Doris Knecht
| 10/08
| Kurier-Kolumne
Netrebko, sie habe die „La Boheme“-Premiere ausgelassen, weil sie sich nach der Schwangerschaft zu dick fühle, ist erstens herzig: Star-Schneider und Super-Juweliere hatten ihre Dienste angeboten, doch auch die edelste Robe und der karätigste Behang kann eine Frau, die sich in ihrer Haut unwohl fühlt, nicht froh stimmen.
Zweitens aber ist selbst die tollste Sängerin der Welt dem Druck ausgesetzt, dass man Frauen jetzt unmittelbar nach der Schwangerschaft nicht mehr ansehen darf, dass sie je schwanger waren: ein paar Hollywood-Tussen machen es vor, Millionen normaler Frauen lassen sich von dem Unsinn unter Druck setzen. Einmal abgesehen davon, dass man meinen müsste, es gäbe nach dem Ereignis einer Geburt andere Prioritäten, als tägliches achtstündiges Fitnesstraining; z.B. ein Kind.
Dazu passt, drittens, die Geschichte einer ganz normalen Mutter, die auch ein Ereignis auslassen wollte. Frau N. hatte um „Befreiung vom Amt eines Geschworenen oder Schöffen“ angesucht, was gewährt wird „bei unverhältnismäßigen persönlichen und wirtschaftlichen Belastungen für sie selbst oder Dritte“. Frau N. brachte folgende Gründe vor: Sie ist an den Vormittagen bei zwei Arbeitgebern angestellt (Beweise beiliegend) und muss sich nachmittags um ihre drei unmündigen Kinder kümmern. Das Magistrat lehnte den Antrag ab: u. a., weil sie keine Beweise für ihre Mutterverpflichtungen erbracht hatte.
Eine andere Mutter ist, viertens, mit ihrer Jahr für Jahr hier vorgebrachten Ansicht, das Ereignis Literaturnobelpreis entwerte sich je länger je rothlos je mehr, nicht mehr allein. Le Wer? Aber das ist eine andere Geschichte.