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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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27.02.09

Gleiche und Gleichere

| Comments (1) | 02/09 Kurier-Kolumne

Eine junge Roma-Familie wurde gestern mit Molotow-Cocktails aus ihrem Haus vertrieben, dann wurden der Vater und sein kleiner Sohn auf der Flucht erschossen. Das geschah gleich nebenan, im EU-Land Ungarn. Weiter südlich, im EU-Land Spanien, wurde gestern ein Mann, der gestanden hatte, ein Homosexuellen-Paar mit 57 Messerstichen getötet zu haben, von einem Geschworenen-Gericht freigesprochen.
Beide Fälle zeigen, was passiert, wenn  die Angst vor Fremdem und Anderem eskaliert und in Hass und Gewaltbereitschaft übergeht. Und wenn, wie in Ungarn, die Politik die Gewaltspirale nicht rechtzeitig unterbricht, sondern der Zuspitzung tatenlos zusieht. Und wenn, wie in Spanien, Gewalt gegenüber Anderslebenden nicht mehr nur stattfindet, sondern vom Gesetzgeber toleriert wird.
Auch in diesem Kontext ist das neue österreichische Bleiberecht diskutabel: Es verstärkt einerseits, das ist positiv, den Einfluss der Länder, andererseits geschieht das weitgehend auf Empfehlungsbasis, was dem persönliches Ermessen einzelner Entscheidungsträger viel Raum verschafft. Die Willkür-Tür ist offen; für die Betroffenen gibt es keine Rechtsicherheit.
Genau das ist bedenklich. Natürlich muss der Staat die Ängste seiner Bürger ernst nehmen, und die steigen in Zeiten von Krise und Arbeitsplatzverlust enorm. Aber auch deshalb darf er auf keinen Fall das Gefühl verstärken, dass Gleiche und Gleichere gebe, dass von allem Fremden eine Bedrohung ausgehe: Denn genau das schürt Ressentiments  und macht Fremde und Anderslebende zum  Sündenbock unkontrollierter Ängste und unkanalisierten Zorns. Ungarn ist gleich nebenan, und Spanien ist auch nicht weit.
25.02.09

Wo wir sind, ist oben

| 02/09 Kurier-Kolumne

Wenn ich unten bin, ist unten oben“, sagte einmal der deutsche Boxer René Weller, der einige Zeit im Gefängnis verbrachte, weil er irrtümlich einem Polizisten Kokain verkauft hatte. Und es ist gewiss ein Zufall, dass das Waldviertel ganz ähnlich beworben wird: „Wo wir sind, ist oben.“
Am Wochenende bin ich durch den Wald gefahren, der in Götz Spielmanns „Revanche“ immer wieder zu sehen ist: den hervorragenden österreichischen Film, der großteils im Waldviertel spielt und soeben doch keinen Oscar gewonnen hat. Einerseits: schade, denn es ist außerordentlich guter Film, und zwar auch dann, wenn man nicht gerade unmittelbar davor den Falco-Film gesehen hat. Andererseits: Jössas, Glück gehabt,  sonst drohte dem Waldviertel vielleicht noch das Schicksal der griechischen Insel Skopelos: Die wird von Touristen überrannt, seit dort der Abba-Slasher „Mamma mia!“ mit Meryl Streep und Pierce Brosnan gedreht wurde.
Allerdings würde das Waldviertel, und das macht seinen Charme aus, die Reisenden vermutlich etwas weniger euphorisch empfangen, schon auch gern, aber trotzdem grummelnd. Es liegt dort das Idyllische immer unmittelbar neben dem Hantigen, Unnahbaren; das Helle, Weite nah am Düsteren, Schroffen.
Vielleicht liegt es daran, dass das Waldviertel trotz seiner Nähe zur Großstadt seine archaische Natur und eine relative Ursprünglichkeit bewahrt hat. Das Waldviertel legt sich nicht, wie das Weinviertel, wie eine willige, trunkene, gut ausgeleuchtete Geliebte vor den Betrachter:  Es ziert sich wie störrische, unnahbare, introvertierte Schöne.
Wo das Waldviertel ist, ist eben oben. Und wer es erfahren will, muss sich schon hinaufmühen.
25.02.09

Kleiner Exkurs über die Würdelosigkeit

| 02/09 Falter-Kolumne

Stellen Sie sich eine erwachsene Frau vor, die morgens um acht ungeduscht und mit anthrazitgrauen Augenringen vor ihrer Wohnungstür sitzt. Mit der einen Hand drückt sie mit ungefähr 130 beats per minute auf die Klingel, mit der anderen raucht sie und haut periodisch den Ellenbogen gegen die Wohnungstür. Es macht einen Höllenlärm. Sie hört es, das ganze Haus hört es, die angrenzenden Teile des Nachbarhauses hören es, der Lange hört es nicht. Der Lange schläft.

Die Mimis haben den Langen in der Früh auf eine Weise vorgefunden, die ich jetzt nicht näher erläutern möchte; andererseits haben sie es in der Zwischenzeit verlässlich voller Begeisterung der ganzen Schule erzählt. Der Papaaa! Der Lange hat in der Nacht davor im Flex aufgelegt und deshalb die Lizenz zum Schlafen. Die Mutter, die sich um halb drei in der Früh im Rabenhof vom Direktor des Rabenhofs, vom Austrofred, von einem lebensfrohen Fotografen und von noch ein paarn, die auch auschlafen durften, verabschiedet hatte: nicht. Die Mutter ist nach ungerechten drei Stunden Heia aufgestanden, hat den Mimis und dem Babysitter Frühstück und eine ernährungswissenschaftlich wertvolle Jause gemacht, hat den Langen ins Bett geschimpft, die Mimis mit Anzieh-Befehlen terrorisiert, Zöpfe geflochten, Mitteilungshefte kontrolliert, das Zeug fürs Hort-Eislaufen am Nachmittag zusammengesucht und dann die Wohnung verlassen, um die Mimis pünktlich zur Schule zu bringen, mit dem Plan, danach um-ge-hend wieder das Bett aufzusuchen.

Leider habe ich vergessen, den Schlüssel vom Langen innen abzuziehen. Jetzt sitze ich vor der Tür und lerne, dass Türklingeln nur eine begrenzte Zeit klingeln, denn nach exakt einer halben Stunde Dauerklingeln stellt sie ihren Betrieb für immer ein. Ich trete weitere zehn Minuten gegen die Tür. Der Lange schläft wie ein Stein. Nein, der Lange schläft wie ein Toter. Nein, der Lange schläft wie zwei Tote. Er wacht auf, nachdem ich vor dem Haus von einem Fuß auf den anderen getreten und dabei meinen Finger weitere zehn Minuten auf der Hausglocke affichiert habe. Alle Nachbarn hassen mich. Ich würde mindestens eine Woche lang nicht mit dem Langen reden, wenn mir das Goschnhalten gegeben wäre.

Es ist natürlich würdelos. Aber wissen Sie, wir müssen so leben, wenigstens ein paar von uns. Man erwartet das von uns Kreativwirtschaftlern, das gehört zu unserem Jobprofil. Wir sind Stellvertreter, wir müssen, damit die sich noch besser fühlen, repräsentativ für den weniger aufreibend alternden Teil der Bevölkerung hin und wieder diesen würdelosen Twentysomethingslebenstilscheiß weitermachen, bis weit in die Fünfziger hinein. Wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, ziehen wir eh aufs Land, hüten Ziegen, werden wunderlich und fallen nicht mehr ungut auf. Aber sowas muss man sich verdienen; ja.
24.02.09

Da müssen wir jetzt durch

| 02/09 Kurier-Kolumne

Kaum schneit’s  einmal richtig und richtig ausgiebig, jammern alle über den Schnee. Es soll aufhören! Es soll tauen!  Es soll  Frühling werden! Es soll wieder warm sein! Es sollen endlich Krokusse sprießen! Solcherlei!
Gut, es spricht einiges dafür, dass es  endlich Frühling werde, vor allem ökonomisches: Heizkosten, Stromkosten, Therapiekosten, weil die Winterdepression jetzt schon ziemlich viele in ihrer Gewalt hat. Andererseits: Wann hatten wir zuletzt einen derart vorbildlichen, flächendeckenden Winter? In alpinen Hochlagen, ja, das ist leicht, aber in der Hauptstadt? Letztes Jahr hatte es in Wien genau einmal genug Schnee zum Rodeln. Vielleicht zweimal.
Wann lag in Wien der Schnee zuletzt mehr als zwei Stunden auf den Gehsteigen, bevor er sich in knietiefen Matsch verwandelte? Wann krallte er sich  tagelang watteweich an die Äste, anstatt uns sofort hinterfotzig in den Kragen zu tropfen? Eben.
Aber es hat nun einmal Tradition, die jeweils folgende Jahreszeit herbeizusehnen, je mehr die aktuelle genau das tut, was man in der vorhergehenden herbeisehnte. Wir wollen  Schnee, wenn’s keinen gibt. Gibt’s Schnee, wollen wir blühende Kirschbäume. Dabei bietet die aktuelle Klima- Situation Glücksmomente, nach denen wir in warmen Saisonen lange suchen müssen. Zum Beispiel, wenn das Eis die Autotür endlich freigibt. Zum Beispiel, wenn ein drei Monate unbeheiztes Haus endlich warm wird (nach etwa 18 Stunden heizen). Zum Beispiel, wenn das Kältekribbeln in den  Fingern überrachend nachlässt.
Also: Let there be Snow. Jetzt noch. Danach soll der Lenz herbeieilen, mit lauer Luft und sprießenden Himmelschlüsseln und Sonne in den Herzen; das ganze schöne Frühlingspipapo.

20.02.09

Jo, mir san mim Radl do.

| 02/09 Kurier-Kolumne

14 Gründe, jetzt  in Wien mit dem Rad zu fahren:
1) Das Auto wurde von den Schneeräumern der MA 48  in einem vereisten Schneehaufen  vergraben.
2) Das Auto wurde nicht vergraben, aber Sie haben, wie immer,  keinen Eiskratzer im Handschuhfach. Im Kofferraum auch nicht.
3) Weil es vielen so geht, fahren mehr als sonst mit den Öffis: Praktisch alle Busse, Bims und U-Bahnen sind komplett überfüllt.
4) Die überfüllten Öffis sind beheizt; man schwitzt wie blöd im Wintergewand.
5) Die Öffi-Heizungen überhitzen nicht nur die Menschen, sondern trocknen auch die nassen Mäntel, welche zum Dank betörende Gerüche verströmen.
6) Weil die meisten jener Wiener, deren Auto von der MA 48 nicht eingegraben wurde, bei Schneelage, sagen wir, weniger gute Autofahrer sind als ohne Schnee, stehen nicht nur Autos, sondern auch Bims und Busse im Stau: Was die Wartezeiten erheblich verlängert. Schlotter.
7) Angeschneit wird man  auch als Fußgänger.
8) Jene 0,8 Prozent der Verkehrsteilnehmer, die einen nicht für wo angrennt halten, weil man mit dem Rad unterwegs ist, finden einen heldenhaft.
9) Die meisten Fahrrad-streifen wurden heuer von der MA 48 geräumt.
10) Die Fahrradwege sind derzeit nicht überbevölkert.
11) Frieren tut man sowieso; beim Radfahren wird einem aber bald warm. (Merke: Wien ist bergig.)
12) Man kommt, wo auch immer, ausgelüftet und erfrischt an, die Lunge nicht voller stinkiger, verbrauchter, sondern frischer Luft.
13) Man hat nicht die Zeit, nicht mit dem Rad zu fahren.
14) Man kann schönere Schuhe anziehen, weil man nicht durch Gatsch plantschen und auf Eis schlittern muss. Und allein dieser Grund zählt für zehn.
 
19.02.09

Sie tun es, weil man sie lässt

| 02/09 Kurier-Kolumne

Als die Tochter von Frau Dr. W. vorgestern nach Hause kam, war sie schwer geschockt. Die 18-jährige war zu Mittag mit der U3 Richtung von der Johnstraße Richtung Stephansplatz gefahren, und in der U-Bahn von einer Horde Teenagerinnen mit Migrationshintergrund (Frau W. schreibt dazu: „Das nur der Vollständigkeit halber, inländische bringen das sicher auch fertig“) massiv belästigt worden. Unter anderem hatten die Gfraster versucht, ihr die Haare anzuzünden. Schlimm genug. Noch schlimmer: Keiner der anderen Passagiere reagierte, tat etwas, sagte etwas, unternahm etwas. Der Vorfall sei schweigend ignoriert worden, ein Mann habe sogar eigens seine Kopfhörer aufgesetzt, um von dem Geschrei nicht belästigt zu werden. Das hatte zwei Dinge zur Folge: Erstens flüchtete das Mädchen aus der U–Bahn und zur Polizei, wo man sehr nett zu ihr gewesen sei und ihr geraten habe, nächstes Mal die moderne Technik zu nutzen und den Polizeinotruf 133 anzuwählen. Das sollte, meint Frau W., bitte unbedingt erwähnt werden, denn auf die Unterstützung der Mitfahrenden sollte man sich auf keinen Fall verlassen. Weshalb Frau W. ihre Tochter, zweitens, nun mit einem Pfefferspray ausgestattet hat. Dazu ist noch etwas zu sagen. Dass Jugendbanden wie diese Passanten und Passagiere belästigen, hat viele Gründe, von denen die meisten mit juveniler Blödheit, pubertärer Rebellion, Unerzogenheit und Langeweile zu tun haben. Aber es gibt noch einen: Sie tun es, weil man sie lässt. Niemand soll sich durch riskante Selbstüberschätzung selbst gefährden: Aber wenn Jugendliche einer Jugendlichen mitten in einer Wiener U-Bahn die Haare anzünden, sollte das Publikum einen Eingreifimpuls fühlen; sonst ist etwas faul.
17.02.09

Alter Sack spricht zur Jugend

| 02/09 Falter-Kolumne

Der Protestsongcontest manövrierte mich letzte Woche in einen Generationskonflikt hinein, und noch nie war es so definitiv: ich stehe jetzt auf der anderen Seite. Ich stehe jetzt bei den alten Säcken, die Jugendkultur nicht verstehen und Jugendkultur verhindern und sich deshalb bitte nicht über Jugendkultur äußern sollen. Auf keinen Fall sollten alte Säcke wie ich in der Jury des Protestsongcontests sitzen. Was hat die da verloren, lese ich bei den Postings (Postings lesen: immer ein Fehler) auf der FM4-Website.

Zum Beispiel: Alte Säcke wie ich haben ihn erfunden. Ohne uns alten Säcke gäbs den Protestsongcontest gar nicht, so ist es nämlich, und ihr kleinen Scheißer könntet nicht im Publikum stehen und uns ausbuhen, weil unsere Altesackheit so krass nervt, und euch danach darüber ausheulen, dass alte Säcke gewonnen haben. Woran ich übrigens völlig unschuldig bin, weil ich meine neun Punkte an die tüchtig jungen Squishy Squid gegeben habe. (Und nirgends steht, dass der PSC ein Kiddy-Kontest mit anderen Mitteln sei. Oder? Nein.)

Natürlich hat es überhaupt keinen Sinn, in dieser Kolumne Botschaften an die Jugend zu richten, weil die Falter-Kolumnen sowieso nicht liest. Um ein Uhr früh stand ich vor dem Rabenhof auf der Straße und wartete auf ein Taxi, schnorrten mich drei Zwanzigetwasse um Tschik an. Und ich war, ich sage es ungern, in der Position, ihrem Wunsch zu entsprechen; aber gerne, wo ihr mich doch vorher so nett ausgebuht habt. Oh, na, sagte der junge Herr, das sei er nicht gewesen, das war sein Bruder, könnten sie vielleicht zwei haben? Aber klar. Man begehrte zu wissen, was ich denn so mache, normalerweise? Ich sagte wahrheitsgemäß, ich schrübe Kolumnen. Wo denn? Kurier und Falter. Kannten sie nicht, aber eine der jungen Frauen meinte, Kolumnen, aha, dazu müsse sie sagen, wir fladerten ja doch nur ihre Ideen, also die der Jungen. Sie trug dazu eine putzige Brille aus den 1970er Jahren.

Aha. So also. Unablässig wird einem vorgeworfen, man verspießere, das sei, gerade angesichts dessen, wie man früher einmal gewesen sei, richtig gruselig, dieses aggressive Verspießern jetzt. Aber kaum tut man es einen Abend lang nicht, ist es auch nicht recht. Gar nicht recht ist es. Einmischung ist es, feindliche Übernahme von Ideen, die uns nichts mehr angehen. Geht’s heim, Greise, haltet euch raus.

Ich habe eine eigene Idee: Machts euch euren Protestsongcontest doch selber, in eurem eigenen, selbsteroberten altesäckefreien Jungemenschenlokal und überträgts ihn in eurem eigenen Radio. Derlei haben wir alten Säcke in eurem Alter gemacht, aber das braucht euch nicht zu interessieren. Uns ists eh wurscht, wir sind mit dem Verspießern hübsch ausgelastet und mit der Aufzucht jener Generation, die euch den alten Sack überstülpen wird, lange bevor ihr mit dem Jungsein auch nur annähernd fertig seid. Huachts zua: das ist bälder, als ihr denkt.
15.02.09

Schöner jahreszeiten

| 02/09 Kurier-Kolumne

Welches Datum haben wir heute? Den 14. Februar, richtig. (Valentinstag; verschone mich.) Ich war gestern in einem Wiener Supermarkt und stolperte beinahe über einen Ständer voller bunt bemalter Ostereier in allen Farben des Regenbogens. Der Ostersonntag, Damen und Herren, der Tag, an dem Ostereier versteckt und gepeckt werden , fällt heuer auf den 12. April. Ich habe mir die  Zu-verbrauchen-bis-Daten auf den Ostereiern angesehen: Die einen laufen am 20., die andern schon am 10. März ab, also Wochen vor Ostern. Es gibt natürlich auch schon Osterhasen in allen Größen und Aggregatszuständen, Gelee-Eier, süße Küken, alles da.
Dafür war der Ständer mit den Faschingsutensilien bereits so gut wie leer gekauft, logisch, der Fasching hat ja fast schon angefangen. Ein bisschen Konfetti war noch zu kriegen und ein paar Luftschlangen; immerhin. (Es gibt aber ersatzweise frische Him- und Brombeeren, wie es die Jahreszeit gebietet. Und bitte: Man hatte noch Blumensträuße für den Valentinstag im Angebot; das müsste nicht sein.)
Natürlich hängt das mit dem grassierenden  Deko-Wahn zusammen, in den das Schöner-Wohnen-Fernsehen unterkuschelte Allzunormalmenschen getrieben hat.  Häuser und Wohnungen haben heutzutage flächendeckend mit  diversem Tralala aufgehübscht zu werden, wobei alleräußerster Bedacht auf den Jahreskreis gelegt werden muss. Jetzt also: Ostern.
Wo bleibt bei all dem eigentlich der Hausverstand? Ich höre und sehe ihn nicht... Der hängt wahrscheinlich gerade in seinem Garten die Lampions auf, wirft schon einmal den Griller an und schneidet frische Erdbeeren in die Bowle: fürs große Sommerfest.
13.02.09

Opernball mit Austrofred

| 02/09 Kurier-Kolumne

Meinereins unterhält sich bestens bei „Learning English with Austrofred“ im Rabenhof, andere gehen zum Opernball. Richard Lugner tut beides: Er geht, angestiftet von ATV, zur Austrofred-Premiere in den Rabenhof, um vom Austrofred a little better English foa se Opernball zu lernen. Selbstverständlich drängt er sich – er ist Lugner – vor, als der Austrofred einen Freiwilligen für eine Spezialaufgabe auf der Bühne sucht, ist dann aber eh ganz lustig.
Natürlich kenne ich, wie alle Österreicher, den Opernball ganz genau und, wie fast alle Österreicher, nur aus dem Fernsehen. Was genügt: Fürs Fernsehen ist er ja gemacht, um denen, die nicht hinkönnen oder hinwollen zu zeige, was sie versäumen oder sich ersparen. Offenbar werden dort in den Logen auch wichtige Geschäfte angebahnt und gemacht,   aber das ist meinereiner einerlei, da von eher geringem Unterhaltungswert. Im Unterschied zum Rest: Promis, Kleider, Schneider, Haider.
Leider Haider; denn Alfons Haider fügt sich fast zu harmonisch in das extraordinäre Psychogramm ein, dass sich da alljährlich auf dem TV-Schirm zusammenpixelt, ein wenig Konterkariertheit tät fein konvenieren. Der Austrofred (anschauen auf youtube!) hat im Rabenhof gesagt, er übernähme die Opernball-Moderation übrigens um die halbe Haider-Gage, und ich finde, darüber sollte der ORF unbedingt nachdenken. Da würden zwei denkbar unterschiedliche Unterhaltungstechniken aufeinanderprallen, das würde einen notwendigen gesellschaftlichen und kulturellen Ausgleich schaffen. Wenn der Austrofred Holender, Treichl-Stürgkh oder UHBP interviewt, erfährt man zudem verlässlich Neues. Und den Lugner kennt er jetzt ja eh schon.

12.02.09

Es wäre eigentlich ganz einfach

| 02/09 Kurier-Kolumne

Am Sonntag bin ich –weil wir gestern von  Information auf und über Lebensmittel sprachen –  wieder einmal in eine Jamie-Oliver-Sendung gestolpert, „Jamie at home“. Da stiefelt Oliverdurch seinen Garten in Essex, reißt Gemüse und Kräuter  aus und schiebt das mit Fisch oder Fleisch oder gar nichts in  Öfen. Und wie jedes Mal war ich hingerissen von Oliver.
Der hat so eine klare, unbeirrbare, durch und durch überzeugende Vorstellung davon, was zu tun (und zu kochen) ist: Egal, ob er in einem Londoner Loft werkt oder in britischen Schulküchen oder mit Jugendlichen in seinem Restaurant oder in seinem Garten: Er will und macht es richtig. Und er sagt: Es ist ganz einfach, die Information ist da, wir müssen sie nur anwenden.  Die Idee ist simpel: Meistens ist das Einfache, das Pure, das Frische, das Unverfälschte, das Naheliegende, das Ehrliche auch das Richtige.   Oliver zeigt, wie man das erkennt und was man damit macht.
Ganz einfach. Ganz einfache Hilfsmittel; ein  Ofen, alte Töpfe. Einfache, für alle verfügbare Lebensmittel: Erdäpfel,  Fleisch, Grünzeug, das gerade wächst.
Im Hinterkopf immer: Wenn es viele Möglichkeiten gibt, ist die einfachste oft die beste.  Sehen lernen. Schmecken lernen. Essen lernen. Selber machen. Wenn das Angebot unübersichtlich ist, das Pure, das Gute wählen.
Hier brüllen Kritiker stets: Gut ist teuer! Kann sich das sog. Kaloriat eben nicht leisten!   Blödsinn. Es kostet 1 kg Bio-Erdäpfel: 1,86 Euro.  1 kg Tiefkühl-Pommes:  2,92 Euro. 1 kg Billig-Chips: 3,60 Euro. 1 kg Biokarotten: 1,98 Euro.  1 kg Tiefkühlpizza: ca. 7 Euro. 1 kg Bio-Henderl: 7,99, 1 kg McChicken ca. 15 Euro.
Es wäre ganz einfach; sehen und wollen und tun muss man es halt.
11.02.09

Überraschung: Zucker!

| 02/09 Kurier-Kolumne

Das soll kommen: Ampelkennzeichnung auf Lebensmitteln. Einfache Sache, nicht schlecht überlegt, man sieht mit einem Blick, wieviel vom Ungesunden jeweils drin ist. Fett rot, Zucker rot = ungesund; so. Das soll kommen, das fordern Konsumentenschützer, z. B. die Plattform „Foodwatch“ schon länger.
Ok, aber: Was wurde eigentlich aus der schönen Tugend Selbstverantwortung? Aus selber lesen und selber denken? Und selber gneißen? Das Jogurt ist süß: Überraschung, da ist ja Zucker drin! Und, da schau her, die Chips enthalten Fett, na sowas. Entschuldigung, aber das weiß man, und wenn man es nicht genau weiß, kann man es mittels kurzer Lektüre der Inhaltsstoffe leicht recherchieren.
Diejenigen, die es dringend wissen sollten, aber nicht wissen wollen, werden auch fette rote, gelbe und grüne Balken aggressiv ignorieren. Und die fiese Lebensmittelindustrie für die zunehmende Verfettung der Bevölkerung verantwortlich zu machen, ist zu einfach.
Oder: sehr amerikanisch, und genau auf solche Verhältnisse steuern wir mit den Balken zu. In den USA ist jedes Konsumgut mit Warnungen vollgedruckt: An Feuer kann man sich verbrennen, an Messern schneiden und Katzen und Kinder darf man nicht in Waschmaschinen und Wäschetrockner stecken. Ist bei Leuten, denen man derlei erklären muss, nicht schon viel früher viel versäumt worden? Und müsste eine Vernunft-Gesellschaft nicht auch beim essen und schlecht essen da ansetzen – viel, viel früher?
Erstens von den Eltern, zweitens in der Schule sollten Kinder lernen:  kochen, Ernährungskunde, viel Bewegung, Eigenverantwortung. Dann kann man sich rote Balken sparen.

 

 

10.02.09

Die Bekehrung der Bekehrten

| 02/09 Falter-Kolumne

Neuer Plan. Die Mimis kriegen den Nintendo DS jetzt nicht mit acht oder zehn oder nie, sondern zum siebenten Geburtstag. Das beruht keineswegs auf innerer Überzeugung oder neugewonnener Einsicht, sondern ich weiche dem Druck all der anderen, vollkommen verantwortungslosen Eltern, die ihren Kindern längst Nintendo Dses gekauft haben und die jetzt meinen Kindern mit den Benefizien mehr oder weniger verkofferter Computerspiele das Hirn nachhaltig verbrennen. Wochenlang habe ich nichts anderes gehört als Nintendo DS, Nintendo DS und Mario Kart und Pokemonfürnintendo, und dass es übrigens auch ein Jamie-Oliver-Kochkurs-Spiel gebe, das sei ja wohl überhaupt nicht deppert, den ganzen Scheiß, wochenlang, und das gebe es jetzt auch in rot, so schön!, und kriege ich dann auch eins, vielleicht mit acht?, zum Geburtstag?, kriege ich?, kriege ich?, bittebittebittebittebittebitte!, und jetzt kann ich einfach nicht mehr. Der Lange auch nicht. Man wird es zeitlich beschränken. Sie dürfen aber nicht jeden Tag. Zwei Spiele pro Kind, und aus. Und für die Fahrten ins Waldviertel ist es sicher ganz praktisch. Undundund. So weichgedögelt sind wir, dass wir uns jetzt schon Gründe überlegen, warum das Klumpert auch noch gut sein sein soll, und in Wirklichkeit sind wir einfach alt und haben die Nerven nicht mehr. (Soviel dazu, dass man das Richtige tun muss: meistens sagen einem jetzt die Sechsjährigen, was richtig ist, so lange und hochfrequent, dass mans schließlich glaubt.)

Apropos richtig, falsch und ins Hirn einigedingst: Als Folge der Folge der Folge von war es am Sonntag notwendig, wieder einmal mit der Nikotin-Entwöhnung zu beginnen. Ist es nicht schön, wenn die schlimmsten Eiferer, die eiferndsten Bekehrten wieder Gefallen an ihren alten Lastern finden? Was heißt: wieder so voll hineinkippen, dass schon nach wenigen Wochen erneut ein Entzug notwendig wird. Nach mehreren schlaflosen Nächten, in denen mich verzweifelte, echoverzerrte Kinderstimmmen („Davon wird man touhouhout!“) peinigten und ich mir ein Lungenkarzinom in seiner ganzen, grausigen Schönheit imaginierte, besorgte ich mir Nikotinkaugummi, Geschmacksrichtung Freshmint. Die armen Mimis die davon nicht einmal etwas ahnen, weil ihnen Mutter ihren Rückfall in die Sucht aus Moralpredigtvermeidungsgründen („Davon wird man toooooot!!!!“) verheimlichte, werden nun ein paar Tage lang übel angegrantelt werden. Der Lange auch, aber da triffts wenigstens keinen Falschen.

Der Lange raucht heimlich auch schon längst wieder, besitzt aber offenbar ein Suchtkontrollgen, das es ihm erlaubt, zwischendurch jeweils tagelang ohne Zigarette überleben zu können. Dieses Gen fehlt mir, wie ich nach sieben Jahren totaler Nikotinfreiheit, die auf zwanzig Jahre totale Nikotinsucht gefolgt waren, erneut erfahren durfte. Und Sie werden gleich die Folgen davon kennenlernen, wenn Sie mir jetzt also bitte lieber aus dem Weg gingerten, ich bin gerade gar nicht gut drauf.
10.02.09

Nutella hat jetzt was mit Teflon

| Comments (2) | 02/09 Kurier-Kolumne

Dieser Tage habe ich gelesen, dass Menschen existieren, die ihre Tochter ernsthaft „Godzilla“ oder „Metallica“ nennen wollten. Was ihnen am Standesamt verwehrt wurde. Nicht glauben kann ich, dass Familie Grube ihre Tochter tatsächlich mit dem Namen Claire zu stigmatisiere beabsichtigte: das ist ja, als würde man Kinder allein zu dem Zweck in die Welt setzen, dass sie in der Schule beizeiten verspottet und fertigemacht werden. Vielleicht wollen ihre Eltern sie auch mittels kummeranziehenden Namen für das kapitalistische Haifischbecken fit machen; man weiß nicht, was in den Köpfen der Leute vor sich geht. Oder ob überhaupt.
Freunde, die in einer englischen Kleinstadt leben, haben im Freundeskreis ihrer Tochter eine Chardonay, so geschrieben, sie haben es mir extra buchstabiert. Daneben stehen in meinen Notizbuch die Namen Benson und Hedges, und ich glaube mich zu erinnern, dass dabei von real existierenden, menschlichen Zwillingen die Rede war, bin mir aber nicht ganz sicher. Aber wundern würde es einen kein Alzerl.
Speziell nicht, wenn man einmal in Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ hineingewundert hat, weil man dabei feststellen kann, dass unter Jugendlichen etwas derartiges wie ein gewöhnlicher Vorname überhaupt nicht mehr existiert. Wahrscheinlich trifft es also gar nicht mehr zu, dass Maresi, Nutella oder Teflon in der Schule gehänselt werden, wahrscheinlich sind es bald die Carolines und Tobiasse, die Sebastians und Julias mit ihren Spießernamen, die von Ahab, Ciera, Campari, Crystal, Dynelle, Evian, Janyia, Misty, Lennox, Lexus und Phaeton im Schulhof zur Sau gemacht werden. Man weiß gar nicht mehr, was richtig ist.
8.02.09

Weiter an den Rand

| 02/09 Kurier-Kolumne

Die  Frage lautet: Warum? Warum nimmt der Papst die Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson zurück? Und jene des von Johannes Paul II  aus der katholischen Kirche verwiesenen Marcel Lefebvre?  Warum beleidigt der Papst nicht nur die Juden, sondern jede Katholikin, jeden Katholiken mit einem Funken Anstand im Leib? Warum will er, dass   sich immer mehr überlegen, ob es  mit ihrem Gewissen vereinbar ist,  Angehöriger einer Glaubensgemeinschaft zu sein, in der nicht nur radikal fundamentalistisches Denken, sondern auch die Leugnung der NS-Gräueltaten toleriert und die Leugner geschützt werden?
 Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärte in einem TV-Interview,  man wolle  die Anhänger  Lefebvres wieder in die Kirche integrieren. Indem man damit andere Gläubige vertreibt?  Das dürfte sich nicht  rechnen. Allein in Linz, der KURIER berichtete, sind in den letzten Tagen über 50 Gläubige als direkte Reaktion auf den neuen,  ultrakonservativen Bischof und auf den Williamson-Eklat aus der Kirche ausgetreten: Wieviele Lefebvristen und andere Reaktionäre bekommt die Kirche dafür? Und: Wohin will sie die Kirche mit ihnen führen? Weiter an den Rand der gesellschaftlichen Realität. Und darüber hinaus.
Es gibt in der katholischen Kirche so viele wirklich gute, anständige Menschen, die aus ihrem Glauben heraus und aus Überzeugung großartige, sinnvolle Arbeit tun. Das Problem: Sie haben nichts zu sagen, ihre immer verzweifelter vorgebrachten Wünsche und Sorgen werden von höchster Stelle offensiv ignoriert. Man braucht sich nicht wundern, dass viele zum Mittel des Austritts greifen, als einzige Sprache, die der Vatikan versteht. Falls überhaupt.
6.02.09

Im Osten: Regenschauer

| 02/09 Kurier-Kolumne

Der Plan war so: Wir fahren in den Ferien nicht weg. Wir bleiben in Wien. Wir schonen die Umwelt durch den Verzicht auf Anreise ins Schigebiet, und wegen uns braucht man nicht die Alpen mit Liftanlagen zu dekorieren, wir finden sie auch so schön. (Vor allem: Wir fahren nicht gern Ski.)  Ersatzweise, so der Plan, gehen wir eislaufen, schwimmen und auf den Wilhelminenberg rodeln, und  unterstützen die heimische Wirtschaft durch den Verzehr  von vorzüglichen, in Austria gewachsenen und produzierten Lebensmitteln, auch flüssigen.
Das war der Plan. Und nur das letzte blieb davon übrig, weil schauen Sie einmal zum Fenster hinaus. (Nein, nicht Sie im Schigebiet,  sondern Sie, der Sie auch in Wien hocken): Wir sehen nämlich was? Schaurigen Regen sehen wir. Eine graue Wolkendecke sehen wir, hundert Tuchenten dick.
Als zusätzliche Prüfungsverschärfung wurde eins der Kinder krank und bleibt es (soviel zum Schwimmen) seit   nunmehr sechs Tagen, und statt eiszulaufen saß es mit seinem Vater zwei Stunden im Wartebereich des AKH, um sicherzugehen, dass es nicht doch etwa eine Angina hat. (Die Hausärztin urlaubt in einem Schigebiet oder sonstwo, wo die Sonne strahlend von einem verrückt blauen Himmel blitzt). Immerhin: Ich war derweil mit dem anderen Kind am Rathausplatz, Kufenrunden drehen, was trotz der Wolkentuchent ganz nett war.
Heute ist daran nicht zu denken. Heute liegen wir alle im Bett und lesen, arbeiten, spielen Mensch-ärgere-dich-nicht, schauen „Wickie“ oder, mammamia!, zum achten Mal „Mamma mia“. Wenn’s dunkelt, wird gekocht und ein Glas Wein eingeschenkt... So betrachtet: perfekt eigentlich. Wir sehen draußen was? Regen, herrlichen Regen.
5.02.09

Lernen von Hillary

| 02/09 Kurier-Kolumne

Zur Zeit lohnt es sich ein bissl nach Amerika hinüber zu schauen; man hat dabei wieder öfter Grund zur  Freude. Zum Beispiel wurde eben Hillary Clinton als Außenministerin angelobt, und von Clinton werden wir jetzt doch schon länger begleitet.
Wir konnten ihr ziemlich lange bei ziemlich vielem zusehen, einiges davon sehr lehrreich, selbst wenn die meisten Aspekte der Hillary-Biografie den eigenen Erfahrungsbereich eher nie tangieren würden.
Manches aber doch. Wie ist man First Lady? Wie ist man die Frau eines Alphatiers? Wie macht man sein eigenes Ding, wenn man mit dem wichtigsten Mann der Welt verheiratet ist? Wie macht man sein eigenes Ding? Wie verschafft man sich Respekt?
Wie verhält man sich, wenn man betrogen wird? Wie verhält man, wenn man in aller Öffentlichkeit betrogen wird? Wie ist man Senatorin? Wie ist man Präsidentschaftskandidatin? Wie lacht man?  Wie ehrgeizig darf man als Frau sein? Wie steckt man Rückschläge ein? Wie macht man trotzdem weiter? Lohnt es sich, festzuhalten? Wie ist man treu, ohne sich selbst zu verlieren? Wie ist man hart und weich zugleich?  Was darf eine Frau?
Clinton erlaubte uns Frauen stets, unsere eigene Idee vom Frausein an einer berühmten Vorlage zu messen und etwas von ihr auf die eigene Biografie umzulegen, uns ein wenig von ihrem Mut, ihrem Dürfen-wollen und Dürfen-dürfen anzueignen: Ähnlich wie bei Madonna, nur dass das, was Hillary machte und war, immer   konkreter, politischer, relevanter war.
Und ist. Und sein wird. Es ist gut, dass wir ihr auch weiterhin dabei zusehen können, wie man eine Frau ist: Eine starke, ehrgeizige Frau, die erfolgreich ihren Weg geht und sich nicht unterkriegen lässt.
4.02.09

Nicht da entlang!

| 02/09 Kurier-Kolumne

Auch für die folgende Geschichte gilt einerseits: Sollen bitte keine schlimmeren Probleme über uns kommen. Andererseits geht es um etwas Prinzipielles, also darum, dass Waren, Lebensmittel, Dienstleistungen ständig minderwertiger werden. Und diesfalls auch immer teurer. Diesmal: Taxifahren in Wien.
Donnerstag und Freitag Nacht hielten wir je ein Taxi auf, nannten eine  Adresse innerhalb des Gürtels, für die man kein Pfadfinder zu sein braucht, und brachen dann während beider Fahrten wiederholt in Nicht-da!-Gebrüll aus: Beim ersten Mal, um den Taxifahrer daran zu hindern, das genannte Ziel noch weiter schneckenförmig zu umfahren. Beim zweiten Mal    , um ihn davon abzuhalten, insgesamt dreimal nicht einfach falsch, sondern in die jeweils  entgegengesetzte Richtung abzubiegen. Am Ende beschwerte sich der Mann, dass eine Tür zu fest zugeworfen worden sei.
Wie gesagt: ein minderschweres Problem. Aber eins, das nervt: Weil man für eine Dienstleistung bezahlt, die man nur teilweise bekommt.  Man wird zwar gefahren, aber wenn man nicht selbst exakt dirigieren kann, wohin, ist man angeschmiert. Mitunter gewiss auch mit Absicht: Weil je länger die Fahrt, desto Extra-Nedsch.
Das muss man sich beim Friseur vorstellen: Dass man dem ganz genau erklären muss, wie er mit welcher Schere zu schneiden hat. Oder dass man mit der Kellnerin in die Küche  gehen muss, um ihr genau zu zeigen, was man gerne hätte. Oder dass man den Mist halt selbst ins Mistauto kübelt.
Eh. Es gibt bessere und besser bezahlte Berufe als Taxifahrer. Dennoch sollte man ein gewisses Maß an Ortskenntnis voraussetzen  dürfen. Oder: Es wird einfach auch das Taxifahren schlechter. Wie so vieles.
 
3.02.09

Sag ich nicht, aber es wird dir gefallen

| 02/09 Falter-Kolumne

Wie ich aus dem Bett gehüpft bin, hat es mich gleich längelang auf die Gosche gehauen und ich habe mir das Knie aufgeschlagen. Was erstens daran lag, dass ich mir tags zuvor schön die Füße geraspelt hatte, und jetzt babypopschzarte Füße plus glatter Parkett, gemma. Zweitens war eiliges Eingreifen von nöten, ich musste nämlich sehr schnell um die Bett-Ecke und aus dem Schlafzimmer bohren und das Schlimmste verhindern, weil ich gerade gehört hatte, wie der Lange dem einen Mimi sagte, na gut, wenn es denn so gar nicht mag, braucht es nicht in die Schule zu gehen. Das Mimi war fast die ganze Woche krank und erst einen Tag wieder in der Schule gewesen und hatte festgestellt, dass es, obwohl Schule nicht schlecht, wesentlich mehr Spaß macht, den ganzen Tag im Bett zu liegen und Filme anzuschauen. Nun war das zweite Mimi, das die ganze Woche in der Schule gewesen war, abends zuvor auch krank geworden, und würde nun, um Mutter die Erwerbsarbeit zu ermöglichen, den ganzen Tag im Bett liegen und Filme schauen müssen. Da fand das erste Mimi, es sollte das Herz seines Vaters mit ein wenig bitterlichem Geschluchze erweichen, was gelang. Leider rechnete es nicht mit dem leichten Sieben-Uhr-Früh-Schlaf seiner Mutter.

Hatte es auch keinen Grund dazu. Schließlich hatte sich die Mutter abends zuvor Richtung Austrofred-Buchpräsentation aus der Wohnung entfernt, mit dem Langen, mit Lippenstift, Stöckelschuhen und den Worten, wehe, man lasse sie morgen nicht ausschlafen, wehe ein Kind käme, wie letztens nach dem Auflegen im rhiz auf die Idee, nicht zur Schule gehen zu können, ohne zuvor an der geliebten Mutter gerüttelt und ihr einen innigen Abschiedskuss auf das stinkende Maul gedrückt zu haben. Die Oma ist eh da, also: WEHE!!!!

Aber jetzt wieder nix; sondern mit blutigem Knie und brutalem Schädelweh aussi, den Langen fragen, ob er deppert geworden ist und dem heulenden Kinde sanft, aber eindrücklich Informationen über die allgemeine Schulpflicht in Österreich nahebringen, die es nun einmal verbietet, einfach zu Hause zu bleiben, weil man gerade keine Lust hat. Buhuhu. Und warum, buhuhu, darfst du dann liegenbleiben? Wie du siehst, darf ich eh nicht. (Dafür hatte sich der Lange aus gekränkter Vater-Eitelkeit wieder ins Bett zurückgezogen und schnarchte bereits weiter.) Komm, du ziehst dich jetzt an und am Nachmittag, wenn du heimkommst, hab ich eine Überraschung für euch. Was für schluchz eine schluchz Überraschung? Sag ich nicht, siehst du dann, aber es ist eine gute und sie ist DVD-förmig.

Auch das habe ich bereut. Schon nachmittags um vier musste ich die Antwort auf die um zwei gestellte Frage, ob in „Mamma mia!“ Monster vorkommen, vollumfänglich revidieren, weil: Ja, es kommen in „Mamma mia!“ doch Monster vor. Ich werde jetzt, suupapa, truupapa, in einem ABBA-Umerziehungslager festgehalten; und das Knie schmerzt immer noch.
3.02.09

Wie man richtig lebt

| 02/09 Kurier-Kolumne

Ein kleines Fest am Rande des Literaturbetriebs: Verlagsmenschen, Buchhändler, Autoren, und worüber redet man, man redet über die Krise. Bis jetzt hat sie, dreimal auf Holz geklopft, noch keinen persönlich so richtig erwischt, keiner kann sagen, dass die Krise sein Leben schon spürbar verschlechtert hätte: Entweder, weil man – noch? – in einem relativ sicheren Feld tätig ist, oder weil man dank Herkunft einigermaßen versorgt ist. Oder weil man vorher schon nichts hatte und so oder so auf niedrigem ökonomischen Niveau weiterwurschteln wird.
Aber ein ungutes Gefühl hat jeder. Was bedeutet das für uns Einzelne, wenn die Banken krachen oder nicht krachen? Man spürt eine Wut auf jene, die Krise verursacht haben, indem sie uns über Jahre eingeredet habe, das liefe schon alles richtig, das würde sich schon alles selbst regulieren und alle würden irgendwie davon profitieren: Und jetzt, Pechpech, hat es sich halt nicht reguliert, und leider profitieren alle gar nicht davon; sondern im Gegenteil. Wie wirkt sich das auf das Leben aus, wie wird es sich noch auswirken?
Aber wenn es jetzt halt so ist: Kann man dem vorbeugen, offenen Auges entgegentreten, indem man sein Leben lieber präventiv ändert, vereinfacht, seine Wünsche reduziert und sich allgemein bescheidet? Erstens um die Reserven, die man vielleicht hat, nicht anzugreifen. Zweitens um gerüstet zu sein, falls es doch  schlimmer wird.
Es geht mehr denn je um die Frage: Wie lebt man richtig? Wie lebt man gut? Was braucht man wirklich?  (Zahnputzzeitmesser, Fakefeuer-Kamine, scheunentorgroße TV-Geräte, Espressomaschinen, Infrarotseifenspender,   Elektro-Wimperntuschen, noch ein Auto.) Vielleicht lebt es sich sogar besser ohne? Vielleicht: ja.
1.02.09

Schlechtes Licht ist auch von Vorteil

| Comments (1) | 02/09 Kurier-Kolumne

„Wir lügen uns doch alle in die Tasche. Alt werden ist beschissen. Beschissener geht es nicht.“ Nicht jeder pflegt so eine explizit verzweifelte Einstellung zum Altern, wie sie der Autor und Schauspieler Franz Xaver Kroetz im Herbst gegenüber einer deutschen Zeitung äußerte. Aber: Einfach ist es für keinen. Naja, vielleicht für Menschen, die in einer Einschicht allen Medienkonsum verweigern, denn das, was die französische Schauspielerin Jeanne Moreau, gesagt hat, lässt sich natürlich verallgemeinern: „Frauen fürchten nicht das Alter. Sie fürchten nur die Meinung der Männer über alte Frauen“. Fügen wir an: Und Männer fürchten die Meinung anderer Männer und junger Frauen. Alter liegt genauso im Auge des Betrachters wie Schönheit (wer, wenn wir hier schon Zitatenschätze plündern, hat das noch einmal gesagt?), jung und schön bleibt man also, indem man die Betrachter in die Ferne rückt und/oder reduziert, sowie durch schlechtes Licht im Badezimmer. Das reicht vielen nicht. Kürzlich ist eine 57-jährige Frau an den Folgen einer Schönheitsoperation gestorben. Auch wenn es zum Prozess kommt: an der Grundproblematik ändert ein Gerichtsurteil nichts. Ja: Soll jeder (Erwachsene) mit seinem Körper machen, was er will. Was jemand will, ist allerdings selbstverständich ein Produkt aus Bildern und Beeinflussungen. (Wie freiwillig tragen wir Frauen Highheels? Eben.) Und es gilt zunehmend als stil- und disziplinlos, nicht jung und attraktiv zu sein. Man könnte natürlich, noch ein Zitat, auf die Schauspielerin Anna Magnani hören, die sagte: „Lasst meine Falten in Ruhe. Ich habe sie mir über die Jahre redlich erworben.“ Aber das war in einer anderen, längst vergangenen Zeit.
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