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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.01.09

Was würde Obama tun?

| 01/09 Kurier-Kolumne

Die moderne Realität konfrontiert uns aktuell gerade wieder einmal mit ihren reizendsten Auswüchsen: Das Dschungelcamp, der Modelwettbewerb, der geltungsgeile Baumeister, die gekaufte Frau. Künstliche Oberflächlichkeit, oberflächliche Künstlichkeit, verschwendete Zeit, vertane Gegenwart. 
In dieses Sinn-Vakuum ist uns ein neuer amerikanischer Präsident hineingeraten, der das genaue Gegenteil von dem propagiert, was wir immer mehr gewohnt werden, als normal zu empfinden: den prosperierenden Eskapismus in den völligen Schwachsinn. Und dieser Präsident macht was? Er will Amerika retten. Und wie macht er das? Ganz einfach: Indem er denkt, die vernünftigste Lösung finden und handelt. Allereinfachste, allgemein verfügbare Kulturtechniken, mit  Redlichkeit, Umsicht, Optimismus, einer gewissen Selbstdisziplin und erschütternder Eleganz angewendet.
Davon kann man lernen. Das kann man sich abschauen. Diesfalls gilt: Was der amerikanische Präsident kann, können wir auch. Gut, wir haben keinen Beraterstab aus erfahrenen Spezialisten, aber die meisten unserer privaten Probleme sind auch nicht so gravierend wie die der USA (d.h. Guantanamo und dergleichen).
Also: Was würde Obama tun? Er wäre realistisch: (Brauche ich das? Kann ich mir das leisten? Muss ich mir das leisten?). Er wäre umsichtig. (Wem nützt das? Wem schadet das? Was ist wichtiger?) Er wäre redlich. (Ist das in Ordnung und moralisch vertretbar?) Er wäre optimistisch. (Die Anstrengung lohnt sich, wir schaffen das.) Und das alles  wäre er mit beeindruckendem Stilgefühl.
Gut, Stil kann man sich nicht abschauen. Alles andere ist einen Versuch Wert.


29.01.09

Was nichts kostet, ist nichts wert

| 01/09 Kurier-Kolumne

Nun will sich also auch Wien nicht länger gegen Gratiskindergärten sperren. Im Prinzip: gut. Jede  Familie, jeder alleinerziehende Elternteil muss sich den Kindergarten leisten können. Und für zwei Kindergärtler zahlt man in Wien bisher leicht einmal 500 Euro im Monat.
Das Problem: Was nichts kostet, ist  nichts Wert. Und im Unterschied zur Schule wird die Betreuung von Kleinkindern ja immer noch häufig als reine Kinder-Aufbewahrung betrachtet, für das es nur ein bisschen billiges, ungeschultes Aufpass, Fütter-, Mundabwisch-, Pflasteraufpick-, Tröst- und Spielzeugverteil-Personal braucht. Und das ist natürlich Unsinn.
Leider misst sich der gesellschaftliche Wert einer Tätigkeit an dem dafür verlangten Honorar. Was ausgebildete Kindergartenpädagoginnen durchschnittlich verdienen ist so gesehen ein Hohn, angesichts dessen, was von ihnen tatsächlich verlangt wird und was sie auch leisten.  Der Mindestlohn einer ausgebildeten Kindergartenpädagogin beträgt im ersten Dienstjahr 1751,30 Euro, im zehnten 1912,90 Euro. Brutto, bitte. Und auch wenn Gemeinde und Privatkindergärten meistens etwas besser entlohnen: Viel ist uns die  individuelle Förderung und Betreuung unserer Vorschulkinder nicht Wert.
Und darüber muss man eben auch reden, wenn man über Gratis-Kindergartenjahre spricht.  Natürlich muss der Staat, wenn er  – aus sehr guten Gründen – eine Kindergartenpflicht einführt, dafür auch bezahlen.  Aber das müsste er erstens besser tun (dann würden vielleicht auch mehr Männer den Beruf ergreifen). Denn zweitens muss endlich gesellschaftlicher Konsens darüber herrschen, dass Kindergartenpädagogik wertvoll ist. Sehr wertvoll.
28.01.09

Träumen Sie weiter!

| 01/09 Kurier-Kolumne

 Auf meine Leserinnen und Leser ist Verlass: danke. Erstens bewiesen Sie mir, dass Sie, wenig überraschend, keine Prokrastinierer (Begriffserklärung unter www.kurier.at/interaktiv/blog/knecht) sind, indem Sie bereits Beschwerden über meine Kolumne einsandten, bevor die noch richtig erschienen war. Man könne, also bitte!, Hauptwörter nicht konjugieren. Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten.
A) ich sage, was der Wahrheit entspricht, dass ich gewusst und trotzdem extra noch einmal nachgeschlagen habe, dass „konjugieren“ das Beugen von Verben bedeutet, allerdings der Meinung war, meine viffe Leserschaft würde den Weg von der Prokrastination zum prokrastinieren selber finden. Oder, B), ich werfe mich unter Mea-Culpa-Geheul in den Staub und  gestatte so der p.t. Leserschaft, den Tag mit einem befriedigenden Triumpf über ihre Kolumnistin  zu beginnen: Suchen Sie sich bitte einfach etwas aus. 
Zweitens schenken Sie mir, wenn ich Ihnen  eine ÖBB-Geschichte erzähle, gratis zwanzig zurück. Dafür bedanke ich mich herzlich, picke hier aber erst einmal nur meine Lieblingsgeschichte heraus. Es stand nämlich Leser Werner H.  eines Samstags im Jänner mit zwei anderen Kunden vor dem Reisecenter im Bahnhof Floridsdorf, das, so Herr H., „laut Aushang um 7.15 Uhr hätte aufsperren sollen, aber noch immer geschlossen war“. 
Werner H. irrte durch das Bahnhofsareal, fand keine einzige Auskunfststelle und kontaktierte schließlich das ÖBB-Callcenter unter der Telefonnummer 05-1717. Was erfuhr er dort? Er erfuhr, dass es überhaupt kein Reisecenter Floridsdorf gebe. Er nimmt also an, dass er sich das geschlossene Center vor ihm akut erträumte. Schön. Obwohl: Es gibt nettere Dinge, von denen man träumen kann.
27.01.09

Schön, dass es dir auch nicht besser geht

| Comments (1) | 01/09 Falter-Kolumne

Ich glaube immer noch, dass man das Richtige tun muss. (Der Lange glaubt das auch, er glaubt aber nicht, dass es sich beim Richtigen um Ballett handelt. Max und Moritz. Er muss da jetzt mit den Mimis hin. Die Horwathische hat Karten besorgt, und ich bekam durch einen meinerseitigen Überhang an Kinderglücksaktivitäten den Kopf gerade noch aus der Schlinge. Der Lange ist wegen dem Ballett so stinkig, dass ich mich, nachdem ich die Mimis mit Dead-Kennedys- und Slayer-T-Shirts fein gemacht habe, mit dem Notebook am Klo verstecke. Ich höre ihn aber poltern.) Nur wird das Richtigtun desto schwieriger, je älter man wird. Je älter man wird, desto leichter macht man sich bei der Verfolgung und Fokussierung des Richtigen lächerlich: Erstens sieht man nicht mehr so gut, zweitens sieht man nicht mehr so gut aus, weil drittens ist das Richtige halt oft mit leidenschaftlichem Überschwang und gerechtem Zorn und geistesgestörter Risikobereitschaft verbunden, was einen bis 30 oder 35 lässig kleidet und danach leicht in einen närrischen Eiferer verwandelt, Sektierertranspiration inkl.. Wenn man dann auch noch die falschen Schuhe anhat... Und jetzt soll mich bitte keiner fragen, worauf ich genau hinaus will, kruzi: so definitiv weiß es auch nicht. Wie jedes Jahr um diese Zeit lässt mich winterdepressive Verstimmung in ein tralalaphilosophisches Loch stolpern, das mich mit Erkenntnissen versorgt, mit denen man gerade einmal eine Facebook-Existenz aus subtil-gestörten Statusmeldungen zusammenbasteln kann. Man trifft dort aber glücklicherweise auf Figuren, denens auch nicht besser geht: Honzo ist jetzt zum Beispiel auch da und läßt mich an seinem „scheuernden Gefühl von Langeweile“ teilhaben. Danke, Honzo.

Übrigens, guter F., dein Facebook-Suicid war ein Fehler; den Grund, die Kuscheligkeit dort sei unecht, lasse ich nicht gelten. Es ist kuschelig, genau so distanziert-kuschelig, wie man es außerhalb des familiären Sicherheitstrakts gerade eben ertragen kann. Nur dass das Kuschelige eben nicht aus Nähe entsteht, sondern aus Komplizenschaft, weil man im Facebook jeden Augenblick versichert wird, dass man in seiner kindischen, geltungssüchtigen, ambivalenten Versagerexistenz tatsächlich nicht allein ist (man braucht dazu nur die richtigen Freunde). Und dass die individuelle Orientierungslosigkeit Teil eines riesigen, vielgliedrigen sozialen Konstrukts ist. Eines endlich beweisbaren Konstrukts. Sag mir einen Ort auf der Welt, F., wo du diese Erkenntnis so billig kriegst. Ok, die katholische Kirche, aber sonst.

Schau, der coole junge Magazin-Moverundshaker weiß jetzt auch schon einen perfekten Fenchel zu schätzen und fällt in die alten Gun-Club-Platten. Schau, die Partyschwester widmet ihre Freizeit mittlerweile auch dem korrekten Spicken von Lammrücken. Schau, der Lange muss ins Ballett. Schau, wir sind alle auf der Suche nach dem Richtigen. Wir machen uns komplett lächerlich, und wir sind dabei jetzt weniger allein.
27.01.09

Gestern im rhiz: DJ Knecht, 21 Uhr. Livestream zum nach-hören: www.rhiz.org

| Comments (1) | 01/09

www.rhiz.org
27.01.09

Jetzt wird zugepackt!

| Comments (3) | 01/09 Kurier-Kolumne

Erst unlängst haben wir  hier den neuen Trend-Begriff Prokrastination gelernt (das KURIER-Korrekturprogramm   dagegen beanstandet ihn nach wie vor), schon muss man sagen: Noch bevor das Prokrastinieren Österreich so richtig  Krocha-artig durchseuchen konnte, noch bevor profil einen Titel („ProkrastiNATION Österreich“)  dichtete und noch bevor  Thomas Schäfer Ellmayer, Jeannine Schiller oder Toni Polster im Society-TV ihre Haltung zum grassierenden Prokrastinationswahn äußern  konnten, geht der Trend schon wieder brutal in die Gegenrichtung. 
Die Amerikaner sind wieder einmal Schuld; genauer: Der neue US-Präsident  und seine Gattin. (Ich kenne auch ein paar Schweizer, die gegen das Prokrastinationsfieber immun sind, aber die fallen nicht so sehr ins Gewicht.)
Kaum also sind wir im Stande, Prokrastination einigermaßen unverstolpert auszusprechen und halbwegs korrekt zu konjugieren, gilt es schon als komplett hintergestrig: das Abwarten, das Erstmalteetrinken, das Vorsichherschieben, das Wirdschowern, das Morgenistauchnocheintag. Das Gegenteil ist jetzt schick: Probleme werden nun schon gelöst, bevor die Leute noch gemerkt haben, dass sie eins haben. Angepackt wird, noch ehe der Wecker dreimal klingelt.
Das Signal an die Prokrastinateure ist erbarmungslos:  Ihr seids ja so last season, oder (wir wollen hier auch einmal einen Begriff erfinden):  so bushy. (Oder besser: bushous? bushoid? Bushös? Bushikovsky? Jedenfalls out. )
Tja. Phhh. Das ist hart: Und wir Prokrastinierer werden uns tüchtig darüber grämen und uns SO an der Nase packen: Wahrscheinlich sogar schon morgen.
25.01.09

Mach ich dann gleich!

| 01/09 Kurier-Kolumne

Aufgepasst. Sie werden hier jetzt etwas lernen, über das sie in nächster Zeit sehr oft stolpern werden, nämlich den Begriff „Prokrastination“. Obwohl, wie spät ist es? Erst kurz nach elf? Dann brauch ich mich mit diesem Text nicht hetzen. Geht einer von den Kollegen in die Kantine? Noch nicht, aha. Aber der Super-G fängt gleich an? Bin schon da! Oje. Der Hermann Maier nur Elfter. Also: Prokrastination bezeichnet das Phänomen, sich vor der Arbeit zu drücken, so lange es irgendwie mögl.... Kantine? Ja, Moment, ich komme mit! So, satt. Zu satt eigentlich. Ich hätte vielleicht doch das Hoki-Filet nehmen sollen statt dem Mailänder Schnitzel. Und auf den Nachtisch verzichten. Zu spät, aber ein Espresso muss jetzt sein, sonst kann ich unmöglich weiterschreiben. Der Spiegel nennt Prokrastination ein „Trendleiden“ und übersetzt es mit „Aufschieberitis“, und Max Goldt hat, das habe ich gerade via Facebook von der Kollegin K. erfahren, in seinem Buch „QQ“ darüber geschrieben. Vielleicht sollte ich schnell ins Buchgeschäft laufen und das nachlesen? Und kurz auch in dieses Buch hineinblättern, über das jetzt alle reden, na, wie heißt es gleich? „Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin“, genau. Halt, dafür ist es schon zu spät; und es geht auch so, das Internet gibt genug hier. Trotzdem, im Fremdwörterbuch nachschlagen kann nie schaden. Da schau her: 1969 und 1997 kannte man das Wort „Prokrastination“ noch gar nicht. Vielleicht steht’s im Pschyrembel, es klingt ja eher wie etwas, das der Zahnarzt macht. Apropos, den muss ich schnell anrufen, ich brauche einen Termin; aber natürlich muss jetzt prompt das Telefon klingeln. Oje, die Schlussproduktion: Ja, ja, ja, ich bin eh gleich fertig!
23.01.09

Es lebt sich eigentlich besser ohne

| 01/09 Kurier-Kolumne

Wie ich gestern so um vier herum nach Hause komme, sagt der Mann, dass übrigens das Internet nicht mehr funktioniert; er hat aber gar nichts gemacht.
Aha, aber ok, das ist ja kein Problem. Wahrscheinlich liegt es am Provider, meistens kommt das von selbst wieder. Außerdem ist es ganz gut so: Anstatt schon wieder meine eMails zu checken, bei ebay etwas Unnötiges zu ersteigern oder zu schauen, was Obama gerade macht,  räume ich jetzt endlich das Vorzimmer auf. Um 16.45 Uhr funktioniert das Internet immer noch nicht, ich rufe jetzt doch bei der Hotline an, wo mir ein Band sagt, ich müsse mit langen Wartezeiten rechnen, man sei überlastet. Liegt also wohl wirklich am Provider. Ich fange an zu kochen und rufe um 17.40 die Nachbarin an, ob eigentlich ihr Internet funktioniert. Tut es; um 18.10 läute ich bei der Nachbarin, um ein Ei zu schnorren, und könnte ich, wo ich schon da bin, einmal kurz ins Internet schauen.
Um 18.45 erkläre ich  meiner  Familie beim Abendessen, dass man eigentlich gar kein Internet braucht, das frisst doch nur Zeit und es lebt sich besser ohne.
Um 19.05 Uhr drücke ich ein bisschen am Modem herum; aus, ein, Neustart, nix. Um 19.15 Uhr rufe ich wieder die Hotline an,  immer noch überlastet. Zwischen 19.20 und 21.00 Uhr schau ich zwei, drei, höchstens 18 Mal, ob es schon wieder funktioniert.
Um 21.05 Uhr klappe ich mein Buch zu, rufe  noch einmal die Hotline an und mir wird geholfen: Ich bin wieder online. Ich finde in meiner Mailbox eine Nachricht eines Online-Casinos,  lese dann etwas über Obama, das ich schon im Radio gehört habe, erfahre im Facebook nichts Neues und schalte wieder aus. Ich kann nämlich irrsinnig gut ohne Internet leben, da sehen Sie,  überhaupt kein Problem.
22.01.09

Wir könnten ja eh

| 01/09 Kurier-Kolumne

Neidisch könnt ma wern. Diese Aufbruchstimmung, in die der gestern inaugurierte neue Präsident die USA versetzt: Davon könnten wir auch ein bissl brauchen. Wir wollen auch etwas können können! Können wir eh. Es muss ja nicht gleich die Umgestaltung einer Weltmacht sein; etwas Überschaubares im Rahmen unserer Möglichkeiten halt, das die Welt auch ein bisschen besser macht. Und wenn’s nur ein winziges bissl ist. Morgen saubere Socken anziehen: Ja, wir können! Heute aber wirklich die Oma anrufen: Ja, wir können! Endlich wieder einmal den Hund striegeln: Ja, wir können! Jetzt einmal den Schreibtisch aufräumen: Ja, wir können! Auf der ganzen Heimfahrt von der Arbeit niemanden anhupen, nicht einmal Kinder, die zu langsam die Straße queren: Ja, können wir zur Not auch! Mit der flachen Hand vor dem Gesicht wacheln, wenn dem Kärntner Landeshauptmann wieder eine seiner originellen Ansichten entfleucht: Ja, wir können! Morgen unter der Dusche ausnahmsweise einmal „Rehab“ statt „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ schmettern: Ja, wir können’s probieren! Der Frau den Minimalschnupfen nicht als ausgewachsene Grippe verkaufen, um den dazugehörigen Rundum-Service abzuschöpfen: Ja, können wir, wenn wir wollen! Dem Mann auch einmal die Fernbedienung überlassen: Ja, wir könnten! Weil wir uns hier gerade der Konjunktiv einirutscht: das ist doch eigentlich viel österreichischer. Ja, wir könnten! Mit dem können-täten tun wir uns ja wesentlich leichter; was heißt: Darin sind wir Weltmeister. weit vor den Amerikanern. Also: Könnten wir? Keine Frage: Ein euphorisches, aufbruchgestimmtes JA.
21.01.09

Unterhosen-Poesie

| 01/09 Kurier-Kolumne

Wer Skihüttenliedergeschichten sät, erntet Skihüttenliedergeschichten. Was einerseits gut ist: denn die öffentliche Belästigung mit Liedgut zum Thema Geschlechtsteile wird zusehends diskussionswürdig. Andererseits muss man sich mit Liedtexten beschäftigen, deren Vormittagstalkshow-Poesie einem die Zehennägel aufrollt. Leser Andreas O. etwa schickte mir einen Text, dem er beim Eislaufen mit seiner Frau am Jagatee-Ausschank des Weissensees aus den Lautsprechern zu hören bekam. Das Lied heißt „Die Möhre“, hier ein paar Auszüge: „Das sind nicht 20 Zentimeter, nie Leben kleiner Peter.“ Und: „In der Kürze liegt die Würze, doch ich mag es lang und dick“ und „Ich bin deine Erklärerin, ich zeig dir, wie er steht“. Leser Wolfgang S. musste sich beim Schifahren in Kleinarl während des Mittagessens – und in Gesellschaft zahlreicher Kinder, die gerade Schikurs-Pause machten – adäquates anhören: Lieder über „Beischlafvariationen und die zentimetergenaue Bestückung mancher Männer“, wie er schreibt: Beschwerden beim Hüttenwirt und beim Kleinarler Gemeindeamt seien ohne Reaktion geblieben. Diese totale Vergenitalisierung der Spaßgesellschaft ist mir allmählich nicht mehr wurscht. Wenn sich verblödete Erwachsene privat verblödete Musik anhören wollen: bitte gern, ihre Sache. Aber wie kommen weniger verblödete Menschen und Kinder dazu, an diesem Hobby partizipieren zu müssen? Dass Lieder über Genitalien und Sexpraktiken völlig selbstverständlich tagsüber an Skiliften, in Gasthäusern und auf Eislaufplätzen gespielt werden, fällt unter sexuelle Belästigung von Kindern. Das gehört abgestellt, und zwar hui.
21.01.09

Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war

| Comments (1) | 01/09 Falter-Kolumne

Ich will jetzt nicht näher darauf eingegehen, dass noch Zeichen und Wunder geschehen, aber. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, ba ba, Cedric, grüß Gott, alte Frau. Und ich beantworte gerne die Frage, ob in meinem Leben nichts Aufregenderes passiere als bildlicher Ärger: Weil, richtig, tut es nicht. Und das ist überaus erwünscht, nach diesem Partyherbst, der mich ziemlich zerzaust ins neue Jahr schickte. Nun sitze ich abends endlich wieder an gedämpftem Schreibtischlampenlicht; lese Thomas Bernhard, trinke mäßig, rauche nicht und genehmige mir als äußerste Tollerei eine pfiffige Statusmeldung im Facebook. (Na gut, letzte Woche habe ich einmal im Flex-Café aufgelegt, und es war so, dass die Musikwünsche Michael Jackson - „Thriller“!!! - Usher und 50 Cent an mich herangetragen wurden. Oida. Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war.) Im Facebook habe ich 323 Freunde und ich könnte 324 haben, wenn der Kollege F. seine Facebook-Personality nicht suicidiert und 325, wenn die geschätzte junge Autorin auf Anfrage nicht gefunden hätte, sie wolle ihre Freunde lieber auf der Straße wiedererkennen und das träfe auf mich nun mal nicht zu. Ich mailte zurück, dass ich der Meinung zuneige, man solle wahre Freundschaft und Facebook-Freundschaft nicht miteinander verwechseln: aber man dürfe natürlich, und darauf antwortete sie nicht mehr. Eh klar kenne ich drei Viertel meiner fb-Freunde nicht persönlich, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, Facebook ist ja kein Poesialbum und kein Weiberabend, sondern ein virtuelles Stammkaffeehaus, wo man auch nicht jeden persönlich kennt und kennen will und von den meisten auf keinen Fall mehr wissen möchte als die Konversationsfetzen, die es zufällig vom Nebentisch herüberweht. Die können sehr öd oder sehr inspirirend sein. Oder sehr nervig, wie beispielsweise die Anmache von Dick Johnson, dem ich hiermit versichere, dass ich ihn aus meinem Freundeskreis entferne, wenn er mir jetzt noch ein einziges Herz schickt und oder noch einmal sehen will, „how similar you are on the "Excuses to have Sex" quiz. Take this quiz to see your match score with Dick“. Ich matsche nicht mit Dick, das weiß ich unheimlich genau und werde es ihm mit der Löschtaste beweisen, was im Kaffeehaus übrigens leider nicht funktioniert. Und es ist dort auch nicht möglich, täglich meine echten erkenn-ich-auf-der-Straße-Freunde aus der Schweiz und Paris und Übersee anzutreffen, im Facebook aber schon. Wie Haemmerli, der gerade in Saigon lebt, guten Morgen, guten Tag, auch schon wach, was liegt an heute. Haemmerli, der sich vor drei Wochen oder so eingeloggt hat, hatte in zwei Stunden 180 Freunde und hat mittlerweile ungefähr 520, was Haemmerlis informationssüchtiger, diskursgieriger Persönlichkeit entspricht, während es meinem phlegmatischen Charakter entspricht, lieber nur den anderen beim Diskursen zuzusehen. Doris Knecht ist der Gruppe „Faule Voyeure“ beigetreten. Neuer Status, genau.
18.01.09

Seines eigenen Glückes Schmied

| Comments (1) | 01/09 Kurier-Kolumne

Die Auswertung der LeserInnen-Reaktionen auf meine Zogaj-Kolumne ergibt:  44 Prozent der Mails schließen sich meiner Meinung an, dass die Zogaj-Kinder, egal was war, bei ihrer Mutter bleiben müssen. 56 Prozent finden das nicht, und die meisten dieser Mails enthalten wohlüberlegte Argumente,  warum alle Zogajs zurück in den Kosovo sollten.
Es gibt natürlich auch andere: in denen werden die Zogajs und andere Asylwerber „Gesindel“, „Bande“, und „kriminelles Pack“  geheißen.  Relativ unpassend im Zusammenhang  mit einer Familie, die sich (außer einer jugendlichen Wirtshausschlägerei, die straflos blieb) nichts zuschulden kommen hat lassen, als das Verbrechen, ihr eigenes Glück an einem besseren Ort zu schmieden. Und das, was in fünf Jahren zu ihrer Heimat geworden war, nicht mehr aufgeben zu wollen. (Es stellt sich übrigens die Frage, wann genau die Suche nach privatem Glück ein Verbrechen, aus seines eigenen Glückes Schmied ein Krimineller wurde.   Beziehungsweise ob man dann jenen Österreichern,  die aus beruflichen, also wirtschaftlichen Gründen ihren Wohnsitz in ein anderes Land  verlegen und ihre Familien nachkommen lassen, nicht eigentlich auch kriminelle Absichten unterstellen muss.)
Was Flüchtlinge durchmachen, die, diesfalls aus politischen Gründen, ihre Heimat verlassen, zeigt übrigens aktuell der Film „Ein Augenblick Freiheit“, des Wieners Arash T. Riahi, der selbst als Kind aus dem Iran geflüchtet ist. Der Film erhielt bereits zwölf internationale Auszeichnungen, und zwar  zu Recht. Riahi lässt  miterleben und mitfühlen, was Flucht, was Emigration bedeutet, besonders für Kinder. Gehen Sie ins Kino, bevor sie Flüchtlinge noch einmal „Gesindel“ nennen.
16.01.09

Lieder für Hundeliebhaber

| 01/09 Kurier-Kolumne

Heute lehrt der Blick aus dem Fenster, dass man sich nicht zu sehr Wettervorhersagen verlassen soll. Freilich schließt die Prognose „zeitweise schneit es leicht bis mäßig“,  nicht aus, dass es zwischendurch, wie eben, auch heftig schneit. Es schneit die Braunflächen schön und die geparkten Autos unsichtbar. Es schneit so sehr, dass man für einen Moment glauben kann, Wien sei ein Wintersportort in den Alpen. Und genau dort hin soll uns diese Einleitung führen, denn Leserin Jolantha G. war mit Mann und Kind skifahren.
Während sie in der „Skiarena Lammertal“ beim Sessellift anstanden, wurde ihnen die Wartezeit mittels Beschallung von Liedgut voller schöner Textzeilen vertrieben: „Zeig doch mal die Möpse / hab lange keine mehr gesehn / Ich steh total auf Möpse / und am liebsten hätt ich zehn.“ Hundeliebhaber, vermutet Jolantha G.
Wir waren nur rodeln, konnten dabei aber feststellen, dass für Skigaststätten, egal in welcher Alpenregion, offenbar eine Vorschrift exisitiert, dass sie jedem einzelnen Skihütten-Klischee  100 Prozent zu  entsprechen haben. Erstens müssen sie aussehen, als wäre ein Sturm in einen Fichtenwald gefahren und habe die Bäume zufällig skigaststättenförmig übereinandergeworfen, so dass man nur noch ein Dach darauf nageln musste. Zweitens muss so viel Dekomaterial – Weihnachten, Fasching, wuacht – aufhängt werden, wie die Balken tragen.
Drittens muss die Musik so laut sein, dass man dem Kellner die Wahl zwischen den zwei offerierten Speisen Pommmes und Pizza sechs Mal zubrüllen muss. Viertens soll sich der Gast von der Illusion verabschieden, dass er „Cheri cheri Lady“ in den 1980ern zum letzten Mal hören musste. Draußen schneit es immer noch...  Langsam wird mir bang.
15.01.09

Wo kleine Kinder hingehören

| 01/09 Kurier-Kolumne

Weil wir gestern vom  Eis, von der Kälte, vom Frost sprachen: Thomas Bernhard beschreibt in seinem soeben erstmals publizierten Werk „Meine Preise“ an einer Stelle, wie er rund um den Satz „Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu“ eine Preisrede bastelt. („Meine Preis“ ist übrigens großartig. Boshaft, brilliant und brülllustig. So ein Unsympathler, dieser Bernhard und so ein Genie.) In seiner philosophischen Kälte-Betrachtung kann ich Bernhard allerdings, belegt durch einen  Blick auf dem Fenster, keineswegs Recht geben; wo es sehr kalt ist, ist es mitunter auch sehr nebelig, grauverschleiert und trüb.
Apropos Kälte und klarer Blick: Die jungen Zogajs sind wieder in Österreich. Und die jungen Zogajs mögen alles, komplett alles, komplett falsch gemacht haben. Aber das soll uns nicht den Blick darauf verstellen, dass zwei dieser Kinder acht und neun Jahre alt sind. Und dass es auf der Welt einen einzigen Ort gibt, an dem Kinder dieses Alters hingehören: zu ihrer Mutter. (Doch, ich denke auch immer wieder darüber nach, warum diese Mutter nicht zu ihren kleinen Kindern ist; weil sie sehr krank ist, offenbar.)
Und wenn es, was der Fall ist, möglich ist, diese verzweifelten kleinen Kinder jetzt zu ihrer Mutter zu bringen, ihnen nach ihrer Odyssee eine Kindheit nicht minus, sondern plus Liebe und Zuwendung zu ermöglichen: dann muss das geschehen, auch wenn ihr Weg zur Mutter unrechtmäßig  war. Alles andere wäre unmenschlich, revanchistisch, einer aufgeklärten Wohlstandsgesellschaft unwürdig. Es würde bedeuten: Wir erklären diese kleinen Kinder für schuldig und bestrafen sie mit einer unglücklichen Kindheit ohne Mutter. Oh  ja, das Recht haben wir: klar und klirrend kalt.
14.01.09

Bootlose Kunst

| 01/09 Kurier-Kolumne

So geht jeder mit der Kälte auf seine Weise um. Die einen fahren in den heißen australischen Dschungel und futtern Kakerlakenhoden, die anderen bleiben hier (und hoffen, dass Russland bald einlenkt) und laufen Eis. Es hat die Kälte, eine Kälte, wie die aktuelle, ja nicht nur die Eigenschaft, einem bis unter die Tuchent in die Knochen hinein zu kriechen, falls der Ofen nicht geht, sie friert auch den Neusiedlersee zu und die Alte Donau.  Und die Alte Donau vereist im Augenblick – trotz der traditionellen alljährlichen Warnung vor eisbrecherischen Strömungen, die wir durchaus ernst nehmen – stabiler als der Neusiedler See, in den am Wochenende mehrere Eisläufer unvermutet plumpsten.
Auf der Alten Donau dagegen wandelten tausende Menschen wie du und ich sicher übers Wasser. „Ich weiß gar nicht, was alle immer mit dem übers Wasser gehen haben, es ist doch babyleicht“, sagte S.
S. trug bei seiner Wandlung allerdings nicht wie du und ich Schlittschuhe, seit ihn letztes Jahr am  Rathaus-Eislaufplatz ein damals noch unsicheres Kind an seiner Hand ruckartig fällte, er rücklings in eine große Lache bretterte und dann tagelang   über ein hiniches Kreuz jammerte und Flüche gegen den Erfinder des Eislaufschuhs ausstieß.
Aber wir anderen liefen auf unseren Schlittschuhen rund ums Gänsehäufel. Es war kalt. Es war herrlich. Am Samstag schien dazu  gleißend die Sonne, aber auch der eisige Nebel am Sonntag hielt uns nicht daheim, denn man muss auch und gerade die eisigste Kälte ausnützen: Wie oft im Jahr kann man das Gänsehäufel bootlos auf der Wasseroberfläche umrunden? Danach schnell heim an den Ofen: der warm war, zum Glück.
13.01.09

Wir sind jetzt eins, Cedric und ich.

| Comments (3) | 01/09 Falter-Kolumne

Du kriegst nicht immer was du willst. Das hat, hier ist eine kleine Rückschau in die überwundene festliche Saison nötig, eins der Mimis unterm Christbaum bemerkt: Es saß vor einem Geschenkberg vom Ausmaß der Aiger Nordwand und heulte wie ein Iltis, denn das Christkind brachte ihm keine Stifte und keinen Teddy. Erklärungen, dass es 47 Kuscheltiere besitzt und Stifte jeweils in der Sekunde bekommt, in der es darum fragt, erwiesen sich als unfruchtbar. Das hat es extra auf den Wunschzettel geschrieben! Ja, möglich dass ich einen der 116 Wünsche auf den 44 Wunschzetteln nicht so ernst genommen habe. Fehler.
Immerhin kriegte auch seine Mutter nicht, was sie wollte, obwohl sie nur einen Wunsch immer wieder in ihren Wunschzettel hineingeschrieben hat: dass ihr Kolumnenbildnis weniger wie Cedric, 16 und mehr wie sie selbst aussehen möge. Aber der Falter heilte mich von meinem Irrglauben. Du glaubst noch ans Christkind? Hahaha. Ha. Jetzt nicht mehr.

Ich glaube aber auch nicht mehr daran, dass es einen Sinn hat, weitere höfliche Mails an den verantwortlichen Künstler, den Artdirektor und den Stv. Chefredakteur zu richten, da diese in jüngster Zeit die 100prozentige Tendenz zeigen, unbeantwortet zu bleiben. Auch die Idee, mich mit der Bitte, gemeinsam eine jeden begeisternde Lösung zu finden, freundschaftlich an den Chefredakteur und Herausgeber zu wenden, habe ich verworfen, seit ich den Chefredakteur und Herausgeber bei der Weihnachtsfeier nach langer Zeit wieder einmal traf und ein Gespräch begann, während welchem er die Lektüre der Zeitung nicht unterbrach.

Und jetzt glaube ich, ich will Cedric behalten. Denn je ohrenbetäubender das Schweigen wird, das meine Anfragen auslösen, desto weniger glaube ich, dass eine Kolumnenbildüberarbeitung zu meinen Gusten ausfallen würde. Erstens. Zweitens bin ich nun endlich in die Phase der Akzeptanz getreten: Nach den Phasen Ungläubligkeit, Realtiätsverweigerung, Wut und Trauer akzeptiere ich jetzt. Ich bin nun bereit, den unausgeschlafenen, extasyverkaterten kleinen Cedric da anzunehmen, ja: Cedric, ich nehme dich an. Denn drittens habe ich mich jetzt an den Kleinen gewöhnt. Was soll ich sagen, ich gewinne ihn lieb. Ich will, dass es ihm gut geht, ich will ihn beschützen. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn er nicht mehr in meiner Kolumne wohnt? Wird ihn jemand aufnehmen, ihm Obdach geben? Der Falter? Glaube ich noch ans Christkind? Eben. Und viertens habe ich in letzter Zeit angefangen, zu reagieren, wenn ich mit Cedric angesprochen werde, Cedric? Ja?, er geht mir allmählich ins Blut über, er wird ein Teil von mir, meine Nasolabialfalte passt sich der seinen schon an und solange er nicht mehr als 49 Prozent von mir fordert, ist es ok mit mir.

Deswegen muss ich die freundlichen Offerte von mehreren Künstlern, die sich meiner erbarmten und die Anfertigung neuer Kolumnenbildnisse anboten, leider ablehnen. Danke, sehr nett. Aber Cedric und ich, wir sind jetzt eins.
13.01.09

Wieso nicht gleich?

| 01/09 Kurier-Kolumne

Weiter geht’s mit der Geschichte über den  am Samstag rapportierten (www.kurier.at: blogs), ungemein erfolglosen Versuch,  rechtzeitig ein Ticket für einen Autoreisezug zu buchen: Leser Nikolaus K. bestellte also Mitte November Tickets für Ende Jänner und steht  Anfang Jänner aufgrund einer, wie K. vermutet, nicht ganz unabsichtlichen ÖBB-Schlamperei auf Platz 171 der Ticket-Warteliste. Immerhin stellte ihm  eine ÖBB-Mitarbeiterin am Telefon in Aussicht, dass eventuell ein weiterer Waggon angehängt werde.
Ach so: das geht? Und warum macht das die ÖBB nicht von vornherein? Oder: Extrazüge? Denn dass die Autoreisezüge zu den Semesterferien völlig überbucht sind, ist offenbar seit Jahren Usus: mehrere Leser berichteten noch am Samstag von identen Erlebnissen aus den Vorjahren. Will man die Kundschaft dazu kriegen, künftig gleich auf Autoreisezüge zu verzichten, weil’s eh keinen Sin hat?
Leser K., gesegnet mit guten Kontakten ins Parlament, erzählte die Geschichte der grünen Abgeordneten Gabriela Moser, welche  der zuständigen Ministerin Doris Bures gleich eine parlamentarische Anfrage stellte: Ob man die Vorgangsweise der ÖBB als Bestätigung der Gerüchte sehen müsse, dass die ÖBB sich aus dem Geschäftsfeld Autoreisezug zurückzuziehen trachten? Die Ministerin beantwortete die Anfrage viel schneller als es die ÖBB im Falle der Anfragen von Leser  K. tat: „Die ÖBB planen das aktuelle Angebot fortzuführen.“ Vergleichbare europäische Angebote würden eben evaluiert.
 ÖBB-Kunde K. wurde nun auch informiert: Ein zusätzlicher Auto-Waggon werde angehängt, er kriegt seinen Platz. Dafür musste er  sich nur zwei Monate lang zermürben lassen.
11.01.09

ÖBB-Warteliste, Platz 171

| 01/09 Kurier-Kolumne

Von allen Geschichten über die ÖBB, die mir bislang zugetragen wurden, ist das die irrste. Passen Sie auf. Leser Nikolaus K. plant gemeinsam mit Freunden einen Teil des Weges in die Semester-Schiferien umweltfreundlich mit dem Autoreisezug zurückzulegen und will die Reise schon Anfang November am Ticketschalter buchen. Geht nicht. Geht nur noch per Internet und Fax. Am 18. November faxt er also zwei leserlich ausgefüllte Bestellformulare für zwei Mal Autoreisezug am 31. Jänner (hin) und 7. Februar (retour) und reserviert insgesamt sieben Plätze. Er hört bis zum 4. Dezember nichts und bittet dann in einem Mail um Zu- oder Absage. Antwort: „Die Buchung ist leider noch nicht möglich. Wir halten Ihre Bestellung in Evidenz.“ Dazu eine Telefonnummer mit Durchwahl. K. greift zum Telefon, wählt und kommt an eine Dame in der Telefonzentrale, die weder die Durchwahl noch den Namen der Person, die das ÖBB-Mail geschickt hat kennt, aber sehr hilfsbereit ist: Schließlich findet sich die Person im Büro der „CC-Wien-Ticketline“. Sie informiert K. darüber, ab 15. Dezember werde ausgewählt, wer Tickets bekommt und wer nicht. Er werde verständigt. Die zwei Familien warten auf Nachricht. Sie kommt per Mail am 29. Dezember: Die Fahrkarten seien gebucht und würden per Post versandt. Nach dem Weihnachtsurlaub holt K. das ÖBB-Kuvert Anfang Jänner aus der Post, es enthält die Buchung für ein Fahrzeug und drei Plätze. Nach zehn Minuten am Telefon stellt sich heraus: Das zweite Bestellfax wurde übersehen. K. steht nun an Stelle 171 der Warteliste für einen Platz im Autoreisezug. Fährt K. jetzt mit dem Auto? Das, und was die zuständige Ministerin dazu meint, lesen Sie amMontag.
9.01.09

Da fährt der Hund drüber

| 01/09 Kurier-Kolumne

Beruhigend, dass es auch 2009 zuverlässige Konstanten gibt. Sieht man in „Seitenblicke“ hinein, schaut  Jeannine Schiller heraus. Diesmal in caritativer Mission, was ihr Angetrauter, vors Mikrofon gebeten, mit folgenden Worten kommentierte: „Man sieht ihr nicht an, dass sie eine Mutter Theresa ist, weil sie  sich nicht so in Schutt und Asche wirft.“
Und obwohl Mutter Theresa selbst  knietief im Dreck watend eleganter war als es Jeannine Schiller je sein wird, muss man Herrn Schiller zustimmen. Denn auch wir bezweifeln, dass Schutt Frau Schiller ihrem Geschmack gemäß kleiden würde. Na gut, der Sack, den Herr Schiller eigentlich gemeint haben dürfte, vermutlich auch nicht, auch wenn es im Schillerschen Fall, Hut drauf, verlässlich ein glänzglitzriger Sack wäre;  da fährt der Hund drüber.
Auch Kleine-Zeitung-Kulturchef Frido Hütter meinte etwas anderes bzw. jemand anderen, als er kürzlich in der Neue am Sonntag den neuen Linzer Kultur-Glitzerglanz kommentierte, den der Spiegel in einer Reportage so gar nicht hatte sehen wollte. Nämlich vor drei Jahren als, wie Hütter  schrieb, „der deutsche Rapper Smudo in Linz vor Gericht stand“. Smudo, der herzige Schmusebär unter den  Fantastischen Vier, dürfte mit seiner überraschenden  Besetzung als Körperverletzungsangeklagter eher minderglücklich  sein. Denn tatsächlich stand 2005 in Linz der über die Maßen unschmusebärige Rapper Bushido vor Gericht, nachdem er in einer Schlägerei einen 20jährigen ins Spital geprügelt hatte.
Leser Albin P. aber hätte nichts gegen den KURIER-Titel „Wir müssen fest zusammenhalten“. Ausgenommen in einer Geschichte über  siamesische Zwillinge. Nun ja.
8.01.09

Mehr Luft für Luft

| 01/09 Kurier-Kolumne

Der Vorsatz fürs neue Jahr: entrümpeln. Ballast abwerfen. Sachen loswerden, die man nicht braucht. Platz schaffen für Luft. Das Problem: Wir sind eine Familie von Sammlern. Leider sammeln wir keine schönen, wertvollen Dinge, wie zum Beispiel meine Freundin N., die in einem sonst sachenfreien Raum ein paar Dutzend Globen aus allen Epochen fantastisch zu Wirkung kommen lässt.
Nein, wir sammeln Mist. Mist, den man noch einmal brauchen wird, selbstverständlich: der Vater alte  Zeitschriften. Die Mutter Dosen und Schachteln. Eins der Kinder sammelt Gummiringerl, das andere ist unfähig, sich  von einem glitzernden Zuckerl-Papierl zu trennen: Das muss geglättet, archiviert und vergessen werden, erst dann kann Mutter es heimlich entsorgen. Oma sammelt bei jedem ihrer Besuche einzelne Kindersocken, verpackt sie sorgfältig in einem Sackerl und verräumt sie dann ordentlich an einem Ort, and dem ich sie durch Zufall wiederfinde, wenn sie den Kindern längst zu klein geworden sind oder ich die zweite Socke eben weggeschmissen  habe. Beziehungsweise taucht die zweite Socke mitunter Monate später in einem anderen, ebenfalls gut verstauten Sackerl auf.
Der hilfreiche Dr. A. rät mir zum Erwerb des Buches „Aufgeräumt“ von Terence Conran, aber ich zaudere noch: Ich bin mir nicht sicher, ob ich einem Mann, der Nippes-Enten entwirft und Stühle, deren Lehnen gegen den Rücken hin aufgerollt sind, vertrauen soll. Ich bezweifle, dass er die Schönheit einer perfekten Schachtel erkennt oder den Wert von 30 alten Espresso-Dosen, gefüllt mit Dingen, die man bestimmt demnächst braucht. Ich bringe jetzt einmal den Christbaum weg. Damit ist doch schon einiges geschafft.

6.01.09

Einfach weiterfahren

| 01/09 Kurier-Kolumne

Ein Mann liegt in der Silvesternacht mitten in Wien  auf der Straße. Mehrere Autos überfahren ihn, ohne dass einer ihrer Lenker stehen bleibt, aussteigt, nachsieht,  Rettung und die Polizei ruft. Sie fahren einfach weiter.
Ich versuche mir das vorzustellen: Dass man mit dem Auto unterwegs ist und etwas überfährt. Es ruckelt. Es rumpelt. Es knirscht. Auf der Quellenstraße in Favoriten, wo sowohl die Schlaglochdichte als auch das Aufkommen der von Waldrändern auf die Fahrbahn gewehte Äste relativ gering ist, könnte einem das eventuell bemerkenswert vorkommen. Wenn man in Wien etwas überfährt, ist das für gewöhnlich eine Straßenbahnschiene, und man weiß, wie sich das anfühlt.
Wenn jetzt ein Mensch auf der Fahrbahn liegt, hat der an seiner flachsten Stelle, am Hals, ungefähr eine Höhe von zehn Zentimetern. Überfährt der Reifen eines 1000 oder 2000 Kilo schweren Fahrzeugs den Hals eines liegenden Menschen, mag der Widerstand eventuell so gering sein, dass die Insassen das Knirschen und das Ruckeln, das dabei entstehen muss, überhören. Wenn man allerdings über die Hüfte, den Brustkorb, den Kopf eines Menschen fährt, muss das ungefähr so sein, wie wenn man auf eine Gehsteigkante rumpelt. Außer dass, anders als die Gehsteigkante, die Rippen, Hüft- und Schädelknochen unter dem Gewicht des Autos schließlich nachgeben. Lässt sich das ignorieren? Wie betrunken, wie stumpf, wie kaputt muss man sein, dass sich etwas derartigtes ignorieren lässt?
Und wie stumpf und kaputt muss man  sein, nach einem Unfall einen Verletzten vorsätzlich liegen zu lassen?  In der Silvesternacht ist es in Wien passiert. Nicht einmal. Vier Mal ist es passiert. Vier Mal.


4.01.09

Das Gute zuerst

| 01/09 Kurier-Kolumne

Leser-Feiertagserlebnisse: ein gutes zuerst: Die Stromstörung in einer Wohnanlage am Rosenhügel am heiligen Abend wurde  innerhalb einer halben Stunde behoben: Das gab Leser L., dort wohnhaft, den Glauben an die Wienstrom zurück. Er sagt: danke.
Auch Leserin T. wollte glauben, und zwar am 1. Jänner dem Schild an der Post am Fleischmarkt, dass hier an Feiertagen von 9 bis 22 Uhr geöffnet sei: Allein, eine verschlossene Tür hinderte sie daran. Unter der angegebenen Telefonnummer erklärte ihr ein Tonband, sie rufe außerhalb der Öffnungszeiten an. Das war ihr aber schon aufgefallen.
Die B.s fuhren samt Kind und Gepäck mit der Bahn nach St. Pölten und waren ihrer Fitness dankbar, die es ihnen erlaubte, im Laufschritt die Bahnhofsbaustelle zu queren und den zwei Minuten später abfahrenden Anschlusszug zu erreichen. Wäre ihr Zug drei Minuten verspätet gewesen, hätten sie zwei Stunden warten dürfen und ihre  Platzreservierungen eingebüßt, da die ÖBB Verspätungen unter fünf Minuten  nicht als solche betrachten.
Die Wiener Linien wiederum betrachten dünne Gegenstände nicht als Gegenstände: Leserin B.-B. hatte diesen besorgt gemailt, nachdem sich eine ULF-Tür der Linie 43 über dem Stab eines Luftballons widerstandslos geschlossen hatte. Die Anwort: „Ein derart dünnes Objekt (2-3 Millimeter), wie von Ihnen beschrieben, kann von den Sicherheitseinrichtungen nicht erkannt werden“. Was passiert, wenn eine dünne Jacke mit einem Mensch darin in einer Bim-Tür hängen bleibt?
Apropos Jacke, das Gebiss von Leser N.s Großonkel Karl  tauchte wieder auf: in der Jackentasche seines Sohnes, in der der Onkel es am heiligen Abend, nachdem er es für feste Nahrung nicht mehr brauchte, verstaut hatte. Darauf Prost.
2.01.09

Rächer der Raucher

| 01/09 Kurier-Kolumne

Heute ist der Tag. Jetzt ist die Stunde: die Stunde, in der sich die ersten denken, ob es wirklich so eine gute Idee war,  im neuen Jahr mit dem Rauchen aufzuhören. Es sind die ersten von Millionen von Minuten, die man ab jetzt ohne Zigarette überleben muss. Überleben will. (Bzw.: wollte, im momentanen Moment weiß man gerade nicht mehr, warum eigentlich. Doch:) Als Geschenk an die Gesundheit und an die Familie, als Wink an die  Lebenserwartung.
Erstens soll es ihnen gelingen. Zweitens hätten sie wesentlich mehr Unterstützung vom Gesetzgeber verdient. Drittens langte auch gestern wieder ein Newsletter der „Raucherbewegung“ ein, die Newsletter-Abmeldungen mit beeindruckender Konsequenz ignoriert und sich als letzter Rächer der Raucher versteht.
Das ist allerdings ein  Missverständnis, denn die effizienteste Raucher-Lobby war die geschiedene Regierung, die ein beinah rauchverbotsfreies Rauchergesetz verabschiedete, das so gut wie jede Forderung der „Raucherbewegung“ erfüllt: Es raucht praktisch ein jeder  weiter, wie und wo er will, niemand ist wirklich für die Kontrolle des bisserl Nichtraucherschutzes zuständig und die Übergangsfristen sind derart elastisch, dass sich im Moment des Inkrafttretens des Gesetzes eh noch niemand tatsächlich um dessen Befolgung kümmern muss.
Besser gesagt: soll. Es ist für Gastronomen vermutlich  klüger, sich erst Anfang des nächsten Jahres konkret  um die Umsetzung der Vorgaben zu scheren, denn erst Mitte des nächsten Jahres meint es das Gesetz wirklich ernst. Und wer weiß, was bis dahin noch alles passiert. Vielleicht glaubt ja die Welt der „Raucherbewegung“ endlich, dass Rauchen eigentlich keinem schadet.
1.01.09

Ein gutes, neues, dann!

| 01/09 Kurier-Kolumne

Noch ein paar letzte Wünsche fürs neue Jahr. Wir beginnen mit den Lesereinsendungen zum Thema „Das wäre besser ohne“. Es wünscht sich Herr K.: Seitenblicke ohne DJ Ötzi, Formel eins ohne Prüller, „Wetten dass...?“, ohne Heesters, bzw. Fernsehen ohne „Wetten dass...?“, sowie ein Silvester ohne Stadl, wofür es heuer schon zu spät ist.
Frau K. wünscht sich Sport ohne Doping. Leser F. Frühlinge und Herbste ohne Laubbläser, ein Wunsch, dem ich energie- und vernunftbilanztechnisch  einen weiteren anfüge: Winter ohne Schanigarten-Heizpilze, und überhaupt  ein generelles Laubbläser- und Heizpilzverbot.
Gewünscht wird weiters: ein Parlament ohne Rechtsradikale (was allerdings mit  Parlamentarieren, die ein Mitglied einer rechtsexremen Organisation selbstverständlich zum Nationalratspräsdidenten wählt, relativ schwer zu verwirklichen ist. Wir sind halt hier in Österreich.)
Weiters wünschen wir uns: Fernsehen ohne Topmodels, Karaokestars und Container-Deppen. Und bitte endlich einmal einen Österreich-„Tatort“ ohne Mitterer-Drehbuch voll absurder alpiner Sippen-Abschlachtungsrituale.
Wir wünschen uns, dass Bilder blutüberströmter Kleinkinder nicht mit Sätzen wie diesem kommentiert werden: „Nach dem gelungenen Überraschungseffekt mit seinen gezielten Luftangriffen....“ (Gestern in den Vorarlberger Nachrichten). Überhaupt wäre eine Welt ohne Kinder, die aus politischem Kalkül in ihrem eigenen Blut liegen, sehr viel besser, aber das ist sogar als Wunsch zu naiv, geschweige denn als Utopie.
Ich wünsche Ihnen, wo immer Sie sind, ein gutes Jahr 2009: Möge Ihr Maß an Sorgen überschaubar und Ihre Freude viel sein.
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