Doris Knecht
| 09/08
| Kurier-Kolumne
Mit explodierendem Interesse verfolge ich die Geschichten über Sarah Palin und ihre Familie. Die Frau interessierte mich vom Moment an, in dem bekannt wurde, dass sie an der Seite von John McCain für das Amt der US-Vizepräsidenten kandidiert: einfach, weil nun erstmals Frauen meiner Generation für die wichtigsten Jobs der Welt in Frage kommen. Und zwar Frauen mit kleinen und heranwachsenden Kindern; und als berufstätige Mutter mit hohem Imperfektionsquotienten schaut man gern anderen berufstätigen Müttern zu, wie die ihr Leben meistern.
Mutter Palin zwang einem – ungeachtet erheblicher ideologischen Weltanschauungsunterschiede – einen gehörigen Respekt ab: Im Mai das fünfte Kind bekommen, im September als Stellvertreterin des wichtigsten Amtes der Welt kandidieren – das zeugt von enormer Kraft, beindruckender Emanzipierheit und beachtlichem Organisationstalent. Das kann man also alles schaffen, gut. Während man selbst es bisher nicht einmal geschafft hat, die Schulbücher von nur zwei Kindern zeitgerecht einzubinden und endlich Staubsaugersäcke zu besorgen.
Weshalb man doch mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis nimmt, dass auch solchen Frauen beim Jonglieren mit den Alltagsanforderungen manchmal ein Ball aus der Hand fällt. Bzw., dass der Faktor Unberechenbarkeit auch in scheinbar perfekten Familien nicht zu unterschätzen ist. Vor allem zeigt es, dass sich niemand, auch nicht die mächtigste Frau der Welt, die eigenen Kinder ideal-biegen kann: Die haben ihren eigenen Kopf, ob‘s der Mutter ins Programm passt oder nicht - egal, ob sie Ärztin ist, Postlerin, Unternehmerin, Verkäuferin, Journalistin – oder US-Vizepräsidentschaftskandidatin.