1.09.08

Irgendjeman muss sich darum kümern

Doris Knecht | 09/08 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Prost Mahlzeit | Unter Spießern

Wieder Stadt. Und fängt ja gut an, denn die Pfeifen aus dem dritten Stock haben inzwischen den Aufzug ruiniert, fanden es aber unnedig, wegen so einer Kleinigkeit die Hausverwaltung zu informieren. Sechs mal sechs Stockwerke mit Gepäck: sehr gesund, vor allem nach einem Monat Bier, Brot, Speck, über offenem Feuer verbrannten Käsekrainern im Dutzend und Serien-Nudelessen. Das Landleben ist nur punktuell gesund; spitzenmäßiger Frischluftfaktor, aber ernährungsmedizinisch eher im bedenklichen Bereich. Das muss jetzt anders werden, dafür gibt es zahlreiche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte, plus sind die Mimis ab sofort Schulmimis.

Das Wochenende verbrachten wir damit, in der Stadt die letzten zwei verstaubten Schultüten aus einem Schaufenster heraus zu erobern, weil Schulantritt ohne Schultüte ist heutzutage undenkbar, und mit einer selbergebastelten Schultüte zu erscheinen gilt unter Schulbeginnern, wie mir die Mimis erklärten, während sich in ihren Augen Tränen der Enttäuschung zu Glühbirnengröße aufbliesen, eine Schmach, die in ihrer zarten Kinderseele bis minimum Matura untilgbare Flecken hinterließe. Die Mimiseelenunversehrtheit kostet mich Euro 25,80, die Füllung der Monsterstanitzeln nicht eingerechnet, aber mit mir kann mans ja machen. Danach pickten wir stundenlang winzige Etiketten mit den Namen der Mimis auf jeden einzelen Blei-, Bunt-, Wachsmal- und Filzstift, das muss man heute, die Lehrerinnen habens in ihren teilweise mehrseitigen Manuals, was für die 1. Klasse zu besorgen sei, ausdrücklich befohlen.

Und, apropos Ernährung, wir testeten, wie das in gesunden Familien zu Schulbeginn gang und gäbe ist, gesunde Jausen, mit dem Ergebnis, dass die Mimis nun Montags, Mittwochs und Freitag Salamivollkornbrote mit Gurkerl und Dienstags und Donnerstags Putenschinkenvollkornbrote mit Gurkerl schuljausnen werden, mehr Diversifizierung ins Gesunde ist nicht drin, die anderen acht Probebeläge waren nämlich, so die Mimis, einem Schulkind absolut nicht zumutbar. Eventuell noch eine Traube und ein winziges Streiferl Karotte dazu, okay. Nein, den Thunfischaufstrich probier ich nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Nein, Avocado auch nicht. Käse?! Topfen mit frischen Kräutern?!? Spinnst du? Nein, koste ich sicher nicht. Nein, auch nicht, wenn ich dafür Schokolade bekomme. Nein, ich geh jetzt in mein Zimmer und heule dort so lange laut und elendiglich, bis mein guter Vater sich erbarmt, und mir die Schokolade auch ohne vorangehende Makrobiotikfolter verabreicht. Aber immerhin: Sie hätten auch den Putenschinken ablehnen können. Läuft doch gut.
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