Doris Knecht
| 11/08
| Kurier-Kolumne
Ich werde auch das wieder bitter bereuen, aber im Moment liebe ich den Moment. Den kalten, grauen, nebligen Novembermoment: ja. Endlich muss man spätnachmittags nicht mehr mit eingeschlafenen Füßen auf einer Spielplatzbank sitzen: Man darf die frühen Abende im heimeligen Heim verbringen, wo die Kinder friedlich spielen, während man in Töpfen rührt und mit anderen Müttern und Vätern an Kaffeetassen und anderen Gebinden nippt. An den Abenden darf man sich ins warme Bett verkriechen, ohne das Gefühl zu haben, man verpasse entscheidende Vorgänge in lauer Luft.
Mütter und Omas rufen an und fragen, ob man neue gestrickte Socken braucht: Ja, braucht man! Die kalte Luft, selbst in der Stadt, ist klarer. Wenn man vom Radl steigt, ist man nicht mehr verschwitzt, sondern ausgelüftet.
Man kann sich wieder in dicke Pullover und Jacken hüllen, die den prosperierenden Winterspeck verhüllen; es ist jetzt in Ordnung, wenn man ein bissl wie ein Michelin-Männchen ausschaut. Man muss keine nackten Bäuche und keine unbedeckten Schenkel mehr sehen. Man darf Stiefel tragen und sich vom Kollegen H. auf einer täglichen Basis wegen der Nanga-Parbat-Wollhaube triezen lassen.
Man packt die Bälle weg, und räumt die Spielkarten wieder her, die Bastelsachen und die Keksformen. Es riecht nach Kürbissuppe, nach Sauerkraut, nach Bratäpfeln. Man kann sich guten Gewissens ganze Wochenenden zuhause vergraben; da hinaus ins Geniesle? Sicher nicht!
Man verordnet sich ein Winterprojekt: Heuer, heuer sicher, werden die CDs geordnet,. Man verstöbert und verplaudert sich wieder in Buchhandlungen, man liest wieder. Die sind schon auch gut, diese kalten grauen Momente.