16.04.09

Es muss nicht, aber es geht

Doris Knecht | 04/09 | Kurier-Kolumne

Man müsse sich schützen, sagte die Künstlerin Maria Lassnig dieser Tage in einem großen Interview. „Wovor?“, fragte die Süddeutsche Zeitung. „Vor Kindern“, sagte Lassnig. „Die einen ärgern?“, fragte die SZ. „Nein! Dass man keine bekommt!“, sagte Lassnig. Denn das gehe zu Lasten der Kunst. Es habe immer Frauen gegeben, die alles haben wollten. „Ehe, Kinder, Ruhm, alles. Aber das geht nicht.“
Die gebürtige Kärntnerin Lassnig, die im MuMoK gerade ihre großartigen späten Bilder zeigt, wird heuer 90; stammt also aus einer Gegend und einer Generation, die es für Frauen nicht vorsah, Beziehung, Kinder, Karriere: alles zu wollen.
Tracey Emin wiederum, die wichtigste britische Gegenwartskünstlerin und eine gute Generation jünger als Lassnig, erzählt in ihrer soeben auf deutsch erschienenen Autobiografie „Strangeland“ (Blumenbar Verlag) auch von ihrem latenten Kinderwunsch: Den sie sich  nie erfüllte, weniger aus Angst, ein Kind könnte ihre Karriere bremsen, sondern weil sie befürchtete, sie würde ihr Baby in einer Bar vergessen und  sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern, in welcher. Das ist einer von vielen eklatanten Gründen, keine Kinder haben zu wollen  und beweist, dass das Konzept freiwilliger weiblicher Kinderlosigkeit energischer Verteidigung bedarf.
Aber es ist auch gut, dass man Maria Lassnig zwar Recht geben  kann, aber nicht muss: Doch, Kinder zu haben ist immer noch schwer, es geht – wenn man das Kinderhaben und das Arbeiten Ernst nimmt - immer noch (zumindest ein wenig) zu Lasten des einen oder anderen. Aber es ist möglich und  mittlerweile normal, dass Frauen alles haben oder wenigstens wollen dürfen. Es zwickt noch; aber es geht.
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