2.04.09

Schmeckt nach Frühling

Doris Knecht | 04/09 | Kurier-Kolumne

Wäre das schön, wenn Wünsche stets derart hurtig erfüllt würden, wie der gestrige: Kaum wurde der Winter zum Rücktritt aufgefordert, buckelte er auch schon von dannen und der Lenz trat mit Anlauf die Tür ein: Rrrrumms. Bin jetzt da! Na endlich. Gut! Aber kaum bringt der Frühling Sonnenschein und Entfeuchtung, tun die Österreicherin und der Österreicher, was sie am liebsten tun; sie sudern. Die Pollen, bitte! Die staubige Luft! Und der Bärlauch! Die energische Bärlauch-Verachtung, kurz EBV, findet beklagenswerterweise immer mehr Anhänger. Der Bärlauch sei eine Pest: Wo immer man sich zum Mahl niederlasse, werde zuverlässig Bärlauch serviert, Bärlauch-Suppe, Bärlauch-Pesto, Bärlauch-Knödel, ja sogar Bärlauch-Waffeln! Am Bärlauch sei nur eines gut, nämlich der Moment, an dem er nicht mehr wachse. Das ist sehr gemein gegenüber dem Bärlauch. Denn bald nach dem Bärlauch dominiert ein weiteres Saisongemüse die Speisekarten, und wird der Spargel so unhöflich empfangen? Wird er nicht. Keine ESV, nirgends. Wenn der Spargel seine blassen Spitzen aus der Erde bohrt, rufen alle hurra und juchee, zücken das Börsl, dichten ihm Lieder und rühren schon einmal die Sauce Hollandaise an. (Eine Verirrung, übrigens. Wenn schon nicht dem Spargel, dann muss mindestens der Sauce Hollandaise mit energischer Verachtung begegnet werden; erstens wegen ihrer Spargelgeschmacksüberdeckenden Grauslichkeit, zweitens aus Solidarität mit dem Bärlauch.) Den wir jetzt nicht gegen den Spargel ausspielen wollen. Aber wir wollen ihn loben: Er schmeckt nach Frühling. Er ist krisenfest und selbstversorgeraffin. Und bevor er einem über wird, ist er wieder weg.
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