12.12.08

"Jetzt halten Sie den Mund."

Doris Knecht | 12/08 | Kurier-Kolumne

Eigentlich wollte ich heute etwas Weihnachtliches schreiben, aber die Kollegin D. hat mir gerade eine Geschichte erzählt, die das verhindert. D. war mit ihrer fünfhalbjährigen Tochter und dem Wagerl mit dem einjährigen Sohn ohne Eile unterwegs zu einer Freundin, die Tochter sicher auf der Häuserseite, als ihnen eine etwa 50-jährige Dame entgegenkam, die ein Handy in der Hand hielt. Die Dame und die kleine Tochter kollidierten: So etwas passiert manchmal. Das Kind fiel nach rückwärts, die Dame nach vorn. Passanten reagierten sofort; kümmerten sich um das Kind, während die Kollegin der Frau aufhalf und fragte, ob sie sich wehgetan habe, die Frau sagte: „Jetzt halten Sie den Mund.“ Die Kollegin D. führte die Dame, deren Knie anschwoll, trotzdem zu einer Bank, rief erst die Rettung an, dann ihre Freundin, die ihre bleiche Tochter und den kleinen Sohn abholte, damit D. mit der Frau auf die Rettung warten konnte. Die Dame verlangte von D. forsch Versicherungsnummer und Ausweis, was D. aber verweigerte. Die Dame rief die Polizei. Der Gatte der Dame tauchte auf und fing an, D. mit seinem Handy zu fotografieren. Die Rettung kam. Die Polizei kam und nahm die Daten der beiden Frauen auf: D. erzählte den Hergang des Unfalls. Der freundliche Polizist konnte ihr auch nicht sagen, was jetzt geschieht; D. ging dann zu ihren Kindern. Eine halbe Stunde später rief die Polizei D. an um ihr mitzuteilen, es liege eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie vor. Man muss sich das noch einmal vergewärtigen: eine erwachsene Frau rennt ein kleines Kind um, und die Frau zeigt, weil man eine Fünfjährige dafür leider nicht belangen kann, deren Mutter an. Warum? Weihnachtsgeld? Könnte sein.
« 6 gegen 10, 3 gegen 1 | Main | Altmodisch langsam »