15.01.09

Wo kleine Kinder hingehören

Doris Knecht | 01/09 | Kurier-Kolumne

Weil wir gestern vom  Eis, von der Kälte, vom Frost sprachen: Thomas Bernhard beschreibt in seinem soeben erstmals publizierten Werk „Meine Preise“ an einer Stelle, wie er rund um den Satz „Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu“ eine Preisrede bastelt. („Meine Preis“ ist übrigens großartig. Boshaft, brilliant und brülllustig. So ein Unsympathler, dieser Bernhard und so ein Genie.) In seiner philosophischen Kälte-Betrachtung kann ich Bernhard allerdings, belegt durch einen  Blick auf dem Fenster, keineswegs Recht geben; wo es sehr kalt ist, ist es mitunter auch sehr nebelig, grauverschleiert und trüb.
Apropos Kälte und klarer Blick: Die jungen Zogajs sind wieder in Österreich. Und die jungen Zogajs mögen alles, komplett alles, komplett falsch gemacht haben. Aber das soll uns nicht den Blick darauf verstellen, dass zwei dieser Kinder acht und neun Jahre alt sind. Und dass es auf der Welt einen einzigen Ort gibt, an dem Kinder dieses Alters hingehören: zu ihrer Mutter. (Doch, ich denke auch immer wieder darüber nach, warum diese Mutter nicht zu ihren kleinen Kindern ist; weil sie sehr krank ist, offenbar.)
Und wenn es, was der Fall ist, möglich ist, diese verzweifelten kleinen Kinder jetzt zu ihrer Mutter zu bringen, ihnen nach ihrer Odyssee eine Kindheit nicht minus, sondern plus Liebe und Zuwendung zu ermöglichen: dann muss das geschehen, auch wenn ihr Weg zur Mutter unrechtmäßig  war. Alles andere wäre unmenschlich, revanchistisch, einer aufgeklärten Wohlstandsgesellschaft unwürdig. Es würde bedeuten: Wir erklären diese kleinen Kinder für schuldig und bestrafen sie mit einer unglücklichen Kindheit ohne Mutter. Oh  ja, das Recht haben wir: klar und klirrend kalt.
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