22.03.09

Leben nach Vorschrift

Doris Knecht | 03/09 | Kurier-Kolumne

So. Wir treten in eine neue Phase der Aufklärung: Alle Menschen werden Kinder. 40-plus-Frauen tragen Hello-Kitty-Leiberl, Männer hüllen ihre sehr volljährigen Bäuche in Trikots mit urlustigen Sprüchen. Und das ist nur der unbedeutende Aspekt der zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Akutere Auswüchse: die geplanten Verbote in Öffis; erstens Handys, zweitens Essen. Das muss wohl sein: Erwachsene benehmen sich zunehmend wie ungezogene Kinder, denen man genau vorschreiben muss, was sie tun dürfen und was nicht, was anderen zumutbar ist und was nicht. Und sie haben scheint’s völlig verlernt, sich gegen Zumutungen selbst zu wehren, und gehen stattdessen wie Kleinkinder petzen: Der da isst neben mir! Das riecht eklig! Tu etwas dagegen! Ja, das öffentliche Verbreiten von Essensgeruch ist rücksichtslos, gefährdet das Gemeinwohl aber nur unwesentlich. Was wollen wir den Leuten noch alles vorschreiben? In welchem Winkel und Abstand man sich schnäuzen darf? Mit welchem Fuß man die U-Bahn zuerst betreten muss? Wo samma denn: Im Kindergarten? Und hatten wir nicht einmal einen Verstand, der adoleszente Sozialisation in zivilisatorische Kompetenz umzuwandeln imstande war, und mit dessen Hilfe wir vernünftig und verantwortlich handeln konnten? Liebe Evolution, den brauchen wir nicht mehr. Es wird uns jetzt eh alles so schön vorgeschrieben. Das ist gut; weil ständig stellt uns das Leben vor urschwierige Entscheidungen: Soll ich dem vor die Füße schlatzen oder nicht? Und wenn nicht: warum nicht? Und woher weiß ich das? Und warum muss ich das entscheiden? Warum? Weil du ein zurechnungsfähiger Erwachsener bist, deshalb: Schreib dir das einfach auf dein Leiberl.
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