08.04.09

Das Nest ist voll

Doris Knecht | 04/09 | Kurier-Kolumne

Gut, dass der Winter jetzt vorbei ist. Erstens  natürlich die Sonne, die Wärme, die laue Luft, das grüne Grün. Zweitens, weil ich nicht mehr weiß, wo ich den  Hausrat noch verstecken soll, den ich bei ebay ersteigert habe; je länger der Winter, desto hochfrequenter.
Jeder wird mit einer Winterdepression auf seine Weise fertig; die einen saufen, die anderen legen sich ins Solarium, wieder andere ersteigern bei ebay kistenweise alte Röschen-Tassen, dicke Wilhelmsburger-Teller, abgesplitterte Email-Kaffeekannen, bestickte Tischtücher, gehäkelte Decken. Nestbau, eh; man braucht nicht Psychologie studiert zu haben, um das zu erraten.
Aber jetzt ist die Zeit der Nesterei vorbei, und die Schränke sind voll. Die Schubladen auch, aber das liegt nicht ausschließlich an mir. Sondern auch an Oma, die findet, dass ihr altes Besteck in unserer Bestecklade besser aufgehoben ist als bei der Caritas. Worüber man geteilter Meinung sein könnte. Aber ich will Oma nicht beleidigten, und was, wenn es bei ihrem nächsten Besuch fehlt? Wie erkläre ich ihr den Unterschied, zwischen dem ersteigerten alten Silber, von dem zugegebenermaßen kein Teil zum anderen  passt und ihrem tadellosen und überdies vollständigen  Edelstahlbesteck aus den Achtziger Jahren mit dem schicken Rillenmuster? Kann ich nicht. Auch für den Gatten ist es nur altes Klumpert, das eine wie das andere.
Für mich ist es einzigartig schönes altes Klumpert, das das Universum, so ist das mit ebay, immer nur für die Länge eines Blinzelns hergibt, und wenn das Universum fertig geblinzelt hat, ist es für immer dahin. Und in einem Winter, so lang wie der letzte, kann einem dieser Gedanke ganz schön zusetzen. Gottlob ist es jetzt endlich Frühling.


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