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| 11/08
Kurier-Kolumne
Irgendjemand in der Stadt Wien (sicher kein Geringer) hat beschlossen, dass Wien das braucht: ein Wiener Lustspielhaus, ein Wandertheaterzelt, erfunden und betrieben vom Schauspieler Adi Hirschal. Jemand (und gewiss kein Ohnmächtiger) hat gesagt: Dieses Theater finanzieren wir, da brauchma keine Theaterjury. Und nun wird an Hirschals Theater, der KURIER berichtete, seit 2004 jährlich zwischen 363.000 und 535.000 Euro Förderung überwiesen: Insgesamt waren es in vier Jahren 1.583000 Euro.
Im Jahr 2007 zeigte das Lustspieltheater, so steht es im Kontrollamtsbericht, genau 30 Vorstellungen. Das heißt, das Theater, das in jenem Jahr 385.000 Euro Förderung erhielt, war an 335 Tagen geschlossen, jede einzelne Vorstellung mit 12.833 Euro subventioniert; und zwar bei Kartenpreisen von bis zu 29 Euro.
Das rechnet sich auch für den Hausherrn: Wie das Kontrollamt kritisierte, hatte der Vereinsvorstand – Hirschal und zwei weitere Personen – sich jedes Jahr Honorare bis zu 180.000 Euro ausbezahlt: 2005 waren es 175.000. Falls die drei gerecht geteilt haben, bleiben 58.300 pro Person, was wiederum ein monatliches Bruttohonorar von 4861 Euro ergibt. 2005 zeigte man 46 Vorstellungen.
Meistens von sehr weit rechts hören wir periodisch die Kritik, dass Künstler doch nur Schmarotzer seien, die sich auf Staatskosten ein feines Leben machen. Das Problem ist, dass es manchmal stimmt. Das Problem ist, dass Leute wie Hirschal und seine Geldgeber dieser Kritik tüchtig Munition liefert. Dass das Rote Wien damit die Arbeit abertausender österreichischer Künstler und Kulturschaffenden desavouiert und entwertet, spielt keine Rolle. Freundschaft, Kulturproduzenten! Das ist nämlich das Wichtigste.
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| 11/08
Falter-Kolumne
Viel über Privatheit nachgedacht, letzte Woche. Es gab da einen Konflikt, einen exemplarsichen Konflikt, aber den hier zu reflektieren, würde den Konflikt ins quasi Unermessliche potenzieren. Und mir ist nicht nach Streit. Ich will jetzt Friede um mich haben, Weihnachtsstimmung, ich möchte angelächelt werden durch Kerzenschein.
Allerdings letzte Woche immer noch nicht viel Privatheit gehabt, was darin gipfelte, dass ich am Samstag auf dem Weg zu einer Lesung, zwischen Wohnzimmer und brut-Theater, mein Leseexemplar mit den Postits verlor; ich weiß nicht wie, einfach weg. Wahrscheinlich fährt es in einem Taxi durch Wien, als eigenwillige Fußmatte. Es muss kein direkter Zusammenhang dazu bestehen, dass ich tags zuvor The Fall in der Arena sah, und danach ein bisschen etwas von A Life, a Song, a Cigarette im Flex und danach, um eins, bei der 30-Jahre-Droschl-Party nichts mehr zu trinken bekam. Denn die Party war schon aus. Aus, bitte! Entschuldigung, wenn das jemand im Ausland erfährt! Was wirft das für ein Licht auf den gesamten österreichischen Literaturbetrieb! Das ist ja!
Wobei man sagen muss, dass die Buch Wien am Messegelände ein wirklicher, voller Erfolg war: Das hat richtig gebrummt. Nur an den Partys muss man dringend noch arbeiten, so geht das nicht. Ich meine, um eins, wo samma. Und ich meine zum Beispiel das Eröffnungsfest: Das Setting im Museumsquartier war sehr schön, aber am Ablauf muss man unbedingt noch schrauben. Zum Beispiel widerspricht es dem Prinzip von Party an sich, sie mit acht Lesungen hintereinander zu kombinieren: Beides für sich ist prima, beides zusammen funktioniert null. So ein Eröffnungszeremonial, das muss rauschen, gearbeitet wird dann eh die ganze Woche. Und dann sollten, wenn man schon ein großes Literaturfest eröffnet, unbedingt ein paar Schriftstellerinnen und Schriftsteller anwesend sein, und zwar nicht nur die, die man zum Lesen engagiert hat, und ganz besonders auch die, von denen man weiß, dass sie sich garantiert schlecht benehmen. Nächstes Jahr. Nächstes Jahr!
Mark E. Smith, weil wir gerade von The Fall reden, sieht jetzt übrigens aus wie etwas aus einem Peter-Jackson-Film. Es ist im Fall-Fall, im Unterschied zu fast allen Konzerten sonst, besser, man seht nicht direkt bei der Bühne, weil man dann genau sehen kann, wie Mark E. Smith zwischen zwei Songzeilen auf seinem zahnlosen Zahnfleisch herumkaut wie die alte Hexe Tannenmütterchen. („Das alte Haus“ von Wilhelm Matthießen. Von 1923; und immer noch ein saugutes Märchenbuch; können sie sich auf die Weihnachtsliste schreiben. Apropos Weihnachtswunsch: Liebes Christkind, ich wünsche mir ein neues Kolumnenbild, auf dem ich ein Eitzerl wie ich ausschaue.) Allerdings greint Herr E. Smith uns immer noch tadellos was daher, das soll uns zum Vorbild gereichen, aber erst wieder ab Jänner oder so. Nun will ich friedlich sein.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Noch zehn Tage bis Nikolaus. Er kommt heuer wieder zu den Rs., die Ns. bringt die Sackerl und wir den Leberkäs und den Erdäpfelsalat. Zehn, zwölf Kinder, kleine und größere, werden großäugig vor dem Mann mit dem Bart sitzen, verlegen kichern, Advent-Lieder singen und sich aus dem goldenen Buch vorlesen lassen: was sie dieses Jahr alles gut und richtig gut gemacht haben. Und ein bissl von dem, was nicht so gut funktioniert hat. Altbewährter Eltern-Trick: Tadel-Outsourcing; weil wenn’s vom Nikolaus kommt, wird’s vielleicht ernster genommen. Funktioniert praktisch nie, aber egal.
Krampus wird natürlich keiner kommen; die Kinder werden vom Nikolaus rote Papiersackerl mit exakt identischem Inhalt – Mandarinen, Nüsse, Süßigkeiten – entgegennehmen. Die werden sie, aber erst nach dem Essen! , gemeinsam plündern, bis nichts mehr Platz hat in den Bäuchen (die Nüsse und Mandarinen werden übrig bleiben).
Während die Eltern in der Küche plaudern werden und Wein trinken und beim Leberkäse tüchtig zulangen und beim Erdäpfelsalat. Es wird, wie jedes Jahr, richtig schön.
Ab acht werden die Großen zum Aufbruch drängen und die Kleine protestieren, aber weil der Nikolaus heuer auf einen Samstag fällt, wird es nicht so streng zugehen und vermutlich wird keiner vor zehn vom Tisch aufstehen.
Weil der Nikolaus heuer auf einen Samstag fällt, wird das wiener und neuerdings auch niederösterreichische Nikolausverbot vielleicht nicht so ins Gewicht fallen. Trotzdem, tut mir leid, es ist ein Unsinn. Ja, es gehören eine Menge Dinge sanktioniert, die schlecht für Kinder sind oder ihnen Angst machen. Aber der Nikolaus gehört, meine Meinung, nicht dazu.
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| 11/08
Die Nachricht, die heurige Buch Wien sein kein Erfolg gewesen, überrascht mich: Noch am Samstag Abend stand ich mit zufriedenen Verlegern, zufriedenen Buchhändlerinnen und zufriedenen Autoren zusammen, die die heurige Buch Wien in der Messe samt Lesefestwoche als ziemlichen Erfolg werteten.
Sowohl das Interesse der Leser für die Verlagsstände und Autoren, als auch die Umsätze in der gemeinsamen Buchhandlung auf der Messe seien deutlich größer gewesen als in den vergangenen Jahren: Da hatte die Buch Wien noch sehr viel gedrängter im Rathaus stattgefunden. Und offenbar hatten dort, auch aufgrund des bislang freien Eintritts, deutlich mehr Besucher hingefunden als heuer zum Messegelände: bei über acht Euro Eintritt.
Trotzdem: An den insgesamt eineinhalb Tagen, die ich auf der Buchmesse verbracht habe, fühlte sich die Sache durchaus erfolgreich an. Es war fast immer voll, man sah sehr viele Schüler und junge Menschen, die Lesungen auf den verschiedenen Podien und Foren waren gut bis sehr gut besucht, und an den Ständen wurde qualifiziert über Neuerscheinungen und Literatur an sich geplaudert. Und zwar häufig mit Verlagsleiterinnen und Verlagsleitern, die heuer zahlreich persönlich anwesend waren, während man ins Rathaus eher Mitarbeiter entsandt hatte.
Natürlich kann man immer noch einiges besser machen: Mehr österreichischen Starautoren, die praktisch alle bei großen deutschen Verlagen veröffentlichen, müssten dabei sein (meistens reichen gute Honorare als Anreiz). Größere internationale Verlage müssten angelockt werden. Und das Drumherum darf ruhig ein wenig glamouröser sein. Aber der Weg, den die Buch Wien eingeschlagen hat, der passt schon.
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| 11/08
Es wird jetzt gleich einen neuen Kanzler geben und einen neuen Vizekanzler und nagelneue Ministerinnen und Minister. Und wie die scheidende Gesundheitsministerin nach ihrer Angelobung bewiesen hat, kann einem die Begeisterung über den eigenen Bedeutungszuwachs schon auch das eine oder andere Haxl stellen.
Eh klar wollen wir, dass jetzt einmal vernünftig und engagiert regiert wird. Aber wenn unsere Lust am milden Desaster nur ein ganz winziges bissl bedient würde, hätten wir auch nichts dagegen. Nur so ein bissl.
Natürlich trachten die Herren und Damen Minister, uns dergleichen vorzuenthalten zum Glück sind sie auch nur Menschen.
Und ein solcher fragt sich: Wie beginnt man so ein Minister-Dasein? Existiert etwas derartiges wie eine ministeriale Etikette und wo, wie und von wem erlernt man die? In einem Intensiv-Seminar mit einem Privat-Trainer? Oder mit einem Multiple-Choice-Test? (Wenn man Sie während eines Gschnases auffordert, auf der Bühne zu tanzen, dann: a) nichts wir rauf und die Röcke fliegen lassen; b) schützen Sie mit verschmitztem Lächeln eine alte Knieverletzung vor; c) drohen Sie mit Subventionsentzug.) Auf welche Anlässe geht man überhaupt?
Wie ist das mit der Garderobe: Nimmt man die eigene? Besorgt man sich extra etwas Distinguiertes? Soll es teuer sein oder genau nicht? Wirft einen die Partei gleich einer Stilberaterin vor, oder wird einem eine solche erst zugewiesen, nachdem dem Herrn Minister bei einem Staatsbesuch in klimatisch begünstigtem Ausland eine kurze Hose passiert ist, oder der Frau Staatssekretärin vor laufenden Kameras der Stringtanga aus dem Beinkleid blitzte?
Minister sein dagegen sehr.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Pudding und Philipp Plein markieren momentan die zwei Pole des finanzdesaströsen Spektrums: Der Designer Plein bedient jene, denen die Finanzkrise wurscht sein kann; Pudding die anderen. Pudding nämlich erlebe eine massives Revival: Kostet nicht viel, macht das Leben süß, jedenfalls vorübergehend, und erinnert uns an unsere Kindheit, in der wir noch keine Geldsorgen hatten.
Philipp Plein , 30 jähriger deutscher Modeschöpfer, eröffnete kürzlich in der Wiener Innenstadt einen Shop-in-Shop, in dem seine betörend geschmacklose und unvorstellbar teure Mode verkauft wird, und war deshalb in den TV-Tratschmagazinen zu sehe. In Gesellschaft gebeizter Klientel, Prototyp: Cora Schumacher. Außerdem gab er dem Standard ein Interview, indem er auch über eine seiner ersten Kreationen sprach, ein Sofa für Hunde: „Ich habe mich gefragt, wie man seinem Haustier beweisen kann, dass man es liebt. Indem man ihm vielleicht was Gutes tut, indem man ihm etwas Teures kauft?“ (Man könnte es natürlich auch streicheln oder ihm ein Leckerli geben, aber das ist etwas für Leute, die Pudding essen müssen.)
Aber Plein hat noch mehr zu sagen. „Vor zwei Jahren haben wir ein T-Shirt hergestellt, auf dem ’Fuck you China’ stand.“ Da schau her: Ein aus Pleins Munde überraschend kritischer Kommentar zu Menschenrechtsverletzungen und Olympischen Spielen. Leider spricht der Designer weiter: „Wir haben damit ein politisches Thema angeschnitten, über das sich keiner traute, laut in der Öffentlichkeit zu sprechen: Das ist das Thema Plagiate.“
Sagen wir so: Das hätte ein Vanillepudding kaum geistvoller ausgedrücken können.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Jetzt solls dann ja auch schneien. Recht so, ich fühle nämlich allmählich eine innere Bereitschaft, die Weihnachtssaison beginnen zu lassen: mit LCD-Lichterglanz über den Straßen und an den Geschäften, mit Adventkranzgebinde und Keksteiggepatze, mit Lichterglanz und Liederklang, mit Christkindlmarkttralala und Punscheinfüllung, mit Adventkalendersackerlaufhängen und Weihnachtswunschlisten-Management.
Also, Kind, über das, das das und das kann ich mit dem Christkind verhandeln, aber das da kann ich ihm unter keinen Umständen einreden. Mensch, Mama, jetzt kapier’s doch endlich, es gibt kein Christkind! Wäre aber schön, wenn es eins gäbe, dann käme mir Weihnachten nicht so teuer, jedenfalls kommt das da auf keinen Fall unter den Christbaum. Dann mails doch der Oma! Sicher nicht.
Ich musste der Oma schon das ganze Pokemon-Zeug wieder ausreden, das die Kinder ihr den Herbst über erfolgreich eingeredet haben; erstens haben sie schon so viel von dem Klumpert, zweitens spielen sie eh nicht wirklich damit. Und das da schenkst du ihnen bitte auf keinen Fall, Oma, gell?, selbst wenn sie dich in den nächsten Wochen am Telefon mit ihrem ganzen Vorrat an süße-Enkerl-Plingplong niederflehen, das da kommt nicht in Frage.
Was dagegen unbedingt in Frage käme, ja, dringlichst notwendig wäre: Ein rigides, sagen wir, fünfjähriges „Last-Christmas“-Moratorium. Der Wham-Song: Den pack ich einfach nicht mehr. Seit 24 Jahren sind wir nun schon Jahr für dem „Last Christmas“-Terror ausgesetzt, es muss jetzt einmal weihnachtliche Gnade walten. Ab 2013 ertragen wir es dann vielleicht wieder für eine Saison; aber jetzt bitte gusch.
Aber abgesehen davon: Lasst Weihnachten beginnen! Die Zeit ist jetzt reif.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Es grenzt an ein Wunder: Endlich soll jetzt auch Kinderbetreuung steuerlich absetzbar werden. Mit Einschränkungen natürlich; aber immerhin. Jahre-, was: jahrzehntelang hatte sich die SPÖ gegen die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuung gestemmt, mit dem Argument, das würde die besserverdienenden Familien bevorzugen, die sich bezahlte Kinderbetreuung überhaupt leisten können.
Man fand es über die Jahre offenbar vernünftiger, alle Familien mit zwei erwerbstätigen Partnern gleichermaßen gegenüber anderen Erwerbstätigen zu benachteiligen, die Ausgaben, die ihre Berufstätigkeit beeinflussen, sehr wohl absetzen konnten; Telefonkosten etwa, Fachbücher, Fortbildungen und, limitiert, Kilometergeld, sogar für Fußwege.
Die Betreuung ihrer Kinder während ihrer Arbeitszeit dagegen nicht. Es gab zwei Ausnahmen: Alleinerzieherinnen; sowie Paare, die beweisen konnten, dass die Erwerbstätigkeit beider Partner unausweichlich ist. Was, so die Erfahrung von Steuerberatern, so gut wie nie anerkannt wurde. Mit dem Argument: wenn einer der Partner zuhause bliebe, könne der andere tüchtig genug arbeiten und ausreichend verdienen, um die Familie zu erhalten.
Welcher Partner in so einem Fall meistens zuhause bleibt, weiß man. Weil man weiß, wer in einer Partnerschaft gemeinhin diejenige ist, die in ihrem Beruf durchschnittlich mehr als ein Drittel weniger verdient: die Mutter. Dass man dadurch Frauen wie in guten alten Zeiten aus dem Erwerbsleben entfernte und sie in ökonomische Abhängigkeit brachte, hat die SPÖ über die Jahre wenig interessiert.
Nun hat man endlich ein Einsehen. Sage keiner, es geschähen keine Wunder.
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| 11/08
Falter-Kolumne
Anderntags muss ich um elf im Fürstenhof gestellt sein, die Schellinskis, die alten Haberer, präsentieren ihre neue CD „Herz Schmerz Hotel“. Wie ich den Fürstenhof betrete, sitzt dort Hermes (nicht der Hermes von nebenan, der andere Hermes) hinter einer dunkeldunklen Sonnenbrille; man kann nicht sagen, ob er wach ist oder schläft, er wirkt aber so, als würde er, wenn er nicht schläft, selbiges gerne tun. Ich sage, haha, mir geht’s auch schlecht, weil ich war gestern bis drei im Jenseits, und Hermes sagt, da sei insofern interessant, als er gestern bis fünf im Jenseits aufgelegt hat. Ach, echt. Hab dich gar nicht gesehen, war in der andern Ecke mit der Ruth und dem Herrn Verlagschef und der Frau Lektorin, es war überaus anregend. Der Lange kommt, der Fink und noch ein paar andere und dann geben die Schellinskis zu Gulasch und Bier ein kleines Konzert mit Liedern, die nur der Fink und ich verstehen, aber die anderen finden es auch ganz prächtig. Weil die Schellinksis sind ungefähr so etwas wie der Ernst Molden auf vorarlbergerisch, der mir übrigens nach der letzten Kolumne einen nagelneuen Track gemailt hat: pvau, danke, echt nett. Aber im Unterschied zum Molden hat mir der Schellinski-Sänger, der damals die coolste Sau zwischen Kummenberg und Schweizer Grenze war, schon Bluese vorgesungen, wie ich selbst praktisch noch ein Kind war; das prägt. Es ist also sehr nett im Fürstenhof, und das Bier käme mir jetzt unglaublich gelegen, aber danke nein, ich muss noch arbeiten. Und dann noch ausgehen.
Das Leben ist derzeit so, dass uns die Babysitter ausgehen. Ständig ist etwas. Immer muss man wo sein, und wenn man nicht muss, dann will man. Hab ich nicht letztes Jahr den ganzen Herbst und den ganzen Winter gekocht und Kuchen gebacken? Und war das nicht schön und ungemein befriedigend? Kann mich nicht mehr erinnern. Kochen spielt derzeit in meinem Dasein eine so untergeordnete Rolle, dass die Anna, wie sie kürzlich am frühen Abend zum Babysitten herüber kam, bis auf die Tiefkühlerbsen und 1 Pommes rundheraus das gesamte Essen ablehnte, das ich ihr auf den Teller schaufelte: zuviel Unklarheit bei der Zusammensetzung der Hühner-Nuggets, die die Kinder serviert bekamen, und zuviel Klarheit beim Inhalt der Garnelen-Wantan aus dem Tiefkühlsack. Anna sagt, Entschuldigung, sie verträgt leider kein Glutamat. Ich schon; magst vielleicht ein Brot?
Immerhin kann ich den Einzug der Realität ins Leben meiner Kinder verlautbaren, denn als ich das Haus verlasse, zeigen die Mimis der Anna gerade, was sie in der Schule gelernt haben, sie können jetzt nämlich auf Türkisch „Arschloch“ sagen. Gottseidank, ich dachte schon, sie lernen da gar nichts fürs Leben.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Jetzt ist genau das passiert. Genau das, was wir vor der Wahl befürchtet haben: Dass wir uns nach der Wahl fragen werden müssen, wozu wir eigentlich gewählt haben. Wozu wir einen kostspieligen Wahlkampf mit allen seinen Besserungsschwüren und all den Grauslichkeiten von ultra-rechts ertragen mussten.
Und genau das fragen wir uns jetzt, wo nach wochenlangen Koalitionsverhandlungen auf einmal erste Grundsatzfragen gestellt werden – Entschuldigung, aber selbst unter Kindergärtlern werden die wichtigen Fragen in der ersten Woche geklärt. Worüber haben die bis jetzt gesprochen?
Noch bevor diese Regierung gebildet ist, werden Ultimaten gestellt, wird gestritten, geschmollt und gebockt. Mit dem Unterschied, dass Pröll der neue Molterer ist und Faymann der neue Gusenbauer: Waren wir da nicht schon? Hätten wir uns nicht viel Geld, Energie und Nerven gespart, wenn wir dort einfach geblieben wären und weitergemacht hätten?
Zudem erinnert das derzeitige Hickhack ungut an die Gespräche zwischen Klima und Schüssel im Jahr 1999, als die Koalitionsverhandler sich auch Woche um Woche auf nichts einigen konnten, wo es auch, wie jetzt, „an der Kippe“ stand, und dann kippte es und plötzlich hatten wir Schwarz-Blau.
Läuft das etwa wieder auf derlei hinaus? Haben wir schon vergessen, was damals für Leute an die Macht kamen? Leute, über deren Bewerbungsschreiben wir hinterher herzlich lachten, als hätten wir vorher nicht genau gewusst, wen wir da zum Vizekanzler gemacht haben? Waren wir da nicht schon?
Indem man den Wählerinnen und Wählern ständig unangenehme Deja-vus verschafft: So erzeugt man Politikverdrossenheit; genau so.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Geschichte 1, von Amy und Dave, die sich im Second Life kennenlernten. Das Second Life ist, wer’s nicht kennt, eine Internet-Welt, durch die man sich mit einer eigenen, stark idealisierten Figur bewegt, um dort eine stark idealisierte Parallelexistenz zu führen. Amy und Dave also verliebten sich dort, trafen sich real, heirateten und lassen sich nun wieder scheiden, weil Dave, erneut im Second Life, Kontakte zu Prostituierten unterhielt, was Amy final erzürnte.
Geschichte 2: Immer mehr städtische Amerikaner halten sich Hendln, in Hinterhöfen und Wohnzimmern: echte, lebendige Hendln, als Haustier und Nahrungslieferant. Die holen sich, so gesehen ,mehr schmutzendes, gackerndes, riechendes, eierlegendes Leben in die Bude als erlaubt ist, während Amy und Dave ihre Existenz fast schon sträflich geruchs- und körperflüssigkeitenfrei halten.
Selbstverständlich ist mir die Idee von den Hendln hintern Sofa sympathischer als der sterile Lebensentwurf von Amy und Dave; wenngleich ich in der Wiener Wohnstatt außer Motten keine Haustiere dulde. Und obwohl ich mir kürzlich selbst eine Nebenexistenz im virtuellen Wirtshaus Facebook eingetreten habe, was ich eh schon bereue. Man trifft man dort die Freunde aus dem richtigen Leben, und zwar auch die, die in New York oder Zürich leben, und, das ist auch gut daran, man findet leicht einen Termin und ist anderntags unverkatert.
Der Nachteil ist, dass man es irgendwann kaum mehr bemerkt, wenn im richtigen Leben plötzlich ein Hendl durchs Zimmer marschiert. So hat alles seine Vor-und Nachteile.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Man hat gedacht, man weiß schon alles, und es zeigt sich: Man wusste nicht. Die Anklageschrift gegen Josef Fritzl enthält Vorwürfe, die noch weit schlimmer sind, als das, was man eh schon über die Misshandlungen und den Missbrauch wusste oder sich selbst dazu ausmalte. Ich war ehrlich schockiert darüber, was für drastische Details heute Früh aus den Medien zu erfahren waren. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich die ganzen grausamen Einzelheiten wissen will oder wissen muss; nein, ich meine eigentlich: ich muss nicht.
Es ist völlig richtig, dass der Prozess nicht geheim geführt wird; und es wird ja, bisher erfolgreich, alles unternommen, um die Opfer und deren Identität zu schützen. Natürlich trachtet der Ankläger danach, das Ausmaß der Gewalttätigkeit und Grausamkeit dieses Mannes so deutlich wie möglich darzustellen: das dient dem Verfahren, denn Fritzl, dem das schlimmste, niederträchtigste Verbrechen der österreichischen Nachkriegszeit vorgeworfen wird, soll zuverlässig bis ans Ende seiner Tage weggesperrt bleiben.
Die Frage aber ist, ob wirklich die Notwendigkeit besteht, jetzt jede Einzelheit der Misshandlungen an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Denn, dass der Mensch ein Unmensch ist, wissen wir längst. Dass Medien informieren: klar, richtig. Aber was wir jetzt an grausamen Details erfahren – und wie manche Medien ihr Publikum mit diesen Details richtiggehend aufgeilen –, ist dazu angetan, die Privatsphäre der Opfer zu verletzen und ihr Leid weiter zu vergrößern.
Und das darf einfach nicht passieren. Ja, man will und soll informiert sein über so einen Fall. Aber müssen wir alle absolut alles wissen? Ja, wir dürfen. Aber : wir müssen nicht.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Ich werde auch das wieder bitter bereuen, aber im Moment liebe ich den Moment. Den kalten, grauen, nebligen Novembermoment: ja. Endlich muss man spätnachmittags nicht mehr mit eingeschlafenen Füßen auf einer Spielplatzbank sitzen: Man darf die frühen Abende im heimeligen Heim verbringen, wo die Kinder friedlich spielen, während man in Töpfen rührt und mit anderen Müttern und Vätern an Kaffeetassen und anderen Gebinden nippt. An den Abenden darf man sich ins warme Bett verkriechen, ohne das Gefühl zu haben, man verpasse entscheidende Vorgänge in lauer Luft.
Mütter und Omas rufen an und fragen, ob man neue gestrickte Socken braucht: Ja, braucht man! Die kalte Luft, selbst in der Stadt, ist klarer. Wenn man vom Radl steigt, ist man nicht mehr verschwitzt, sondern ausgelüftet.
Man kann sich wieder in dicke Pullover und Jacken hüllen, die den prosperierenden Winterspeck verhüllen; es ist jetzt in Ordnung, wenn man ein bissl wie ein Michelin-Männchen ausschaut. Man muss keine nackten Bäuche und keine unbedeckten Schenkel mehr sehen. Man darf Stiefel tragen und sich vom Kollegen H. auf einer täglichen Basis wegen der Nanga-Parbat-Wollhaube triezen lassen.
Man packt die Bälle weg, und räumt die Spielkarten wieder her, die Bastelsachen und die Keksformen. Es riecht nach Kürbissuppe, nach Sauerkraut, nach Bratäpfeln. Man kann sich guten Gewissens ganze Wochenenden zuhause vergraben; da hinaus ins Geniesle? Sicher nicht!
Man verordnet sich ein Winterprojekt: Heuer, heuer sicher, werden die CDs geordnet,. Man verstöbert und verplaudert sich wieder in Buchhandlungen, man liest wieder. Die sind schon auch gut, diese kalten grauen Momente.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
In der FAZ beklagte kürzlich ein Autor , dass die „soften“ neuen Väter die Literatur beschädigten; sie seinen zu nett zu ihren Kindern, so dass diese ohne für die Literaturproduktion verwertbare Traumata aufwüchsen: „Worüber sollen Kinder schreiben, die nicht zuletzt dank der soften Väter eine in jeder Hinsicht behütete, aus lauter Liebe und Anregung bestehende Erziehung genossen haben?“ Ja, worüber ? Wird die Literatur gar andere Themen finden müssen? Grundgütiger!
Die neuen Väter sind aktuell ein gesellschaftliches Einser-Thema. Die großen Zeitungsverlage werfen serienweise Magazine dazu auf den Markt, und warum: Weil es jetzt eine Zielgruppe dafür gibt. Die Lebensmuster und Probleme der neuen Mitmach-Väter sind endlich von mehrheitsfähiger Relevanz, über die Fachliteratur-Grenzen hinaus.
Im Magazin „Fleisch“ hat die Schauspielerin Doris Schretzmeyer ein bemerkenswertes Interview mit drei jungen Vätern gemacht: Bemerkenswert deshalb, weil alle drei ganz direkt und unverschwurbelt über die Überforderungen reden, denen engagierte junge Papis in der ersten Zeit ihrer Vaterschaft unvermutet ausgesetzt sind. Das erlebt zwar jeder, aber in dieser radikalen Ehrlichkeit liest man es selten.
Vielleicht reden sie normal nur untereinander darüber, oder haben es einfach bisher nicht für ein wichtiges Thema gehalten, was das Kinderhaben mit einem macht, wenn man es zulässt. Aber es ist wichtig, zeigen uns die Bekenntnisse dieser Protagonisten einer neuen Väter-Generation; zeigen uns überhaupt die lässigen neuen Väter. Mit denen werden Literaturromantiker vielleicht eher schwer fertig. Aber sie werfen die Gesellschaft um Lichtjahre nach vorn.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Jetzt ist es schon wieder passiert. Jetzt hat es mich schon wieder erwischt; „Tüte“ habe ich in der Partnerschaft-und-TV-Kolumne geschrieben, anstatt korrekt: Sackerl. Einmal passt man einen Augenblick nicht auf, kaum ergibt man sich ein Momenterl der sonntäglichen Semikonzentration, schon stellt einem das Bundesdeutsche ein Haxl, und auweh. Darauf hat es ja nur gelauert, das Bundesdeutsche. Leser Thomas L. macht mich auf sehr freundliche Weise auf meinen Irrtum aufmerksam; während sich die Herren und Damen (es sind entschieden mehr Herren als Damen, deshalb die taktlose Reihung), die mich normalerweise in korrektem Österreichisch unterweisen, noch die Haare raufen. Gute Güte! Setzen, fünf!
Auch Kollege Michael H. korrigiert mich, und zwar wegen meiner Expertise. Ich schloss nämlich: entweder Fernsehen oder sich mit dem Partner beschäftigen, vereinbaren ließen sich die beiden Tätigkeiten eher gar nicht. Völlig falsch, sagt der Kollege: Er, zum Beispiel! Er also massiere seiner Angetrauten während des Konsums von Fernsehware die Füße, und das mit großer Virtuosität sowie Hingabe. Und das sei ja nun eine Beschäftigung mit der Partnerin, sagt der Kollege, wie sie praktisch exakt so im Glückliche-Partnerschaft-Handbuch stehe. Allerdings stellt sich die Sache auf Nachfrage als Geschäft heraus, denn während der Kollege die Gattinenfüße knautscht und knetet, läuft natürlich nicht „Greys Anatomy“ oder „Men in Trees“, oder was der Besten sonst das Herz wärmte (und die Füße sozusagen von selber kribbeln ließe), sondern die Champions League. Die gute Gattin ist, falls das nicht klar ist, kein Fußballfan. Der fußknetende Gatte dagegen: sehr.
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| 11/08
Falter-Kolumne
Der Lange sagt, er kann keine weißen Schmerzensmänner mehr hören, aber ich verehre die weißen Schmerzensmänner. Ich finde, es ist die Jahreszeit für weiße Schmerzensmänner. Ich bin in der Stimmung für weiße Schmerzensmänner, kömmet zu mir und singet mich an, ihr wundervollen Heulboyen. Ryan Adams, Fionn Regan, Vic Chesnutt, Conor Oberst, Fink, M. Ward, Mica P. Hinson, und auch (was der Lange gerade noch akzeptiert) Bernhard Fleischmann und Ernst Molden: Erschallet, bis die Krokusse wieder erblühen, bis mich des Morgens wieder fürwitzige Sonnenstrahlen wachkitzeln statt nachtschwarzer Frühwinterbrutalität. Und darüber hinaus gerne auch noch. Ich wölle, dass Adams mit seinem neuen Album „Cardinology“ mein Leben fixt und Regan sölle mich Hase heißen. Und natürlich soll mir Bob Dylan die Ballade vom Girl from the Red River Shore noch drei-, vierhundertmal vorsingen; glücklicherweise zählt der Lange Dylan zum Guten in der Welt. Dreihundertmalige Wiederholungen dagegen leider nicht, das bekamen auch die Mimis und Peter Fox zu spüren. Peter Fox haben wir gern gehört („Haus am See!“ Jess!) jetzt haben ihn die Mimis in die Finger gekriegt und wir hören ihn nicht mehr: Jetzt werden wir gehört, tagaus, tagein, auf einer 24/7-Basis. Mein Verständnis haben sie, wenn etwas wirklich wirklich gut ist, muss man es wieder haben und wieder tun. Plus, ich habe einen eigenen Kopfhörer, fett wie zwei doppelte Cheeseburger TS Royal.
Die Meinung, dass etwas Gutes wiederholungspflichtig ist, vertritt auch das Bubenmimi, das schon vor längerem ein zentrales Motiv in sein Leben implantiert hat, und das ist: Fußball, der Fußballverein, das wöchentliche Fußballtraining. Kann man ein Training auslassen, weil Laternenfest ist? Nein. Für einen Hort-Ausflug ins Schokolademuseum? Sicher nicht. Furchtbare Erkältung? Nix. Weil man seit einem Dreivierteljahr praktisch unmöglich zu ergatternde Karten für das Fest der Pferde hat? Nicht einmal daran denken. Und obwohl das Bubenmimi in dieser Familie die einzige ist, die Interesse daran hat, einen Ball mit dem Fuss zu treffen: es macht das Leben mir ihr doch einfach. Es ist leicht, sie glücklich zu machen. Das hat uns der Polz zuletzt im Garten der Horwaths vorgeführt, als es zu Tränen und Geschrei kam, weil wir das Bubenmimi aus dem Zimmer mit dem TV-Gerät entfernt haben. Und nachdem ich bei dem Kinde auch nach zehn Minuten mit vielen klugen, besänftigenden, pädagogisch wertvollen Worten, mit Versprechungen und Erpressungsversuchen genau nichts erreicht hatte, sagte der Polz, der keine Kinder hat und in seinem Leben mit Kindern überhaupt nichts am Hut, zum Mimi: Komm, wir spielen ein bisschen Fussball. Zwei Sekunden später war das Mimi wieder froh. Ach: so geht das.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Es wurde wieder einmal umgefragt. Das Ziel war, durch 1001 Online-Interviews herauszufinden, was die Österreicher des Abends am liebsten tun, und, tadaa, sie sind abends nicht gern allein. Die unter 26 Möglichkeiten meistgewählte Antwort lautete so: „Sich dem Partner zu widmen und es sich im Bett, vor dem Fernseher oder dem DVD-Player gemütlich zu machen“.
Das ist in zwiefacher Hinsicht von Interesse. Erstens soll vor Jahren einmal eine Umfrage der Hamburger ZEIT, was denn der Leser liebste Rubrik in besagter Wochenzeitung sei, erbracht haben, dies sei der wöchentliche Leitkommentar des damaligen Chefredakteurs: eines klugen, hoch analytischen und überaus unmitreißenden Autors. Das Exempel zeigt, dass Umbefragte sich aus Gründen der Selbstidealisierung auch gerne einmal in den eigenen Sack lügen. Und dass auch in der aktuellen Umfrage wahrheitsgemäßere Antworten wohl wie folgt gelautet hätten: Durch Internet-Pornoseiten surfen. Vorm Fernseher einschlafen. Sich der Spielkonsole hingeben, solchenes.
Zweitens fragt man sich, wie man sich die Sache eigentlich konkret vorzustellen hat. Gilt Anlehnen, Handihalten, Anschweigen, Chipstüteteilen und Bierbringen bereits als Partnerwidmung? Oder schließen sich nicht das eine – die Konzentration auf den Bildschirm – und das andere – die Beschäftigung mit dem Partner (im Sinne von Kommunikation und dergleichen) – irgendwie aus? (Es gibt in „Chopsticks“, einem frühen Song der Popmusikerin Liz Phair, eine Textstelle, die sich sehr explizit mit dem Thema beschäftigt, weshalb ich sie hier nicht wiedergeben werde.)
Ich meine: Fernsehen oder sich dem Partner widmen. Das eine beinträchtigt das andere doch jeweils massiv.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Alte Schlaumeier-Regel: Vorsicht beim Konsum von Studien. Immer fragen, wer sie in Auftrag gegeben hat, weil das auf das Ergebnis der Untersuchung durchaus Auswirkungspotential hat. Und wenn ein Handynetz-Provider eine Studie darüber in Auftrag gibt, ob die Wienerinnen und Wiener für oder gegen ein Handy-Verbot in Öffis sind, übqerrascht es nicht im Übermaß, wenn da herauskommt, dass eine Mehrheit dagegen ist.
70 Prozent, knapp: das ergab eine Gfk-Studie im Auftrag der mobilkom austria. 60 Prozent der Handyfonierer aber sei es ein Anliegen, so die Studie weiter, dabei ihre Umwelt nicht zu stören.
Das ist schön und beweist uns u.a., dass die mobile Kommunikation die Menschen nicht zwingend zu Unmenschen macht, die ihre Öffi-Mitreisenden mit intimen Schwänken aus dem Privatleben, Einkaufslistendiktaten und akustischen Terminkalendern terrorisieren. Nein, der Mobilkonsument ist, bis auf ein paar Ausnahmen halt, ein höflicher, rücksichtsvoller Mensch, der sich und seine Telefonie soweit unter Kontrolle hat, dass Verbote für ihn nicht notwendig sind. Anders als, jetzt nur zum Beispiel, Raucher, denen man das Rauchen ausdrücklich an jedem Ort, an dem es unerwünscht ist, verbieten muss, in Öffis etwa. Aber auch anders als beim Rauchen macht einen natürlich die Belästigung durch Fremdakustik nicht krank, höchstens narrisch, aber jetzt nicht im Sinne einer nachhaltigen Gesundheitsschädigung. Zudem ist die Belästiung demokratischer als beim Rauchen: Weil fast jeder schon ein Handy besitzt, passiert es fast jedem, dass man auch mal angerufen wird, während man... Moment. Nein, Brot hats noch, aber bring bitte Milch. Tschuldigung, schon erledigt.
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| 11/08
Kurier-Kolumne
Letztes Mal, als ein amerikanischer Präsident gewählt wurde, habe ich den Abend – und, naja, einen Teil der Nacht – mit Freunden in einer haitianischen Bar in Zürich verbracht: Wir tanzten zu karibischer Musik und feierten fröhlich, dass George W. Bush endlich nicht mehr amerikanischer Präsident ist. Wie wir anderntags in der Früh aufgewacht sind, war er es leiderdoch noch. Von John Kerry, in den auch aus Europa so viele Hoffnungen gesetzt wurden, hat man seither nicht mehr viel gehört.
Wir wollen nicht hoffen, dass es diesmal wieder so ist; also zumindest ist jetzt ganz bestimmt George W. Bush nicht wieder der nächste US-Präsident. Und die Zeichen stehen prächtig, dass Barack Obama tatsächlich der erste Mann Amerikas geworden ist: die dumpfe Bush-Ära ist zu Ende und wird, wie in Clintons Amtszeiten, endlich von einer lichteren, weniger dumpfen, menschenfreundlicheren, kultivierteren und geistreicheren Politik abgelöst.
Nicht, dass man einen neuen US-Präsidenten, welcher Ideologie auch immer, überbewerten sollte: Auch Obama wird, wie schon Clinton vor ihm, die Todesstrafe nicht abschaffen. Auch unter Obama wird der Krieg im Irak nicht morgen vorbei sein. Auch Obama wird das amerikanische Sozialsystem nicht gesund bekommen und die USA nicht zum Klimaschutz-Vorbildland machen. Aber er wird einiges davon zumindest versuchen. Und das ist mehr, als man über seinen Vorgänger behaupten kann.
Dieses Mal, wenn der amerikanische Präsident gewählt wird, spiele ich mit Freunden Karten in einem türkischen Gasthaus. Und wenn ich morgen aufwache, liegt dieser Text hoffentlich bitte nicht komplett falsch.
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| 11/08
Falter-Kolumne
Sedlacek macht mich in seinen Mails zur Sau, es ist kein Spaß mehr. Nicht, dass Spaß eine Kategorie wäre. Spaß ist etwas für Anfänger, für Großraumdiskobesucher. Wir Postspaßgesellschafter haben schon lange keinen Spaß im Sinne von Spaß mehr, wir packen höchstens den Moment, wir spüren uns höchstens, wir lassen uns höchstens einmal so richtig gehen; mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe und Respekt für den Kater danach. Großer Exzess, großer Kater, großer Schmerz. Ehrliche katholische Büßerei; dem ein nahezu ritueller Zwang zu neuerlichem Exzess, Kater, Schmerz immanent ist. Entsagung aus Vernunft, abwaschbarer Spaß ist etwas für Protestanten und andere Schweizer. Ich: Ich spaße nicht. Also, nicht, dass ich allzu häufig nicht spaßte; eine Selbstmörderin bin ich auch wieder nicht. Außerdem, zugegeben, das Problem von so einen ausgewachsener Kater ist, dass er vielleicht ganz gut im Kreise derer kommt, mit denen man ihn großgezogen hat, und die sind für gewöhnlich andernfrühs um sechsfünfzehn nicht anwesend; plus man muss zwischen neun und elf zum Buchstabentag in eine der Mimi-Klassen, um dort mit Erstklässlern zu lesen und als Buchstabenimpersonator kläglich zu vesagen. Verdammt, das hatte ich vergessen. Mehr Kaffee. Wo sind die scharfen Kaugummi.
Er ist wütend auf mich, Sedlacek, er hat mir ein langes, betrunkenes Mail aus Moskau geschickt, das war so ernsthaft und ehrlich und berührend und tiefsinnig, dass ich darauf nichts zu erwidern wußte. Es ist leicht mit Sedlacek zu kommunzieren, solange er an der Oberfläche bleibt, wo er sich normalerweise so aufgehoben und sicher fühlt, dass er sie nach Möglichkeit nie verläßt: das ist seine Matrix, seine natürliche Umgebung. Da ist er leicht zu parieren und seine Angriffe prallen an mir ab wie meine Angriffe an ihm abprallen wie Tischtennisbälle, es ist ein leichtes Spiel, für uns beide. Das Moskau-Mail passte nicht dazu, plötzlich war ich die Oberflächliche, die Geistlose, die die nicht fähig und willens war, sich auf einen komplexeren Gedankengang einzulassen, und das ist nicht, wie sich Sedlacek und ich uns die Welt aufgeteilt haben. Das war so nicht ausgemacht. Ich habe nicht darauf geantwortet, zehn Tage nicht, und dann habe ich geantwortet, und zwar auf dieses Mail und damit das Falsche, weil Sedlacek war längst wieder da und wieder woanders und wieder da, und jetzt prügelt er mich in durch Sonne und Mond, beschimpft mich, bestraft mich: erstens für meine Ignoranz, zweitens natürlich dafür, dass ich ihn beim Tiefgang ertappt und den Beweis für seine Zurechnungsfähigkeit immer noch in meiner Mailbox habe. Wenn das jemand erfährt, dass Sedlacek einen Charakter hat. Nicht auszudenken.