7.09.08

Hier drängen sich ein paar Fragen auf

Doris Knecht | 09/08 | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Schuld und Sühne | Stadt/Land | Unter Spießern

Es fielen in der ersten Schulwoche Entscheidungen. Erstens wählte ein Mimi für den ersten Schultag ein blumengemustertes Frottee-Kleid, das die Hofingerin, 42, im Alter von fünf Jahren sehr oft getragen hatte. Auch das andere Mimi bediente sich in den frühen Neunzehnsiebzigern und entschied sich zum Schulantritt für ein schwarzes Leiberl mit dem Bildnis eines weltberühmten Drogentoten, verschieden 1971 an einer Überdosis Heroin. Die Horwathin hat ein bisschen geschaut.

Zweitens entschied sich das eine Mimi dafür, am Religionsunterricht teilzunehmen, während das andere Mimi – Gott gibt’s ja gar nicht, ist doch alles nur ein Märchen – zum Religiösen ein kritisches Verhältnis pflegt. Es gab zu diesem Thema vor ein paar Wochen im Waldviertel einen kleinen Disput zwischen dem Horwath und mir, was die Breußin einen „kollossalen Streit“ nannte, aber Horwath und ich sehen das gelassener. Weil der Horwath sagt, bei einem korrekten Streit ginge ja die eine Seite auf die Argumente der anderen Seite ein, und ich sagte, ja, wenn es ein Argument ist, aber das war kein Argument, das du da vorgetragen hast, das war geistesgestört. Siehst du, sagt der Horwath. Es wäre jetzt zu kompliziert, die Sache zu erklären, aber der Horwath wählte ein außerordentlich drastisches Bild, um klarzumachen, wie er, der sonst mit dem kleinen Horwath einen derart liberalen Umgang pflegt, dass er selbst das Wort „Erziehung“ engagiert verachtet, nicht einmal im Traum daran denkt, sein Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es in Religion will oder nicht. Religion und alles Religiöse lehnt der Horwath umfassend ab. Religion kommt für den Horwath und somit auch für den kleinen Horwath nicht in Frage, und das, obwohl sich der kleine Horwath in erheblichem Maß für Religion interessiert. Was freilich wiederum damit zu tun haben könnte, dass der Horwath das Badezimmer seines Landhauses mit Dutzenden alten Bildern von nicht durchwegs glücklich dreinschauenen Heiligen quasi zutapeziert hat, und während ein Kind am Klo sitzt und auf diese Heiligen blickt und die Heiligen auf ihn, drängen sich dem Kind natürlich dazu ein paar Fragen auf. Die der Horwath aber auf keinen Fall von einer Religionslehrerin beanwortet wissen will.

Drittens entschied sich das eine Mimi dann doch gegen die Religion; und zwar ganz ohne mein Zutun. Aber es ist mir, marantjosef, eher sehr Recht.
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