Doris Knecht
| 11/08
| Kurier-Kolumne
Man hat gedacht, man weiß schon alles, und es zeigt sich: Man wusste nicht. Die Anklageschrift gegen Josef Fritzl enthält Vorwürfe, die noch weit schlimmer sind, als das, was man eh schon über die Misshandlungen und den Missbrauch wusste oder sich selbst dazu ausmalte. Ich war ehrlich schockiert darüber, was für drastische Details heute Früh aus den Medien zu erfahren waren. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich die ganzen grausamen Einzelheiten wissen will oder wissen muss; nein, ich meine eigentlich: ich muss nicht.
Es ist völlig richtig, dass der Prozess nicht geheim geführt wird; und es wird ja, bisher erfolgreich, alles unternommen, um die Opfer und deren Identität zu schützen. Natürlich trachtet der Ankläger danach, das Ausmaß der Gewalttätigkeit und Grausamkeit dieses Mannes so deutlich wie möglich darzustellen: das dient dem Verfahren, denn Fritzl, dem das schlimmste, niederträchtigste Verbrechen der österreichischen Nachkriegszeit vorgeworfen wird, soll zuverlässig bis ans Ende seiner Tage weggesperrt bleiben.
Die Frage aber ist, ob wirklich die Notwendigkeit besteht, jetzt jede Einzelheit der Misshandlungen an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Denn, dass der Mensch ein Unmensch ist, wissen wir längst. Dass Medien informieren: klar, richtig. Aber was wir jetzt an grausamen Details erfahren – und wie manche Medien ihr Publikum mit diesen Details richtiggehend aufgeilen –, ist dazu angetan, die Privatsphäre der Opfer zu verletzen und ihr Leid weiter zu vergrößern.
Und das darf einfach nicht passieren. Ja, man will und soll informiert sein über so einen Fall. Aber müssen wir alle absolut alles wissen? Ja, wir dürfen. Aber : wir müssen nicht.