10.12.08

Das kann in einem Mann lange arbeiten

Doris Knecht | 12/08 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Freunde | Prost Mahlzeit | Stadt/Land | Unter Spießern

Ich war eh brav. Einmal den Weihnachtsmarkt überlebt, zweimal mit den Kindern Kekse gebacken, drei Mal Adventlieder am Kranz gesungen. Kaum ausgewesen; Einladungen tapfer ausgeschlagen. Doch, ich war bei Peter Fox und klemmte in der Arena zwischen einer Million transpirierender Zwanzigjähriger, die alle überaus textsicher „Haus am See“ mitsangen. Daran erkennt man, dass es wurscht ist, ob der Künstler englisch oder deutsch singt, das Jungvolk versteht Songtexte nicht einmal, wenn sie in der Muttersprache vorgebracht werden.
 
Ich meine, wenn ich „Haus am See“ mitsinge: gut, das könnte man, auch wenn man es mir nicht ansieht, auf eine altersbedingte Lebenskrise schieben oder die Einsicht, dass es nun eben soweit ist, dass man sich Gedanken über Altersvorsorge macht, egal wie oft man sich in Twentysomethingskonzerte schwindelt und so tut, als gehöre man noch da dazu. Aber mit zwanzig sollte man doch eigentlich noch ein bisschen zu jung sein für utopische Fantasien über ideale Vergreisungsstrategien; diesfalls finanziell gut abgesicherte, denn bei dem von Herrn Fox bedichteten Altersheim handelt es sich eine Immobilie am Wasser. Außerdem hat Fox in seiner Fantasie eine schöne Frau und zwanzig Kinder, damit kann ich jetzt nicht soviel anfangen, wie mit dem, dass alle Freunde vorbeikommen und Schnaps trinken, während die Mamas kochen.

Wobei: Welche Mamas jetzt eigentlich? Egal. Im Prinzip kann man es aufs Waldviertel umlegen, vor allem, was den Schnaps betrifft, weil irgendwann muss man sich für die Millionen Tonnen Äpfel eh etwas Gescheites überlegen, wenngleich jetzt nicht die Jahreszeit dazu ist. Und obwohl im Waldviertel die Papas kochen, tatsächlich gibt es eine entschiedene Kochkonkurrenz zwischen den Papas, die alle einen großen göttlichen Kochauftrag in sich fühlen und sich mit ausgefeilten Gerichten, verlässlich auf zünftiger Fleisch-und-Soße-Basis, kerneske Kochturniere liefern. Die Mamas und ihre Speckrollen profitieren davon unheimlich, deshalb ist es gut, dass wir den Winter in der Stadt verbringen. Im Sommer und im Herbst, und hoffentlich auch an dem des Lebens, geht es praktisch permanent um die Frage, wer nächstes Wochenende kocht. Ich! Nein: ich! Nein, der Maurizio! Der kommt am Sonntag und bringt zwei Lammhaxen! Ich glaube zum Beispiel, dass wir nicht bei den Mosers zum Nikolaus eingeladen sind, weil wir dem Moser seine wirklich schöne Idee, auf unserem Herd sein kollossales Ossobucco zuzubereiten, versenken mussten, weil dort schon ein Hirsch im Saft simmerte. Eine derartige Zurückweisung kann in einem Mann lange arbeiten. (Ungefähr so lange wie ein misslungenes Kolumnenbild in einer Frau, die das bitte gerne geändert hätte). Zum Glück sind wir schon längst bei den Ritters eingeladen, wo wir den Leberkäse und den Erdäpfelsalat selber mitbringen, weil die reißen sich nicht ums Kochen. Über derlei müsste Peter Fox einmal dichten, mal schauen, wer da mitsingt.
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