14.10.08

Lasst uns ausschlafen!

Doris Knecht | 10/08 | Kurier-Kolumne

Noch bevor die Sommerzeit zurückgestellt wurde, möchte ich alles zurücknehmen, was ich übers Frühaufstehen gesagt habe und behaupte das Gegenteil.  Ich sagte nämlich, es sei gut. Und im Prinzip bin ich noch dieser Meinung, aber sie betrifft nur das Frühaufsehen als singulären, isolierten und vor allem freiwilligen Akt. Also: Frühaufstehen ist herrlich, wenn man es aus freien Stücken und ganz für sich tun darf. Man steht mit einer Tasse Kaffee am offenen Fenster, atmet die noch frische Luft, sieht der Sonne zu, wie sie allmählich durch den Dunst bricht und lauscht der  Stille oder Geräuschen, die einen nicht betreffen: derlei; herrlich.
Das Frühaufstehen macht aber ungefähr 500 Prozent weniger Freude, wenn es erzwungenermaßen und im Beisein einer grantigen, bitzelnden, unausgeschlafenen Familie stattfindet: Die nicht essen will, was man ihr serviert,  nicht anziehen will, was man ihr vorschlägt und beim geringsten Problem in einen „Ich will nicht in die Schule!!!“-Kanon  verfällt, der  die Vollendung endlich begonnener Aktivitäten  (frühstücken, anziehen) endgütig zum Stillstand bringt. Es ist: zum Davonlaufen.
Und die Verheerungen, die das erzwungene Frühaufstehen anrichtet, lassen sich den ganzen Tag nicht mehr vollständig beseitigen: Ich behaupte, dass in Familien netto weniger gestritten würde, wenn man sie nicht zwingen würde, ihren Schlaf im Morgengrauen zu unterbrechen.  Freundschaften und Arbeitsverhältnisse wären  stabiler, wenn nicht staatlich verordnete Unausgeschlafenheit  wegen jedem Dreck den Grant aus den Leuten kitzeln würde.
Lasst die Menschen, die das brauchen, endlich auschlafen. Dann kann ich in Ruhe frühaufstehen.
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