Doris Knecht
| 12/08
| Falter-Kolumne
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Einmal mehr werden meine Toleranz und meine liberale Grundtendenz von zwei Sechsjährigen tüchtig strapaziert. Die Mimis wollen so Haube, wie sie der Joey und der Joel und sogar der Franz auch haben, so eine, die aussieht, als würden oben dicke Haare herauswachsen. Die Proll-Haube schlechthin also, und ich habe gesagt, was eine tolerante, tendenziell liberale Mutter in einer derartigen Situation sagt, ich habe gesagt: Nie. Im. Leben. Und dass das überhaupt nicht in Frage kommt. Und wie absolut beschissen diese Hauben aussehen. Und richtig, beschissen darf man nicht sagen, und auch deshalb brauchen wir gar nicht länger darüber reden. Und zwar selbst dann nicht, wenn es die Oma, mit der sich die Mimis geschickt auf ein Packerl gehaut haben, finanziert. Und auch dann nicht, wenn sie es aus ihrem eigenen Sparschweingeld bezahlen. Und nicht einmal dann, wenn ich mir jetzt jeden Tag anhören muss, was für eine herzlose, egoistische Mutter ich bin, die die Grundrechte ihrer Kinder auf selbstbestimmtes Aussehen beschneidet; das ist immer noch weit weniger schlimm, als wenn ich mich jeden Tag grausen und genieren muss, wenn ich meine Kinder mit diesen Hauben sehe.
Dabei ist es mir im Prinzip einerlei, was sie anziehen, solange es im Rahmen der klimatischen Vorgaben stattfindet, also keine Glitzerballerinas bei Schneelage und keine Schipullis bei Temperaturen über dreißig Grad, selbst wenn es sich jeweils um das einzige Kleidungsstück handelt, in dem ein Kind in Würde vor seine Schulkameraden treten kann. Und keine Leiberl, die in Bauchmitte aufhören, aber das ist meine Schuld, weil ich es nie schaffe, das zu kleine Zeug rechtzeitig auszusortieren. Es ist einer der Vorsätze fürs neue Jahr, ein, wenn schon nicht ordentlicher, so doch ein Mensch zu werden, der allen Ballast von sich und seiner Familie ab- und aus seiner Wohnstatt, wirft, sich immer auf der Stelle von allem losmacht, das nicht gebraucht wird und es umgehend guten Zwecken oder der städtischen Müllabfuhr zuführt. Was unsere Wohnung um gute 25 Quadratmeter vergrößern würde.
Allerdings handelt es sich dabei um den guten Vorsatz der letzten 15 Jahre mit bislang unterdurchschnittlicher Erfolgsbilanz. Immerhin habe ich kürzlich eine Tonne Spielzeug aussortiert, für das die Mimis längst zu groß sind, leider steht es jetzt seit drei Wochen vor der Tür und wartet darauf, dass ich es endlich dem dafür vorgesehenen guten Zweck zuführe. Was, wie ich glaube, einer der Gründe dafür ist, dass ich seit gestern mit brutalen Rückenschmerzattacken zu kämpfen habe. Das Unerledigte, so lernte ich es von meiner Osteopatin, konzentriert sich beim mir in der Wirbelsäule: Andere machen über das Unerledigte lustige Prokrastinationswitze und schreiben heitere Wie-mogle-ich-mich-durch-Ratgeber; ich komme nicht mehr vom Sessel hoch. Aber sobald ich wieder aufstehen kann, erledige ich das und werde ein besserer Mensch, keine Frage, gar keine Frage.