Doris Knecht
| 05/09
| Kurier-Kolumne
So ein schönes Land, dieses Österreich. Gerade bin ich durch die Steiermark gefahren: So ein schönes Land! So ein fettes Grün! So dichte Wälder. So liebliche Almen. So fleißige Menschen. So ein schönes Land. Dann Radio gehört, eine Reportage über den EU-Wahlkampf der rechten Parteien und sofort gedacht: Wo kann ich anrufen und mich über diese Aussagen beschweren? Und darüber, wie hier rücksichtlos Gift über dieses schöne Land versprüht wird?
Das meiste Unheil entsteht aus dem Streben nach Purismus und Perfektion. Das macht die Menschen unrund und unglücklich: Wenn man das Wohnzimmer durchgängig in einem Stil eingerichtet hat, dann stört einen der alte Sessel von der Großmutter, bis man ihn endlich durch den stilistisch einwandfreien ersetzt hat, und dann stört einen die Lampe, die nicht ganz passt, und dann die Nase der Frau, die überhaupt nicht mit der Form des Diwan harmoniert. Beim Streben nach Purismus hat das Stören nie ein End, weil das Leben sehr dem Chaos zuneigt und dem Durcheinander. Und falls es doch gelingt, falls doch endlich alles einheitlich ist, dann muss man den Rest seiner Tage dem Aufpassen und Bewahren widmen: Weil was, wenn vom exklusiven 108-teiligen Komplettservice eine Tasse hinich wird? Was wenn einer herein will, der farblich oder kulturell nicht zur Einrichtung passt und die ganze reine, überschaubare Einheitlichkeit zerstört? Das macht schlechten Schlaf. Und häufig schlimmeres.
Wenn man über Österreich fliegt: Ein Fleckerlteppich. Eine totale Unordnung von Wiesen und Felder, Seen und Wäldern, von Besiedelung und Natur: Das pure Durcheinander, die perfekte Uneinheitlichkeit: Und so schön, so schön; genau deshalb.