12.03.09

Alltag ohne Frauen

Doris Knecht | 03/09 | Kurier-Kolumne

Vielleicht wäre mein Vater, wenn ihm nicht schon als Jugendlicher meine Mutter beim Eislaufen in die Arme gefallen wäre, katholischer Pfarrer geworden. Er heiratete  und arbeitete, als die Stelle frei wurde, bis zu seiner Pensionierung als Pfarrsekretär seiner Heimatpfarre. Meine Eltern bekamen vier Kinder und sind seit 45 Jahren  glücklich verheiratet.
Josef Friedl ist Pfarrer geworden; er unterwarf sich per Gelöbnis den strengen Regeln einer Institution und befolgte sie irgendwann nicht mehr.  Er lebt seit Jahren mit einer Partnerin zusammen: Nun droht ihm der Amtsentzug. Und das ist, nach den Gesetzen der katholischen Kirche, völlig in Ordnung.
Die katholische Kirche muss sich und ihre Dogmen nicht ändern. Das ist ihr gutes Recht; sie kann ihren Mitglieder verbieten, was sie will. Allerdings kommen ihr die zusehends abhanden, und die Ereignisse der letzten Wochen haben eine gewisse Nervosität spürbar gemacht: Hohe Würdenträger gaben zu verstehen, dass die Austritte die Amtskirche sehr wohl tangieren.
Pfarrer Friedl scheint, das nehmen wir einmal an, in seiner Pfarre beliebt zu sein, sonst hätte die sein offenes Geheimis nicht so lange bewahrt. Es gibt immer weniger gute, beliebte Pfarrer, weil es immer weniger Pfarrer gibt. Der Zölibat mag für viele Männer eine erstrebenswerte Lebensform sei; für immer mehr ist er es nicht. Unter anderem, weil der Zölibat auch ein Ausdruck der kirchlichen Frauenfeindlichkeit und -ausgrenzung ist; und ein Alltag ohne Frauen ist für die meisten Männer  eine extrem unbetörende Vorstellung.
Mein Vater hat seine Entscheidung für ein Familienleben niemals bereut. Aber er wäre ein guter Pfarrer gewesen: auch mit Frau und Kindern.

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