Doris Knecht
| 01/09
| Beschwerden
| Falter-Kolumne
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Du kriegst nicht immer was du willst. Das hat, hier ist eine kleine Rückschau in die überwundene festliche Saison nötig, eins der Mimis unterm Christbaum bemerkt: Es saß vor einem Geschenkberg vom Ausmaß der Aiger Nordwand und heulte wie ein Iltis, denn das Christkind brachte ihm keine Stifte und keinen Teddy. Erklärungen, dass es 47 Kuscheltiere besitzt und Stifte jeweils in der Sekunde bekommt, in der es darum fragt, erwiesen sich als unfruchtbar. Das hat es extra auf den Wunschzettel geschrieben! Ja, möglich dass ich einen der 116 Wünsche auf den 44 Wunschzetteln nicht so ernst genommen habe. Fehler.
Immerhin kriegte auch seine Mutter nicht, was sie wollte, obwohl sie nur einen Wunsch immer wieder in ihren Wunschzettel hineingeschrieben hat: dass ihr Kolumnenbildnis weniger wie Cedric, 16 und mehr wie sie selbst aussehen möge. Aber der Falter heilte mich von meinem Irrglauben. Du glaubst noch ans Christkind? Hahaha. Ha. Jetzt nicht mehr.
Ich glaube aber auch nicht mehr daran, dass es einen Sinn hat, weitere höfliche Mails an den verantwortlichen Künstler, den Artdirektor und den Stv. Chefredakteur zu richten, da diese in jüngster Zeit die 100prozentige Tendenz zeigen, unbeantwortet zu bleiben. Auch die Idee, mich mit der Bitte, gemeinsam eine jeden begeisternde Lösung zu finden, freundschaftlich an den Chefredakteur und Herausgeber zu wenden, habe ich verworfen, seit ich den Chefredakteur und Herausgeber bei der Weihnachtsfeier nach langer Zeit wieder einmal traf und ein Gespräch begann, während welchem er die Lektüre der Zeitung nicht unterbrach.
Und jetzt glaube ich, ich will Cedric behalten. Denn je ohrenbetäubender das Schweigen wird, das meine Anfragen auslösen, desto weniger glaube ich, dass eine Kolumnenbildüberarbeitung zu meinen Gusten ausfallen würde. Erstens. Zweitens bin ich nun endlich in die Phase der Akzeptanz getreten: Nach den Phasen Ungläubligkeit, Realtiätsverweigerung, Wut und Trauer akzeptiere ich jetzt. Ich bin nun bereit, den unausgeschlafenen, extasyverkaterten kleinen Cedric da anzunehmen, ja: Cedric, ich nehme dich an. Denn drittens habe ich mich jetzt an den Kleinen gewöhnt. Was soll ich sagen, ich gewinne ihn lieb. Ich will, dass es ihm gut geht, ich will ihn beschützen. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn er nicht mehr in meiner Kolumne wohnt? Wird ihn jemand aufnehmen, ihm Obdach geben? Der Falter? Glaube ich noch ans Christkind? Eben. Und viertens habe ich in letzter Zeit angefangen, zu reagieren, wenn ich mit Cedric angesprochen werde, Cedric? Ja?, er geht mir allmählich ins Blut über, er wird ein Teil von mir, meine Nasolabialfalte passt sich der seinen schon an und solange er nicht mehr als 49 Prozent von mir fordert, ist es ok mit mir.
Deswegen muss ich die freundlichen Offerte von mehreren Künstlern, die sich meiner erbarmten und die Anfertigung neuer Kolumnenbildnisse anboten, leider ablehnen. Danke, sehr nett. Aber Cedric und ich, wir sind jetzt eins.