19.02.09

Sie tun es, weil man sie lässt

Doris Knecht | 02/09 | Kurier-Kolumne

Als die Tochter von Frau Dr. W. vorgestern nach Hause kam, war sie schwer geschockt. Die 18-jährige war zu Mittag mit der U3 Richtung von der Johnstraße Richtung Stephansplatz gefahren, und in der U-Bahn von einer Horde Teenagerinnen mit Migrationshintergrund (Frau W. schreibt dazu: „Das nur der Vollständigkeit halber, inländische bringen das sicher auch fertig“) massiv belästigt worden. Unter anderem hatten die Gfraster versucht, ihr die Haare anzuzünden. Schlimm genug. Noch schlimmer: Keiner der anderen Passagiere reagierte, tat etwas, sagte etwas, unternahm etwas. Der Vorfall sei schweigend ignoriert worden, ein Mann habe sogar eigens seine Kopfhörer aufgesetzt, um von dem Geschrei nicht belästigt zu werden. Das hatte zwei Dinge zur Folge: Erstens flüchtete das Mädchen aus der U–Bahn und zur Polizei, wo man sehr nett zu ihr gewesen sei und ihr geraten habe, nächstes Mal die moderne Technik zu nutzen und den Polizeinotruf 133 anzuwählen. Das sollte, meint Frau W., bitte unbedingt erwähnt werden, denn auf die Unterstützung der Mitfahrenden sollte man sich auf keinen Fall verlassen. Weshalb Frau W. ihre Tochter, zweitens, nun mit einem Pfefferspray ausgestattet hat. Dazu ist noch etwas zu sagen. Dass Jugendbanden wie diese Passanten und Passagiere belästigen, hat viele Gründe, von denen die meisten mit juveniler Blödheit, pubertärer Rebellion, Unerzogenheit und Langeweile zu tun haben. Aber es gibt noch einen: Sie tun es, weil man sie lässt. Niemand soll sich durch riskante Selbstüberschätzung selbst gefährden: Aber wenn Jugendliche einer Jugendlichen mitten in einer Wiener U-Bahn die Haare anzünden, sollte das Publikum einen Eingreifimpuls fühlen; sonst ist etwas faul.
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