Doris Knecht
| 11/08
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Kunst & Kultur
Der Lange sagt, er kann keine weißen Schmerzensmänner mehr hören, aber ich verehre die weißen Schmerzensmänner. Ich finde, es ist die Jahreszeit für weiße Schmerzensmänner. Ich bin in der Stimmung für weiße Schmerzensmänner, kömmet zu mir und singet mich an, ihr wundervollen Heulboyen. Ryan Adams, Fionn Regan, Vic Chesnutt, Conor Oberst, Fink, M. Ward, Mica P. Hinson, und auch (was der Lange gerade noch akzeptiert) Bernhard Fleischmann und Ernst Molden: Erschallet, bis die Krokusse wieder erblühen, bis mich des Morgens wieder fürwitzige Sonnenstrahlen wachkitzeln statt nachtschwarzer Frühwinterbrutalität. Und darüber hinaus gerne auch noch. Ich wölle, dass Adams mit seinem neuen Album „Cardinology“ mein Leben fixt und Regan sölle mich Hase heißen. Und natürlich soll mir Bob Dylan die Ballade vom Girl from the Red River Shore noch drei-, vierhundertmal vorsingen; glücklicherweise zählt der Lange Dylan zum Guten in der Welt. Dreihundertmalige Wiederholungen dagegen leider nicht, das bekamen auch die Mimis und Peter Fox zu spüren. Peter Fox haben wir gern gehört („Haus am See!“ Jess!) jetzt haben ihn die Mimis in die Finger gekriegt und wir hören ihn nicht mehr: Jetzt werden wir gehört, tagaus, tagein, auf einer 24/7-Basis. Mein Verständnis haben sie, wenn etwas wirklich wirklich gut ist, muss man es wieder haben und wieder tun. Plus, ich habe einen eigenen Kopfhörer, fett wie zwei doppelte Cheeseburger TS Royal.
Die Meinung, dass etwas Gutes wiederholungspflichtig ist, vertritt auch das Bubenmimi, das schon vor längerem ein zentrales Motiv in sein Leben implantiert hat, und das ist: Fußball, der Fußballverein, das wöchentliche Fußballtraining. Kann man ein Training auslassen, weil Laternenfest ist? Nein. Für einen Hort-Ausflug ins Schokolademuseum? Sicher nicht. Furchtbare Erkältung? Nix. Weil man seit einem Dreivierteljahr praktisch unmöglich zu ergatternde Karten für das Fest der Pferde hat? Nicht einmal daran denken. Und obwohl das Bubenmimi in dieser Familie die einzige ist, die Interesse daran hat, einen Ball mit dem Fuss zu treffen: es macht das Leben mir ihr doch einfach. Es ist leicht, sie glücklich zu machen. Das hat uns der Polz zuletzt im Garten der Horwaths vorgeführt, als es zu Tränen und Geschrei kam, weil wir das Bubenmimi aus dem Zimmer mit dem TV-Gerät entfernt haben. Und nachdem ich bei dem Kinde auch nach zehn Minuten mit vielen klugen, besänftigenden, pädagogisch wertvollen Worten, mit Versprechungen und Erpressungsversuchen genau nichts erreicht hatte, sagte der Polz, der keine Kinder hat und in seinem Leben mit Kindern überhaupt nichts am Hut, zum Mimi: Komm, wir spielen ein bisschen Fussball. Zwei Sekunden später war das Mimi wieder froh. Ach: so geht das.
"Komm, wir spielen ein bisschen Pink und Ärzte. Zwei Sekunden später war der Radio Hörer wieder froh." Lustig, dieses Beispiel werde ich mir für die nächste Gelegenheit ausborgen, wenn ich wieder einmal erklären soll, warum wir manche Musiktitel vielleicht doch recht häufig wiederholen. Danke Bubenmimi und lggs