Doris Knecht
| 02/09
| Kurier-Kolumne
Kaum schneit’s einmal richtig und richtig ausgiebig, jammern alle über den Schnee. Es soll aufhören! Es soll tauen! Es soll Frühling werden! Es soll wieder warm sein! Es sollen endlich Krokusse sprießen! Solcherlei!
Gut, es spricht einiges dafür, dass es endlich Frühling werde, vor allem ökonomisches: Heizkosten, Stromkosten, Therapiekosten, weil die Winterdepression jetzt schon ziemlich viele in ihrer Gewalt hat. Andererseits: Wann hatten wir zuletzt einen derart vorbildlichen, flächendeckenden Winter? In alpinen Hochlagen, ja, das ist leicht, aber in der Hauptstadt? Letztes Jahr hatte es in Wien genau einmal genug Schnee zum Rodeln. Vielleicht zweimal.
Wann lag in Wien der Schnee zuletzt mehr als zwei Stunden auf den Gehsteigen, bevor er sich in knietiefen Matsch verwandelte? Wann krallte er sich tagelang watteweich an die Äste, anstatt uns sofort hinterfotzig in den Kragen zu tropfen? Eben.
Aber es hat nun einmal Tradition, die jeweils folgende Jahreszeit herbeizusehnen, je mehr die aktuelle genau das tut, was man in der vorhergehenden herbeisehnte. Wir wollen Schnee, wenn’s keinen gibt. Gibt’s Schnee, wollen wir blühende Kirschbäume. Dabei bietet die aktuelle Klima- Situation Glücksmomente, nach denen wir in warmen Saisonen lange suchen müssen. Zum Beispiel, wenn das Eis die Autotür endlich freigibt. Zum Beispiel, wenn ein drei Monate unbeheiztes Haus endlich warm wird (nach etwa 18 Stunden heizen). Zum Beispiel, wenn das Kältekribbeln in den Fingern überrachend nachlässt.
Also: Let there be Snow. Jetzt noch. Danach soll der Lenz herbeieilen, mit lauer Luft und sprießenden Himmelschlüsseln und Sonne in den Herzen; das ganze schöne Frühlingspipapo.