6.01.09

Einfach weiterfahren

Doris Knecht | 01/09 | Kurier-Kolumne

Ein Mann liegt in der Silvesternacht mitten in Wien  auf der Straße. Mehrere Autos überfahren ihn, ohne dass einer ihrer Lenker stehen bleibt, aussteigt, nachsieht,  Rettung und die Polizei ruft. Sie fahren einfach weiter.
Ich versuche mir das vorzustellen: Dass man mit dem Auto unterwegs ist und etwas überfährt. Es ruckelt. Es rumpelt. Es knirscht. Auf der Quellenstraße in Favoriten, wo sowohl die Schlaglochdichte als auch das Aufkommen der von Waldrändern auf die Fahrbahn gewehte Äste relativ gering ist, könnte einem das eventuell bemerkenswert vorkommen. Wenn man in Wien etwas überfährt, ist das für gewöhnlich eine Straßenbahnschiene, und man weiß, wie sich das anfühlt.
Wenn jetzt ein Mensch auf der Fahrbahn liegt, hat der an seiner flachsten Stelle, am Hals, ungefähr eine Höhe von zehn Zentimetern. Überfährt der Reifen eines 1000 oder 2000 Kilo schweren Fahrzeugs den Hals eines liegenden Menschen, mag der Widerstand eventuell so gering sein, dass die Insassen das Knirschen und das Ruckeln, das dabei entstehen muss, überhören. Wenn man allerdings über die Hüfte, den Brustkorb, den Kopf eines Menschen fährt, muss das ungefähr so sein, wie wenn man auf eine Gehsteigkante rumpelt. Außer dass, anders als die Gehsteigkante, die Rippen, Hüft- und Schädelknochen unter dem Gewicht des Autos schließlich nachgeben. Lässt sich das ignorieren? Wie betrunken, wie stumpf, wie kaputt muss man sein, dass sich etwas derartigtes ignorieren lässt?
Und wie stumpf und kaputt muss man  sein, nach einem Unfall einen Verletzten vorsätzlich liegen zu lassen?  In der Silvesternacht ist es in Wien passiert. Nicht einmal. Vier Mal ist es passiert. Vier Mal.


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