19.04.09

General-Verscherzung

Doris Knecht | 04/09 | Kurier-Kolumne

Bravo, Lehrergewerkschaft: Kommenden Donnerstag werden viele Kinder endlich einmal live vor Ort erleben, womit ihre Mütter und Väter das Haushaltsbudget verdienen. Wie nennt man diese Form des Unterrichts? Lebensschule? Projektunterricht? Lernstoff-Auslagerung? Protesttag. Und viele Eltern werden nächsten Donnerstag, so es am Montag nicht doch noch zu einer Einigung kommt, keine andere Wahl haben, als ihre Kinder – so der Arbeitgeber das erlaubt – mit an ihren Arbeitsplatz zu nehmen. Die Lehrergewerkschaft betreibt damit eine interessante und betörend altmodische Form des Lobbyismus: Normalerweise versucht eine Lobby Interessen durchzusetzen, indem sie für ein möglichst breites Verständnis für die Forderungen der vertretenen Gruppe sorgt. Die Lehrergewerkschaft praktiziert das exakte Gegenteil und macht durch General-Verscherzung auf ihre Wünsche aufmerksam. Jetzt vergrault man auch noch jene Eltern, die für den Unmut der Lehrer lange Zeit Verständnis hatten: Das schmilz rapide, je länger die Verhandlungen dauern und je origineller die Ideen der Lehrervertreter werden.Die Lehrer isolieren sich immer mehr, weil ihr Kampf zusehends auf Kosten und auf dem Rücken der Schulkinder stattfindet. Zuerst schlug man vor, zur Sicherung der eigenen Pfründe ein bissl auf die Bildungsreform zu verzichten, jetzt unterrichtet man einfach einmal ein wengerl nicht mehr. Was die Schüler während des Streiks machen: schmecks. Aber was hat ein Pädagoge verfehlt, dem das Wohl seiner Schüler zweit- oder drittrangig ist? Genau. Ja, Gewerkschaftsarbeit ist kein Beliebtheitswettbewerb. Interessen gehören gehört. Aber die Lehrerinnen und Lehrer selbst sollten es sich nicht gefallen lassen, derart als Buh-Leute der Nation vorgeführt zu werden.
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