13.03.09

Die Bibliothek im Hosensack

Doris Knecht | 03/09 | Kurier-Kolumne

Jetzt sollen wir also Bücher auch nicht mehr vom Papier, sondern von kleinen elektronischen Kasterln lesen. Bitte, ich bin kein Modernismus-Verweigerer: Mein erstes Handy hatte Größe, Format und Gewicht eines Ziegels und keiner rief je an (weil keiner sonst eins hatte), ich hatte eine eMail-Adresse bevor es auch nur ein Wort für Spam gab und besitze einen ipod mit berückender Speicherkapazität. Dass ich je ein eBook-Lesegerät, wie es jetzt bei der Leipziger Buchmesse präsentiert wird, besitzen werden, wage ich aber zu bezweifeln. Weil wozu? Mit einem MP3-Player ist das Ding nicht zu vergleichen: Der eignet sich dafür, unterwegs eingesetzt zu werden, weil er in seiner Winzigkeit Platz für eine überdurchschnittliche große CD-Sammlung bietet, aus der sich der reisende Mensch je nach Laune bedienen kann. Oder man stellt einen grandiosen Song, eine Oper oder ein Konzert auf Wiederholung und hört es immer und immer wieder. Das macht man mit einem Buch nicht. Die Lektüre eines Buches ist lineare, langwierige und zumeist einmalige Angelegenheit: Man liest ein Buch nach dem anderen und hat, außer man schreibt gerade an einer Diplomarbeit, kein Interesse daran, alle Augenblicke zwischen verschiedenen Büchern hin- und herzuwechseln. Es ist also unnötig, stets eine mittlere Bibliothek im Hosensack mit sich zu führen: Ein Buch reicht lange vor. Ballast-Vorteil hat das Elektrobuch auch keinen; ist nicht kleiner als ein Buch, wiegt nicht weniger, bietet keinen Zusatz-Nutzen. Im Gegenteil: Man kann nämlich derzeit in ebooks nicht einmal herumblättern. Und das tut man doch ganz gern.
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