10.03.09

Ja, wir schaffen das

Doris Knecht | 03/09 | Kurier-Kolumne

Am 22. März will der Schweizer Roland Wagner den Schwimm-Weltrekord über 50 Meter Freistil brechen, den der Australier Eamon Sullivan seit vergangenem Jahr mit 21,28 Sekunden hält. Das wäre Stoff für einen Einzeiler im Sport, wäre Roland Wagner nicht ein 44-jähriger Manager bei IBM. Früh einmal war Wagner  Schweizer Meister in verschiedenen Disziplinen, aber das ist mehr als zwanzig Jahre her.
Warum macht er das? Er wolle der Leistungsgesellschaft und ihren teilweise kranken Auswüchsen einen Spiegel vorhalten, sagte Wagner dem Tagesanzeiger. Er habe sich gedacht, das was Investmentbanker ihren Kunden an Gewinn versprachen, sei ja, als würde einer wie er behaupten, er könne den Weltrekord in 50 Meter Freistil brechen. Er beschloss dann, es zu behaupten. Nun glaubt er, das er es schafft (und dokumentiert sein Training auf Facebook).
Eine weitere Interpretationsmöglichkeit drängt sich auf: Worauf kann sich der Mensch noch verlassen, wenn die ökonomischen Strukturen um ihn herum brüchig werden? Was bleibt uns noch, was haben wir noch einigermaßen unter Kontrolle, was verschafft uns Erfolgserlebnisse? Der eigenen Körper, das eigene Körpergedächtnis, die eigenen überschaubaren Fähigkeiten.
Manche stricken, manche gärtnern und kochen, andere schwimmen oder tanzen. Wobei uns das Beispiel Christoph Fälbl leider bewiesen hat, dass gerade bei „Dancing Stars“ unkontrollierbare Faktoren zum Scheitern führen können.
Beim Roland Wagner wird das am 22. März doppelt keine Rolle spielen: „Sollte ich scheitern, passiert mir das, was den meisten Menschen passiert, immer wieder“, sagte er. Soll er es trotzdem schaffen.
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