss sich schließlich darum kümmern, dass die Ziviliation nicht zu einem dreckigen Anglercamp verkommt.
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