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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.09.08

Ganz alltäglich

| Comments (1) | 09/08 Kurier-Kolumne

Frau Dr. G ist Allgemein- und Arbeitsmedizinerin und fand vor einiger Zeit in ihrem Postkastl eine Aussendung der Österreichischen Krebshilfe. Las sie  und stolperte über eine Passage, die sie, so Frau Dr. G., „gelinde gesagt, etwas irritierte“.
Es ging in dem Schreiben um Brustkrebs und den Pink Ribbon, „das weltweite Symbol für Solidarität mit Brustkrebspatientinnen“. Bestens, natürlich. Weiters um das Bemühen, Frauen dazu zu motivieren, sich mit dem Thema Brustkrebs auseinanderzusetzen und sich um Vorsorge kümmern; auch das einwandfrei, wichtig, gut.  Doch dann las Dr. G., man müsse versuchen, „möglichst viele Frauen in Shoppingcentern und auf Hauptplätzen – also ihrem alltäglichen Umfeld – anzusprechen und auf das Thema Brustkrebs hinzuweisen“.
Und hier nun ging Dr. G. ein bisschen das Geimpfte auf, weil sie nämlich nicht nur praktizierende Ärztin ist, sondern auch praktizierende Mutter zweier Kinder, und sich deshalb nicht mehr erinnern kann, wann sie das letzte Mal Zeit hatte, sich „in Shoppingcentern und auf Hauptplätzen“ herumzutreiben. „Mein alltägliches Umfeld“, schreibt Frau G., „sind Arbeitsplatz, Hort, nächstbester auf der Strecke liegender Supermarkt, unaufgeräumte Wohnung, Kinderevents, usw...“ Und ob mir das bekannt vorkäme.
Oh ja. Ich darf darf hinzufügen: die Umkleidekabinen von Sporthallen, in denen die Kinder Fußball und Tanz trainieren, die Wartezimmer von Ärzten, Spielplatzbänke, das Fahrzeug, mit dem man Kinder, Einkäufe, sich selbst von A. nach B. transportiert.
Das Anliegen der Krebshilfe: tadellos. Die Einschätzung der Lebenssituation ganz normaler Frauen: aktualisierenswert.
26.09.08

Das wäre ein Glück

| Comments (1) | 09/08 Kurier-Kolumne

„Es gab so viele Momente, wo ich das Glück nicht zugelassen habe.“ (Zum Beispiel, man geht um halb zehn in Wien in ein Lokal zu einem Termin und sie spielen dort Bob Dylan.  Z.B. das Kind hat  nur eine leichte Gehirnerschütterung. Z. B. man schwebt schwerelos im Wasser. Z.B.  der Regen hört in dem Moment auf, in dem man aus der Seilbahn tritt. Z.B. die Rechnung ist nicht so hoch, wie man befürchtet hat. Z. B. man hat jemanden. Z. B. man braucht niemanden. Z.B. der Blick über die Landschaft. Z.B. es ist endlich da, und es ist das fantastischste Baby der Welt. Z.B. man kriegt die Wohnung. Z.B. man findet endlich eine Toilette. Z.B. die Kinder, die Neffen und Nichten, die Enkel; einfach dass man sie hat, dass sie überhaupt da sind in ihrer unfassbaren Großartigkeit. Z.B. man wird geliebt. Z.B. die Sonne wirft ein Muster auf den Fußboden. Z.B. man findet einen Weg, sich zu versöhnen.  Z.B. es tut einem nichts weh. Z.B. man hat sein Ziel erreicht: die Prüfung geschafft, die Kinder groß gekriegt, vier Kilo abgenommen, den ganzen Tag niemanden angebrüllt, seit fünf Monaten keinen Alkohol getrunken, den Zahnarzt überlebt, vier Kilo zugenommen, egal welches, aber ein Ziel erreicht. Z.B. man liebt. Z.B. man steht beim  Dylan-Konzert in der ersten Reihe. Z.B. das Baby hört auf zu schreien.  Z.B. man findet die Schlüssel. Z.B. der Oma geht es besser. Z.B. die frische, klare Luft. Z.B. es hat allen geschmeckt.  )
„Es gab so viele Momente, wo ich das Glück nicht zugelassen habe“, schrieb der schwer krebskranke deutsche Regisseur Christoph Schlingensief am Wochenende im  Magazin der Süddeutschen. Das Glück erkennen können, bevor einem der Tod auf die Schulter patscht: Das wäre ein Glück.
25.09.08

Mich allerdings ebenfalls

| 09/08 Kurier-Kolumne

Um ehrlich zu sein: Zum ersten Mal in meinem aktiven Wählerleben habe ich ernstlich erwogen, nicht zur Wahl zu gehen. Warum? Weil mir vorkommt, dass ich, wie der Rest Österreichs, eben erst gewählt habe. Und weil mir scheint, dass auf der Basis dieses Wählerwillens überaus lustlos regiert  und auch darauf ziemlich zügig gepfiffen wurde. Und jetzt werde ich erneut zu einer Wahl geschickt, nach der  vielleicht Koalitionen drohen, die ich wesentlich weniger begrüßen würde, als die, die jetzt das Handtuch geworfen hat. Ich habe ernsthaft überlegt, diesmal nicht zu wählen.
Der Freundeskreis, in dem aktuell vor allem die Frage „Was wirst du wählen?“ diskutiert wird, nimmt diese Überlegung mit beissendem Unmut auf. Geht’s noch! Wählen muss man! Wer nicht wählt, gefährdet die Demokratie!
Ja, ich weiß. Ich denke aber auch, dass vorsätzliche Wahlverweigerung nicht zwingend ein undemokratischer Akt ist, sondern schon auch eine legitime Unmutsäußerung darüber, wie mit meiner letzten Stimme umgegangen wurde. Die Freunde sagen: Dann gehe hin und wähle nichts! Könnte ich, aber ungültige Stimmen werden  halt gerne als Dodelstimmen abgetan:  zu doof, ein Kreuz zu machen. Während eine niedrige Wahlbeteiligung die Politik verlässlich alarmiert.
Mich allerdings ebenfalls; weil man sich eben  nicht sicher sein kann, ob die Leute durch ihr Fernbleiben a) ihre Politikverdrossenheit ausdrücken oder b) ihr grundsätzliches Desinteresse an  politischen Vorgängen oder c) ihre reine Faulheit. Und weil ich mich  der Möglichkeiten b) und c) auf gar keinen Fall verdächtig machen will, werde ich  auch heuer wieder wählen; trotz allem. Was? www.wahlkabine.at wirds mir  sagen.
24.09.08

Flugangst, vielleicht

| 09/08 Kurier-Kolumne

Das war ein durchaus merkwürdiger Auftakt für eine TV-Wahldebatte: Ein Live-Reporter steht vor einem schon verlassenen Wahlkampf-Veranstaltungsort  und zählt auf, welche Anstrengungen man unternommen hat, um den Kanzlerkandidaten der Regierungspartei von der Teilnahme an der Spitzenkandidaten-Debatte   zu überzeugen. Inklusive eines Interviews mit dem  Piloten des Hubschraubers, den der Privatsender bereithielt, um Werner Faymann zeitgerecht ins Studio  zu bringen.
Es wird kaum daran gelegen haben, dass  Faymann Flugangst hatte – selbst hypersensible Wahlwerbende sind, ihre Bierzeltauftritte beweisen es, willig für einen Wahlerfolg weit schlimmere Ängste zu überwinden.
Für die Zuseherinnen und Zuseher wirkte das unentschuldigte (anderntags konnte man auf der SPÖ-Website  keine Erklärung  dafür lesen) Fernbleiben des Mannes, der sich gern vom  Volk zum Kanzler wählen lassen möchte, vor allem: arrogant. Vier andere Spitzenkandidaten waren sich nicht zu gut gewesen, an der Debatte teilzunehmen, der fünfte pfiff auf die Befragung.
Bei mir löste eine Debatte mit unvollständiger Kandidatenliste einen unbezwingbaren Umschaltimpuls aus: Durchaus im Sinne des ORF, vermute ich, wenngleich der natürlich ganz bestimmt nichts mit Faymanns Abwesenheit zu tun hatte. Auch wenn die Sache ziemlich streng danach riecht, dass der ORF sich sein Monopol auf bestimmte Politiker sichern möchte. Jedenfalls zeigte das Gängelband, an das der ORF und die Politik sich wechselweise zu nehmen trachten, auch diesmal Wirkung. Ob  Faymann  derlei am Sonntag helfen wird, sei dahingestellt.

 

21.09.08

Das glaubt dir normal nicht einmal eine Zweijährige

| 09/08 Falter-Kolumne

Wie uns der Fink am Land besuchte und doch kein Haus kaufte, trug er ein pakistanisches Nationalgewand; weiße Pluderhose, knielanges weißes Hemd, dazu Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler und eine Siebzigerjahre-Pilotenbrille. Er klapperte einmal quer durchs Dorf und wieder zurück, und jetzt großes Aha. Aha, die gehören also zu einer Sekte! Die ganze Partie, die Horwaths, der Polz und seine Freundin, und die neuen da; alle Sektenheinis! Haben wir gleich gedacht, dass mit denen was nicht hui ist.

Dabei sind wir bestensfalls eine Art WG auf ein paar Tausend statt 237 Quadratmeter wie früher; und jetzt halt eine WG mit den Mitteln einer Wochenendagargemeinschaft: Früher haben wir mit illegalen Lustigmachern experimentiert, jetzt experimentieren wir mit Honigschleudern und Saftpressen. Plus es gibt jetzt auch Kurze, das gab es früher auch nicht, weil früher hätte keine Mutter mit einem Eitzerl Verantwortungsbewusstsein einen Minderjährigen in unsere Nähe gelassen und wir keinen Minderjährigen in die Nähe unserer Gitarren-, Platten- und Fanzine- und Tätowiernadelsammlungen. Wenn du das angreifst, Kleiner, bist du erledigt. Wie Leute wie wir an eine Erziehungsberechtigung kommen, kann ich mir bis heute nicht genau erklären, aber am Wochenende saßen 13 Kinder unter der Laube vom Horwath, aßen Nudeln mit Bambisoße und ließen sich von uns belügen. Das war ein irre altes Reh, eine Rehgreisenurli! Die hatte ein urlustiges Leben mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und ist dann von selber im Wald tot umgefallen! Das glaubt dir normal nicht einmal ein Zweijähriger, aber je hungriger das Kind, desto empfänglicher ist es für Lügen, selbst wenn sie so miserabel sind wie die. Und ich bin der Meinung, dass manche Wahrheiten noch warten können: beziehungsweise: Sie wissens in Wirklichkeit eh. Und sie finden es selber entlastend, dass sie noch so tun dürfen, als wüssten sie´s nicht. Wie beim Christkind; wenngleich meine Idee, ihnen heuer in aller Vorsicht die Wahrheit zu sagen, von der Realität bösartig hintertrieben wurde: Vorgestern in der Früh wurde uns auf nüchternen Magen mitgeteilt, man wisse übrigens wer das Christkind sei: IHR! Öh, aso, naja, hm, stimmt; seid ihr jetzt traumatisiert? Waren sie aber nicht. Scheint ihr Weltbild nicht zu ruinieren. Hätte man wohl schon früher machen können, wollte man auch, aber andere Eltern baten einen händeringend, derlei zu unterlassen, weil was eins weiß, wissen alle. Also, wenn es jetzt dann alle wissen: ich kann nichts dafür; von mir haben sie es nicht.

Was jetzt auch alle wissen, also im Dorf: Dass diese Wiener, die das Dings-Haus gekauft haben, die von der Sekte, an Sonntagen noch zu Mittag vollzählig in fleckigen Pyjamas anzutreffen sind, vor Bergen Geschirrs: der örtliche ÖVP-Mann, der mit einem pröllvollen Papiersackerl unvermittelt in unserer Küche stand, wird schon berichtet haben. (Bitte, die Pumpe hat nicht funktioniert! Wir hatten kein Wasser!) Na, ich sags euch, mit denen ist was nicht hui.
19.09.08

Wir schlucken alles

| 09/08 Kurier-Kolumne

Drei Babies sind in China  bereits gestorben, möglicherweise sind es, wenn diese Kolumne erscheint, schon mehr. Die Babies starben daran, dass ihre Mütter sie, wie alle Mütter, nach bestem Wissen mit Milch aus industriell gefertigtem Milchpulver fütterten, in dem Glauben daran, dass die Gesundheit ihrer Kinder den Herstellern von Säuglingsnahrung ein natürliches Anliegen sei.
Dieses Vertrauen ist  zerstört: Tatsächlich haben die Produzenten dieses Milchpulvers mit voller Absicht eine giftige Chemikalie hineingemischt, um den Proteinanteil zu erhöhen.
Das ist schockierend. Und man beißt, auch außerhalb Chinas, mit gewachsener Skespis   ins Fertigprodukt: Was ist da eigentlich alles drinnen? Ist das vielleicht lebensgefährlich, was man da isst? Und was ist das eigentlich genau, was man den Kindern vorsetzt?
Dabei hat der moderne Mensch ja längst akzeptiert, dass er giftige Substanzen serviert bekommt: Transfette und E-Nummern, bei denen nicht eindeutig geklärt ist, ob sie Krebs erregen. Einerseits gab es noch nie so viele  Spas, Wellness- und Gesundheitstempel, in denen der moderne Mensch sich verwöhnen und seinen Körper gesundtäscheln lässt. Andererseits lässt er es sich ohne Murren gefallen,   dass Inhaltsstoffe, deren Krebserregungspotential nicht eindeutig geklärt ist, keineswegs aus dem Verkehr gezogen werden, bis sie als harmlos eingestuft werden: sondern, dass er sie zu essen kommt, bis ganz sicher ist, dass er daran sterben kann.
Das zeigt , dass der moderen Mensch sehr viel zu schlucken bereit ist.  Man könnte sagen: Er will es so; er liebt Chemie.
In China  interpretierten das skrupellose Produzenten auf ihre Weise. Drei Babies sind schon tot.
14.09.08

Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein

| 09/08 Falter-Kolumne

Hier bin ich Mensch, hier will ich sein

Wenn Sie mich fragen, sehe ich auf dem neuen Kolumnenbild aus wie ein unausgeschlafener 16jähriger Extasy-Konsument namens Cedric oder Phil oder Fipsi. Aber mich fragt ja keiner. Mein neuer Verbindungsoffizier sagt, besser, als du siehst aus wie eine versoffene alte Vettel, da hat er erstens recht, zweitens weiß ich zu schätzen, dass er das sagt, weil er hätte auch sagen können: Immer noch besser als das verlogene alte Jugendfoto, das bislang deine Kolumne zierte, obwohl du doch in Wirklichkeit schon seit Jahren wie eine versoffene alte Vettel auschaust, nichts Persönliches. Also danke. Okay. Soll mir recht sein.

Ich habe übrigens, außer jetzt bez. mein Bildnis, keinerlei Kenntnis davon, wie das jetzt ausschaut, wo ich augenblicklich hineinschreibe, weil das neue Layout momanten noch hinter vier vierfach verschlossenen und von gut definierten Securities bewachten Türen in speziellen Schutzräumen aufbewahrt wird, die nur Auswählte in Begleitung noch Auserwählterer und nach strenger Leibesvisitation betreten dürfen, nachdem sie einen notariellen Eid abgelegt haben, dass sie das Erblickte selbigen Moments vergessen, in dem sie wieder auf die Straße treten. Burn after Reading. Also Sie als Leserin und Leser sehen dieses Layout und denken sich: schön, scheiße oder weiß nicht, haben aber nicht einmal den Furz einer Ahnung, welch ungeheuere Geheimnishaftigkeit seiner Vollendung voranging.

Mich hat natürlich vorher keiner gefragt, ob ich das vielleicht einmal sehen will, auch nicht, obs mir da hinten auf der Kasperl-Seite genehm ist, wo jetzt alles aufbewahrt wird, das die richtigen Artikel belästigen könnte oder wo sie beim Falter nicht so recht wissen, was damit anfangen. Man soll jetzt zwischen den wichtigen Geschichten nicht mehr über so Familien-Tralala stolpern, das ist doch irritierend, das stört doch. Aber Hauptsache, sie zahlen pünktlich. Und der neue Verbindungsoffzier ist sehr nett und höflich und ein reizender Quartiergeber, der schon gefragt hat, ob eh alles in Ordnung sei, und eben auch, wie man denn das neue Konterfei fände. Hätte er nicht müssen! Ist alles Extra-Service! Weiß ich durchaus zu schätzen.

Was ich nicht so zu schätzen weiß, ist das öffentliche Hergewatschtwerden, weil ich für meine Nachbarn ein Wort verwendet habe, das einige Menschen für inakzeptabel halten. Gut, ich akzeptiere das. Es tut mir leid, wenn ich Gefühle verletzt habe, das war nicht meine Absicht, und ich werde das Wort nicht mehr verwenden*. Ein winziger Schritt für mich, aber ein großer Erfolg für die engagierte Falter-Lesergemeinschaft, deren beherztem Einsatz es zu verdanken ist, dass eine marodierende Kolumnistin durch intelligente Nutzung moderner Netzwerke und massenhafte Zurechtweisung zur Raison gebracht wurde. Jjjja! So macht man das! Und so gesehen ist es wirklich ganz egal, in welchem Layout ich schreibe: Hauptsache, ich weiß mich daheim bei wachsamen und gerechten Leserinnen und Lesern, und, ja, hier bin ich das.

*) Sie werden das Wort deshalb auch in diesem Blog nicht finden.
12.09.08

Gerechtigkeit für das EI-Tüpfelchen

| 09/08 Kurier-Kolumne

Also, KURIER-Ess-Kritiker Florian Holzer sagt: Die besten Wachteleier bekommt man in Wien  am Naschmarkt beim „Gockelhahn“ und beim Meinl am Graben. Damit das geklärt ist, bevor wir uns hier  mit  Zubereitungsmöglichkeiten des dieser Tage meiststrapazierte Lebensmittels beschäftigen.
Wobei vordringlich festgestellt werden soll, dass dem Wachtelei enormes Unrecht geschieht: Ein so luxuriöses Luxusgut ist es nun auch wieder nicht, dass es als Symbol für die Merkwürdigkeit unausgereifter Steuerpläne taugte. Natürlich würden die Wachteleier, wenn man sie jetzt zum Beispiel zur Herstellung einer Eierspeis für acht Personen einzusetzen trachtete, auf dem Kassenzettel   hübsch etwas hermachen: Aber wer macht so etwas?  Weil sechs bis acht der Mini-Eier müsste man dann pro Person wohl etwa verquirlen, macht 48 bis 64 Eier, macht an die 20 Euro für eine an sich doch eher schlichte Speise, die sich mit Hendleiern für etwa fünf Euro herstellen lässt.
Man muss das  Wachtelei aber singulär betrachten, und es nicht als Hauptzutat, sondern sozusagen als menütechnisches EI-Tüpfelchen verstehen. Es lässt sich mit einem Wachtelei zum Beispiel eine Spinatsuppe aufhübschen; es lassen sich damit große Champignons füllen,  es harmoniert mit grünen und Spargel-Salaten, es nimmt sich, als Mini-Spiegelei, auf Kartoffelpüree oder Toast recht elegant  aus und Heinz Hanner vom „Hanner“hat es in „Frisch gekocht“ einmal pochiert in einer Pilzsud-Reduktion serviert; das wollte man gleich auslöffeln.
Denn in seiner Einzelheit ist das Wachtelei keineswegs obszön luxuriös: 30 Cent kostet eins beim „Gockelhahn“, also etwa gleichviel wie eine günstige Schale Katzenfutter. Und das ist ja wohl... genau.
10.09.08

Der Faktor Unberechenbarkeit

| 09/08 Kurier-Kolumne

Mit explodierendem Interesse verfolge ich die Geschichten über Sarah Palin und ihre Familie. Die Frau interessierte mich vom  Moment an, in dem bekannt wurde, dass sie an der Seite von John McCain für das Amt der US-Vizepräsidenten kandidiert: einfach, weil nun erstmals Frauen meiner Generation   für die  wichtigsten Jobs der Welt  in Frage kommen. Und zwar Frauen mit kleinen und heranwachsenden Kindern; und als berufstätige Mutter mit hohem Imperfektionsquotienten schaut man gern anderen berufstätigen Müttern zu, wie die ihr Leben meistern.
Mutter Palin zwang einem – ungeachtet  erheblicher ideologischen Weltanschauungsunterschiede – einen gehörigen Respekt ab: Im Mai das fünfte Kind bekommen, im September als Stellvertreterin des wichtigsten Amtes der Welt kandidieren – das zeugt von enormer Kraft, beindruckender Emanzipierheit und beachtlichem Organisationstalent. Das kann man also alles schaffen, gut.  Während man selbst es bisher nicht einmal geschafft hat, die Schulbücher von nur zwei Kindern zeitgerecht einzubinden und endlich  Staubsaugersäcke zu besorgen.
Weshalb man doch mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis nimmt, dass auch solchen Frauen beim Jonglieren mit den Alltagsanforderungen manchmal ein Ball aus der Hand fällt. Bzw., dass der Faktor Unberechenbarkeit auch in scheinbar perfekten Familien nicht zu unterschätzen ist. Vor allem zeigt es, dass  sich niemand, auch nicht die mächtigste Frau der Welt, die eigenen Kinder ideal-biegen kann: Die haben ihren eigenen Kopf, ob‘s der Mutter ins Programm passt oder nicht - egal, ob sie Ärztin ist, Postlerin, Unternehmerin, Verkäuferin, Journalistin – oder US-Vizepräsidentschaftskandidatin.
9.09.08

Jeder hat die gleiche Chance

| Comments (1) | 09/08 Kurier-Kolumne

Bilanz nach der ersten Schulwoche: Erstens wird man jetzt nicht mehr von Pfadfindern belästigt, die einem während der ersten Tage am Schulweg auflauerten, um Volksschülern, bzw. ihren Eltern, eine Mitgliedschaft abzunerven. Aber nicht nur die Pfadfinder gingen auf die Schüler los: Schon am ersten Schultag lagen auf den Erstklässler-Bänken Werbegeschenke von Banken, Schreibwarendiskontern, Süßigkeitenherstelleren, Transportunternehmen u. a., die finden, dass die Volksschule eine tolle Werbefläche sei. Nicht meine Meinung, aber ich habe festgestellt, dass man da als Eltern keine große Einspruchsmöglichkeiten hat. Öffentliche Schulen sind, das ist die schäbige Wahrheit in einem wohlhabenden Land wie Österreich, auf Sponsoren angewiesen. Was zahlreich dazu führt, dass  Kampagnen zur gesunden Ernährung von immer übergewichtigeren Kindern und die zuckersüße Realität von strategisch in Schulen platzierten Limonaden-Automaten eine harmonische Koexistenz eingehen.
Zweitens wird das Frühaufstehen völlig zu Unrecht verteufelt. Frühaufstehen ist herrlich, weil man schon um acht mit dem  Tagwerk beginnen, sich in  seeliger Ruhe um Körperpflege und Abwasch kümmern oder ins spiegelglatte Wasser eines 50-Meter-Beckens köpfeln kann. Aber fragen Sie mich im Winter noch einmal, wenns um acht noch stockdunkel ist.
Drittens haben nicht nur alle Kinder – egal ob von Ärztinnen, Postlern, Unternehmerin oder Journalisten  – ihren eigenen Kopf; sie haben auch die gleiche Chance, dass darauf Läuse nisten. Am Arsenal wird schon wieder entlaust;  der Sitznachbar von einem meiner Kinder hatte sie schon an Tag drei. Angst! Eines muss man Läusen lassen: Sie sind demokratisch.


7.09.08

Hier drängen sich ein paar Fragen auf

| 09/08 Falter-Kolumne

Es fielen in der ersten Schulwoche Entscheidungen. Erstens wählte ein Mimi für den ersten Schultag ein blumengemustertes Frottee-Kleid, das die Hofingerin, 42, im Alter von fünf Jahren sehr oft getragen hatte. Auch das andere Mimi bediente sich in den frühen Neunzehnsiebzigern und entschied sich zum Schulantritt für ein schwarzes Leiberl mit dem Bildnis eines weltberühmten Drogentoten, verschieden 1971 an einer Überdosis Heroin. Die Horwathin hat ein bisschen geschaut.

Zweitens entschied sich das eine Mimi dafür, am Religionsunterricht teilzunehmen, während das andere Mimi – Gott gibt’s ja gar nicht, ist doch alles nur ein Märchen – zum Religiösen ein kritisches Verhältnis pflegt. Es gab zu diesem Thema vor ein paar Wochen im Waldviertel einen kleinen Disput zwischen dem Horwath und mir, was die Breußin einen „kollossalen Streit“ nannte, aber Horwath und ich sehen das gelassener. Weil der Horwath sagt, bei einem korrekten Streit ginge ja die eine Seite auf die Argumente der anderen Seite ein, und ich sagte, ja, wenn es ein Argument ist, aber das war kein Argument, das du da vorgetragen hast, das war geistesgestört. Siehst du, sagt der Horwath. Es wäre jetzt zu kompliziert, die Sache zu erklären, aber der Horwath wählte ein außerordentlich drastisches Bild, um klarzumachen, wie er, der sonst mit dem kleinen Horwath einen derart liberalen Umgang pflegt, dass er selbst das Wort „Erziehung“ engagiert verachtet, nicht einmal im Traum daran denkt, sein Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es in Religion will oder nicht. Religion und alles Religiöse lehnt der Horwath umfassend ab. Religion kommt für den Horwath und somit auch für den kleinen Horwath nicht in Frage, und das, obwohl sich der kleine Horwath in erheblichem Maß für Religion interessiert. Was freilich wiederum damit zu tun haben könnte, dass der Horwath das Badezimmer seines Landhauses mit Dutzenden alten Bildern von nicht durchwegs glücklich dreinschauenen Heiligen quasi zutapeziert hat, und während ein Kind am Klo sitzt und auf diese Heiligen blickt und die Heiligen auf ihn, drängen sich dem Kind natürlich dazu ein paar Fragen auf. Die der Horwath aber auf keinen Fall von einer Religionslehrerin beanwortet wissen will.

Drittens entschied sich das eine Mimi dann doch gegen die Religion; und zwar ganz ohne mein Zutun. Aber es ist mir, marantjosef, eher sehr Recht.
5.09.08

Sie können auch anders

| 09/08 Kurier-Kolumne

Die Post, Damen und Herren. Erstens erhielt Leser D. Mitte August ein Paket und  erlaubte sich, bei dessen Zustellung abwesend zu sein. Hinterlegt wurde das Paket allerdings nicht bei seinem Grätzel-Postamt, sondern, so Herr D., „am Ende der Welt“in der Sonnleithengasse. Deshalb schaffte er es zu Mittag erst knapp nach 12 Uhr dorthin. Der Schalter war aber geöffnet, ein Kunde stand davor, Herr D. stellte sich dahinter an und beobachtete, wie einige Mitarbeiter sich angeregt unterhielten bzw. eifrig herumwuselten, aber sich nicht weiter um die Kunden – ein dritter hatte sich hinter D. angereiht – kümmerten. Nach einigen Minuten fragte der Herr am Schalter schließlich, ob er dann vielleicht einmal bedient werde, und erhielt eine klare Antwort: nein. Denn der Schalter sei hiermit geschlossen, sagte eine Postlerin, während sie das entsprechende Schild auf die Theke stellte.
Zweitens, und apropos Dienst am Kunden, die Post kann nämlich auch anders. Denn ich erwartete postalisch den absoluten Stiefel und schaute deshalb täglich bei meiner Post vorbei. Und täglich sah der stets freundliche Beamte nach, ob das Paket denn schon gekommen sei, obwohl die lästige Kundin keinen Abholschein vorweisen konnte. Als der absolute Stiefel endlich kam, war er zu klein, wurde retour und größer wieder geschickt, allerdings weilte ich da gerade länger woanders.
Der Gatte ging aber mit dem Abholschein zur Post, wo ihm von einem anderen Mitarbeiter beschieden wurde, na leider, das Paket läge schon auf dem Retour-Wagerl. Es waren einige deutliche Worte notwendig, um den absoluten Stiefel vom Retour-Wagerl zu retten, aber es gelang. Jetzt muss es nur noch Herbst werden.
4.09.08

Gerettet wird jeder gern

| 09/08 Kurier-Kolumne

Wo gibt es  in Österreich Bären? Nur weil ich eben gelesen habe, dass der russische Präsident Putin mit einem  gezielten Schuss aus einem Betäubungsgewehr ein  Filmteam vor dem sicheren Verschlungenwerden durch einen  Amur-Tiger rettete. Das will man doch gleich auf den aktuellen Wahlkampf umgelegt sehen.
Gewaltbereite Tiere und andere Bedrohungsszenarien, die nach beherztem Eingreifen  verlangen, müssen alsoher,  dazu Filmteams, und natürlich gut trainierte Heldinnen und Helden.Wobei der Bär  leider bereits besetzt ist. Schließlich gibt es unter den wahlwerbenden Kandidaten einen Bärental-Besitzer, dem ist sozusagen schon das „Kannst du dich nicht mehr wehren/werf ich mich vor den Bären!“-Logo auf dem Satin-Revers eingestickt.
Alternative Situationen verlangen allerdings nach perfekter Vorbereitung, denn wenn z.B. der blaue Spitzenkandidat sich zur Rettung eines   braven, aber unaufmerksamen Wiener Muatterls einem türkischen LKW entgegenstemmt, sollte dieser unbedingt punktgenau bremsen. Dahingestellt sei, ob es Sinn macht,  die Zupackqualitäten des SPÖ-Chefs zu beweisen, indem man ihn mit der Parole „Genug gestritten!“ in eine Bierzeltrauferei schickt. Beim Grünen-Kandidat  wäre dagegen, im rechtssicheren Raum natürlich,   eine spektakuläre Kükenbefreiungssaktion (hoher Flauschigkeitsfaktor!) denkbar. 
Der ÖVP-Kandidat   könnte zufällig dabei gefilmt werden, wie er eine verzweifelte Familie aus einem brennenden Haus  (Symbol für Teuerung!) rettet. Und sieht man nicht die liberale Spitzenkandidatin schon vor sich, wie sie marodierende Bulldoggen mit Blitzen aus ihren Augen paralysiert?
Auf Capes wird übrigens verzichtet. Putin hatte auch keins an.
2.09.08

Und wieder: Schule

| 09/08 Kurier-Kolumne

Heute: Schulbeginn. Für viele: Einschulung, das ganze Programm mit grellbunten neuen Schultaschen und gefüllten Schultüten und Kindern, die vor lauter Aufregung und Vorfreude schon seit Tagen schlecht schlafen. Das wird spannend, das wird hoffentlich gut.
Es fängt aber nicht für alle gut an: Von der Diakonie Österreich erreicht mich  ein Mail, dass sich viele Eltern den Schulbeginn ihrer Kinder nicht leisten können, und das wundert mich nicht. Die Listen mit unbedingt benötigtem Material, die wir von den Lehrerinnen unsererKinder bekommen haben, sind zum Teil fast zwei Seiten lang: Bastelscheren, Flüssigkleber, Klebesticks, Blei-, Bunt- Filz- und Folienstifte, Schnellhefter, Clipboards, Ordner, Schreibunterlagen und noch einiges mehr. Mit Schultaschen, Feder- und Schüttelpenalen, Turnzeug, Werkkoffern, Patschen für Schule und Hort und den unvermeidlichen und, wegen Letzte-Minute-Erwerbs sauteuren  Schultüten (Selberbasteln ist nicht, sagten die Kinder) macht das für zwei insgesamt wohl gut 400 Euro aus. Auch wenn man entschieden sparte, und die Tüte doch selber bastelte: Unter  150 Euro pro frisch eingeschultem Kind kommt man kaum weg. (Vor allem, wenn man bei der Schultasche Wert auf eine gewissen Ergonomie legt.)
Aber einmal abgesehen von den Kosten: Der Schulbeginn verändert auch die Stadt. Ab acht Uhr früh ist sie jetzt wieder praktisch kinderleer. Schanigärten verschwinden. Parkplätze sind wieder knapp. Fitnessstudios und Bäder sind wieder früh gut mit Eltern gefüllt, die vor der Arbeit noch schnell sporteln gehen. Und man arbeitet wieder konzentrierter, die Kinder sind  ja jetzt auch wieder rundum beschäftigt und betreut. Schulbeginn, heute.
1.09.08

Irgendjeman muss sich darum kümern

| 09/08 Falter-Kolumne

Wieder Stadt. Und fängt ja gut an, denn die Pfeifen aus dem dritten Stock haben inzwischen den Aufzug ruiniert, fanden es aber unnedig, wegen so einer Kleinigkeit die Hausverwaltung zu informieren. Sechs mal sechs Stockwerke mit Gepäck: sehr gesund, vor allem nach einem Monat Bier, Brot, Speck, über offenem Feuer verbrannten Käsekrainern im Dutzend und Serien-Nudelessen. Das Landleben ist nur punktuell gesund; spitzenmäßiger Frischluftfaktor, aber ernährungsmedizinisch eher im bedenklichen Bereich. Das muss jetzt anders werden, dafür gibt es zahlreiche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte, plus sind die Mimis ab sofort Schulmimis.

Das Wochenende verbrachten wir damit, in der Stadt die letzten zwei verstaubten Schultüten aus einem Schaufenster heraus zu erobern, weil Schulantritt ohne Schultüte ist heutzutage undenkbar, und mit einer selbergebastelten Schultüte zu erscheinen gilt unter Schulbeginnern, wie mir die Mimis erklärten, während sich in ihren Augen Tränen der Enttäuschung zu Glühbirnengröße aufbliesen, eine Schmach, die in ihrer zarten Kinderseele bis minimum Matura untilgbare Flecken hinterließe. Die Mimiseelenunversehrtheit kostet mich Euro 25,80, die Füllung der Monsterstanitzeln nicht eingerechnet, aber mit mir kann mans ja machen. Danach pickten wir stundenlang winzige Etiketten mit den Namen der Mimis auf jeden einzelen Blei-, Bunt-, Wachsmal- und Filzstift, das muss man heute, die Lehrerinnen habens in ihren teilweise mehrseitigen Manuals, was für die 1. Klasse zu besorgen sei, ausdrücklich befohlen.

Und, apropos Ernährung, wir testeten, wie das in gesunden Familien zu Schulbeginn gang und gäbe ist, gesunde Jausen, mit dem Ergebnis, dass die Mimis nun Montags, Mittwochs und Freitag Salamivollkornbrote mit Gurkerl und Dienstags und Donnerstags Putenschinkenvollkornbrote mit Gurkerl schuljausnen werden, mehr Diversifizierung ins Gesunde ist nicht drin, die anderen acht Probebeläge waren nämlich, so die Mimis, einem Schulkind absolut nicht zumutbar. Eventuell noch eine Traube und ein winziges Streiferl Karotte dazu, okay. Nein, den Thunfischaufstrich probier ich nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Nein, Avocado auch nicht. Käse?! Topfen mit frischen Kräutern?!? Spinnst du? Nein, koste ich sicher nicht. Nein, auch nicht, wenn ich dafür Schokolade bekomme. Nein, ich geh jetzt in mein Zimmer und heule dort so lange laut und elendiglich, bis mein guter Vater sich erbarmt, und mir die Schokolade auch ohne vorangehende Makrobiotikfolter verabreicht. Aber immerhin: Sie hätten auch den Putenschinken ablehnen können. Läuft doch gut.
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