Doris Knecht
| 11/08
| Kurier-Kolumne
Geschichte 1, von Amy und Dave, die sich im Second Life kennenlernten. Das Second Life ist, wer’s nicht kennt, eine Internet-Welt, durch die man sich mit einer eigenen, stark idealisierten Figur bewegt, um dort eine stark idealisierte Parallelexistenz zu führen. Amy und Dave also verliebten sich dort, trafen sich real, heirateten und lassen sich nun wieder scheiden, weil Dave, erneut im Second Life, Kontakte zu Prostituierten unterhielt, was Amy final erzürnte.
Geschichte 2: Immer mehr städtische Amerikaner halten sich Hendln, in Hinterhöfen und Wohnzimmern: echte, lebendige Hendln, als Haustier und Nahrungslieferant. Die holen sich, so gesehen ,mehr schmutzendes, gackerndes, riechendes, eierlegendes Leben in die Bude als erlaubt ist, während Amy und Dave ihre Existenz fast schon sträflich geruchs- und körperflüssigkeitenfrei halten.
Selbstverständlich ist mir die Idee von den Hendln hintern Sofa sympathischer als der sterile Lebensentwurf von Amy und Dave; wenngleich ich in der Wiener Wohnstatt außer Motten keine Haustiere dulde. Und obwohl ich mir kürzlich selbst eine Nebenexistenz im virtuellen Wirtshaus Facebook eingetreten habe, was ich eh schon bereue. Man trifft man dort die Freunde aus dem richtigen Leben, und zwar auch die, die in New York oder Zürich leben, und, das ist auch gut daran, man findet leicht einen Termin und ist anderntags unverkatert.
Der Nachteil ist, dass man es irgendwann kaum mehr bemerkt, wenn im richtigen Leben plötzlich ein Hendl durchs Zimmer marschiert. So hat alles seine Vor-und Nachteile.