Doris Knecht
| 12/08
| Kurier-Kolumne
Es klingelt. Wer kommt? Keine Ahnung. Aus der Gegensprechanlage tönt eine jüngere Männerstimme, sie sagt höflich guten Abend und man sei gerade in der Nähe gewesen. Und ob ich glaube, ob es sich besser mit oder ohne Gott lebt. Na, wenn’s sonst nichts ist... Guter Mann, was ich glaube ist, dass das kein Thema für eine Konversation über die Gegensprechanlage ist, und nein, ich werde sowieso mit keinem Wildfremden, und sei er noch so höflich, über meine Haltung zu Gott parlieren. Also auf Wiederhören und schönen Abend noch.
Man fragt sich, wie oft der junge Herr auf willige Zuhörer trifft, und ob er dann in der finsteren Kälte steht und via Haussprechanlage theologische Standpunkte erläutert: Wobei ich einmal annehme, dass er nicht gekommen ist, um gläubigen Menschen einzureden, es lebe sich besser ohne Gott. Atheisten machen nicht extra Hausbesuche.
Apropos Glauben und keine Hausbesuche: Ein neues Phänomen nennt sich „Cyberchondrie“ und benennt die Neigung, sich mit Hilfe von medizinischen Diagnosen aus dem Internet krank zu fühlen.
Früher musste man mühevoll im Pschyrembel herumsuchen, um das Kribbeln im Ohrläppchen definitiv als Knorpelpest zu diagnostizieren. Nun ergoogelt man im Internet innerhalb von Sekunden zahllose medzinische Ratgeberseiten. Und stößt sogleich auf eine Armada von Co-Siechenden, die am identen Leiden laborieren und über Symptome und Therapien genauestens Bescheid wissen: Im Unterschied zu früher, als der Hypochonder meist ein einsames, unverstandenes Dasein im Kreise ungläubiger Spötter führen musste. Der Cyberchonder ist nie allein: Seine Mitgläubigen sind immer nur einen Mausklick entfernt.