23.01.09

Es lebt sich eigentlich besser ohne

Doris Knecht | 01/09 | Kurier-Kolumne

Wie ich gestern so um vier herum nach Hause komme, sagt der Mann, dass übrigens das Internet nicht mehr funktioniert; er hat aber gar nichts gemacht.
Aha, aber ok, das ist ja kein Problem. Wahrscheinlich liegt es am Provider, meistens kommt das von selbst wieder. Außerdem ist es ganz gut so: Anstatt schon wieder meine eMails zu checken, bei ebay etwas Unnötiges zu ersteigern oder zu schauen, was Obama gerade macht,  räume ich jetzt endlich das Vorzimmer auf. Um 16.45 Uhr funktioniert das Internet immer noch nicht, ich rufe jetzt doch bei der Hotline an, wo mir ein Band sagt, ich müsse mit langen Wartezeiten rechnen, man sei überlastet. Liegt also wohl wirklich am Provider. Ich fange an zu kochen und rufe um 17.40 die Nachbarin an, ob eigentlich ihr Internet funktioniert. Tut es; um 18.10 läute ich bei der Nachbarin, um ein Ei zu schnorren, und könnte ich, wo ich schon da bin, einmal kurz ins Internet schauen.
Um 18.45 erkläre ich  meiner  Familie beim Abendessen, dass man eigentlich gar kein Internet braucht, das frisst doch nur Zeit und es lebt sich besser ohne.
Um 19.05 Uhr drücke ich ein bisschen am Modem herum; aus, ein, Neustart, nix. Um 19.15 Uhr rufe ich wieder die Hotline an,  immer noch überlastet. Zwischen 19.20 und 21.00 Uhr schau ich zwei, drei, höchstens 18 Mal, ob es schon wieder funktioniert.
Um 21.05 Uhr klappe ich mein Buch zu, rufe  noch einmal die Hotline an und mir wird geholfen: Ich bin wieder online. Ich finde in meiner Mailbox eine Nachricht eines Online-Casinos,  lese dann etwas über Obama, das ich schon im Radio gehört habe, erfahre im Facebook nichts Neues und schalte wieder aus. Ich kann nämlich irrsinnig gut ohne Internet leben, da sehen Sie,  überhaupt kein Problem.
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