Doris Knecht
| 09/08
| Kurier-Kolumne
„Es gab so viele Momente, wo ich das Glück nicht zugelassen habe.“ (Zum Beispiel, man geht um halb zehn in Wien in ein Lokal zu einem Termin und sie spielen dort Bob Dylan. Z.B. das Kind hat nur eine leichte Gehirnerschütterung. Z. B. man schwebt schwerelos im Wasser. Z.B. der Regen hört in dem Moment auf, in dem man aus der Seilbahn tritt. Z.B. die Rechnung ist nicht so hoch, wie man befürchtet hat. Z. B. man hat jemanden. Z. B. man braucht niemanden. Z.B. der Blick über die Landschaft. Z.B. es ist endlich da, und es ist das fantastischste Baby der Welt. Z.B. man kriegt die Wohnung. Z.B. man findet endlich eine Toilette. Z.B. die Kinder, die Neffen und Nichten, die Enkel; einfach dass man sie hat, dass sie überhaupt da sind in ihrer unfassbaren Großartigkeit. Z.B. man wird geliebt. Z.B. die Sonne wirft ein Muster auf den Fußboden. Z.B. man findet einen Weg, sich zu versöhnen. Z.B. es tut einem nichts weh. Z.B. man hat sein Ziel erreicht: die Prüfung geschafft, die Kinder groß gekriegt, vier Kilo abgenommen, den ganzen Tag niemanden angebrüllt, seit fünf Monaten keinen Alkohol getrunken, den Zahnarzt überlebt, vier Kilo zugenommen, egal welches, aber ein Ziel erreicht. Z.B. man liebt. Z.B. man steht beim Dylan-Konzert in der ersten Reihe. Z.B. das Baby hört auf zu schreien. Z.B. man findet die Schlüssel. Z.B. der Oma geht es besser. Z.B. die frische, klare Luft. Z.B. es hat allen geschmeckt. )
„Es gab so viele Momente, wo ich das Glück nicht zugelassen habe“, schrieb der schwer krebskranke deutsche Regisseur Christoph Schlingensief am Wochenende im Magazin der Süddeutschen. Das Glück erkennen können, bevor einem der Tod auf die Schulter patscht: Das wäre ein Glück.